Kanadas Rekordtorjägerin Sinclair bei der WM Sogar aus 70 Metern gefährlich

Christine Sinclair hat bereits 181 Länderspieltore erzielt. Doch sie braucht die Tore nicht, um zu glänzen, das wurde gegen Neuseeland deutlich. Über eine besondere Fußballspielerin - und ihre Geschichte neben dem Platz.

Die Nummer zwölf bei der Grätsche: Das ist Christine Sinclair
Denis Balibouse / REUTERS

Die Nummer zwölf bei der Grätsche: Das ist Christine Sinclair

Aus Grenoble berichtet


Ihr Schuss zischt nicht wie ein Kanonenschlag, und wenn Christine Sinclair ins Luftduell geht, steigt dort auch kein Hubschrauber empor. Die Kanadierin ist breit gebaut, doch sie agiert fast körperlos. Wer von Sinclair und ihren 181 Länderspieltreffern bisher nur gehört hat, dürfte eigentlich eine Strafraumstürmerin erwarten, eine, die auf den Ball wartet, um ihn dann eiskalt zu versenken. Eine für die große Show.

Doch Christine Sinclair ist eher das Gegenteil. Sie bewegt sich im Schatten, leise und vorausschauend.

Es lief gerade die 48. Minute bei Kanadas 2:0-Erfolg über Neuseeland. Die kanadischen Fußballerinnen bekamen in ihrem zweiten Vorrundenduell bei der WM in Frankreich einen Einwurf, etwa auf Höhe des eigenen Sechzehners. Der Ball flog ins Feld, ging verloren, blieb umkämpft. Dann sicherte ihn Sinclair endgültig zurück und leitete schnell den Gegenangriff ein.

Aus dieser Aktion folgte Sekunden später das 1:0 durch Jessie Fleming. Sinclair stand beim Führungstreffer knapp 70 Meter vom gegnerischen Strafraum entfernt. Die Stürmerin! So weit weg von der gefährlichen Zone. Und doch war sie an der Entstehungsgeschichte beteiligt; genau diese Szenen zeichnen die 36-Jährige aus. Auch deswegen steht Kanada vorzeitig im Achtelfinale der Weltmeisterschaft.

Sinclair hat ein starkes Kopfballspiel, auch wenn sie nicht besonders hoch springt
REUTERS

Sinclair hat ein starkes Kopfballspiel, auch wenn sie nicht besonders hoch springt

Aber von vorne. Christine Sinclair ist ein Superstar im Fußball der Frauen. Nur noch vier Tore und sie hat die US-Amerikanerin Abby Wambach (184 Treffer) abgelöst - dann wäre Sinclair die erfolgreichste Länderspieltorschützin der Fußballgeschichte, auch kein Mann erzielte bisher mehr Treffer. Sinclair gewann bereits zweimal Bronze bei Olympischen Spielen, wurde 14 Mal Fußballerin des Jahres in Kanada. Mit 284 Länderspielen ist sie Rekordspielerin ihres Landes. Sinclairs Karriere verläuft in Superlativen, und sie prägt das Spiel des Weltranglistenfünften bis heute.

So funktioniert das Spiel der Christine Sinclair

Gegen Neuseeland vergingen nur wenige Minuten, bis Sinclair das erste Mal ihren Platz als vorderste Spitze verließ. Sie ließ sich fallen, steuerte im Mittelfeld den Spielaufbau, wurde von der Vollstreckerin zur Regisseurin. Sie dirigierte dort, ohne laut zu werden; sie bekam den Ball, ohne ihn zu fordern. Sinclairs Mitspielerinnen wissen um ihre technische Stärke. Ihr erster Kontakt ist überragend, im Passspiel ist sie eine der sichersten und mit ihrer Erfahrung hat sie das Auge für besondere Momente.

Gegen Neuseeland lief fast jede Offensivszene über sie. Manchmal sieht es so aus, als wäre Kanadas Angriffsspiel dadurch zu berechenbar. Schon im nächsten Moment scheint der Gedanke aber falsch: Sinclair ist die stärkste am Ball, zieht immer wieder mehrere Gegenspielerinnen auf sich. Das gibt den Teamkolleginnen Räume, und obwohl jeder um Sinclairs Stärken weiß, schafft sie es häufig genug, selbst abzuschließen. In der 18. Minute köpfte sie an die Latte nach einem Eckball; in der 79. Minute traf sie den Pfosten, den Abpraller nutzte schließlich Nichelle Prince zum 2:0-Endstand. Prince gehört mit ihren 24 Jahren zu den vielen jungen Spielerinnen im Kader. Sie soll einmal die Zeit nach Sinclair prägen.

Sinclair freut sich mit Torschützin Prince - die 24-Jährige erzielte das 2:0
Denis Balibouse / REUTERS

Sinclair freut sich mit Torschützin Prince - die 24-Jährige erzielte das 2:0

Doch noch ist es nicht so weit, das weiß Prince. Sie sagte nach dem Sieg über die auch nach dem zweiten WM-Spiel noch torlose Kapitänin: "Mir ist es fast unangenehm, das Tor geschossen zu haben. Der nächste Abpraller gehört wieder ihr. Versprochen." Und Rechtsverteidigerin Sophie Schmidt sagte: "Wir werden sie wieder in bessere Positionen bringen. Sie bekommt noch ihre Tore." Als nächster Gegner warten die Europameisterinnen aus den Niederlanden, dann startet die K.-o.-Phase. Der Torrekord scheint zumindest bei dieser WM weit weg.

Je länger man den Kanadierinnen so zuhörte, desto stärker drängte sich auch die Frage auf: Wer will den Torrekord für Sinclair eigentlich mehr? Die Teamkolleginnen für Sinclair, oder Sinclair für sich selbst? Sie wirkte jedenfalls nicht so, als würde ihr die Rolle im Mittelpunkt besonders wichtig sein. "Wir waren wieder dominant. Das ist entscheidend", sagte sie. Und der Torrekord? "Ich bin stolz, wie gut wir als Team vorankommen." Wie schon beim 1:0-Erfolg über Kamerun trat Kanada nun auch gegen Neuseeland überzeugend auf. Nicht allein wegen Sinclair, sondern auch, weil die Defensive kaum Chancen zulässt.

Fußball als Ventil

Doch vielleicht wirkt Sinclair auch so ruhig, weil ihre Mission bei dieser WM nicht mehr nur eine sportliche ist. Im August vergangenen Jahres habe sie die "Komfortzone Fußballfeld" verlassen, das sagte sie vor der WM. Seither engagiert sie sich als Botschafterin gegen Multiple Sklerose (MS).

Sinclairs Mutter erkrankte an der Nervenkrankheit, da war Sinclair zwölf Jahre alt. Die Krankheit habe sie geprägt. Der Fußball sei immer ihr Ventil gewesen, eine Befreiung. Doch mittlerweile sieht Sinclair die Zeit gekommen, in der sie mehr Verantwortung für ihre Familie übernehmen muss: Die Mutter lebt heute im Pflegeheim in Vancouver, der Vater starb vor drei Jahren. Die Fußballerin, die ihr Geld in Portland in den USA verdient, ist 36 Jahre alt, ihre Karriere geht nicht mehr ewig.

Noch aber übernimmt Sinclair auch Verantwortung auf dem Fußballplatz, derzeit für ihr Team in Frankreich, mehr als Aufbauspielerin, weniger als Torschützin. Aber Sinclair glänzt auch, wenn sie mal nicht trifft.

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