US-Star Megan Rapinoe bei der WM Lautes Schweigen

18:0 Tore, neun Punkte, Durchmarsch ins Achtelfinale: Die USA sind bei der WM das beste Team. Doch sie kämpfen nicht nur um den Titel, sondern auch gegen Ungerechtigkeit - angeführt von Megan Rapinoe.

Megan Rapinoe (rechts) jubelt mit Torschützin Lindsey Horan
Bernadett Szabo / REUTERS

Megan Rapinoe (rechts) jubelt mit Torschützin Lindsey Horan

Aus Le Havre berichtet


Die US-Fußballerinnen sind bei der Weltmeisterschaft in Frankreich mit zwei Missionen gestartet. Sie wollen ihren WM-Erfolg von 2015 verteidigen. Und sie kämpfen um die Anerkennung ihrer Leistungen, um Gleichberechtigung mit den Männern und bessere Bezahlung. Beide Missionen sind eng miteinander verknüpft - und niemand steht besser für diesen Kampf als Megan Rapinoe.

Die USA scheinen derzeit nicht zu stoppen. Mit 18:0-Toren und neun Punkten zogen sie ins Achtelfinale ein, wo Spanien wartet. Dazu trägt Rapinoe als überragende Fußballerin maßgeblich bei. Das sah man beim 2:0-Erfolg über Schweden schon früh. Vier Minuten waren gerade gespielt, da schlug die Außenstürmerin einen Eckball scharf vor das Tor, der Ball rutschte durch zu Lindsey Horan und die 25-Jährige traf aus kurzer Distanz zur Führung. Rapinoe leitete auch das 2:0 ein (50.), ein Eigentor der Schwedin Jonna Andersson.

Aber in der Geschichte von Megan Rapinoe geht es nicht allein um ihre großen Auftritte auf dem Fußballplatz. Um ihre Geschichte besser zu verstehen, hilft ein Blick in die Vergangenheit.

Ein wichtiger erster Akt fand in Sinsheim statt, Juli 2011: Die US-Fußballerinnen waren gerade im Einsatz bei der WM in Deutschland, im Rhein-Neckar-Stadion traf das Team auf Kolumbien. Die 50. Minute lief, und die damals 26-jährige Rapinoe erzielte in ihrem zweiten WM-Einsatz ihr erstes WM-Tor. Ihr Jubel: Sie schnappte sich ein Stadionmikrofon und sang "Born in the USA".

Sie singt nicht die Nationalhymne - um zu protestieren

Dieses Tor war ein besonderes für sie, Rapinoe hatte in den Jahren zuvor zweimal einen Kreuzbandriss erlitten, eine der schlimmsten Verletzungen im Leben eines Sportlers. Ihr Weg in die Nationalmannschaft war kein leichter. Aber nun stand Rapinoe da: als Teil des besten Teams der Welt, als Torschützin. Natürlich war sie stolz, jung, und vielleicht brachte genau dieser Song ihre Gefühle in diesem Moment am besten zum Ausdruck.

Heute wäre das kaum noch vorstellbar.

Megan Rapinoe singt nicht mehr, ihre Stimme nutzt sie für größere Dinge. Wenn vor den Spielen der USA die Nationalhymne erklingt, bleiben ihre Lippen geschlossen. Es sei ein friedlicher Protest, sagt Rapinoe. Ein Protest gegen all die Ungerechtigkeiten in ihrem Land. Damit hat die 33-Jährige Erfahrung.

Megan Rapinoe (rechts) schweigt bei der Nationalhymne
Martin Rose /Getty Images

Megan Rapinoe (rechts) schweigt bei der Nationalhymne

Sie war 2012 die erste US-Fußballerin, die sich öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannte, danach wurde Rapinoe zu einem der wichtigsten Gesichter der LGBTQ-Bewegung, sie kämpfte gegen Vorurteile. Als der US-Footballer Colin Kaepernick 2016 bei einem Testspiel seines Klubs während der Nationalhymne kniete, um gegen die Diskriminierung von schwarzen Mitbürgern in den USA zu demonstrieren, solidarisierte sich Rapinoe mit ihm und kniete vor Länderspielen ebenfalls bei der Nationalhymne.

Wenige Monate später, Anfang 2017, forderte der US-Fußballverband seine Spieler und Spielerinnen dazu auf, während der Nationalhymne "respektvoll zu stehen". Seither singt Rapinoe die Hymne gar nicht mehr mit, aktuell als einzige aller US-Spielerinnen. In sozialen Netzwerken wird Rapinoe derzeit dafür auch angefeindet, rechtspopulistische Nachrichtenseiten wie "Breitbart" machen Stimmung gegen sie. Doch Rapinoe hält an ihrem Protest fest. Weil ihr der Kampf wichtig sei, sagt sie. Und vielleicht auch, weil sie um die Rückendeckung weiß. Als sie in der 82. Minute gegen Schweden ausgewechselt wurde, gab es stehende Ovationen für sie. Tausende US-Amerikaner waren in Le Havre, viele von ihnen trugen ein Rapinoe-Trikot.

Der breite Kader der USA ist die Stärke

Rapinoe bleibt aber auch auf dem Fußballplatz ruhig. Ohnehin wirkt sie oft eher wie ein Gegenpart dieser Mannschaft, die schon beim Anstoß mit fünf Spielerinnen auf den Gegner zurollt. Ein Team, wie ein Hochgeschwindigkeitszug, 300 Stundenkilometer schnell. Ab und an bremst Rapinoe diesen Zug. Um den Crash zu vermeiden. Gegen Schweden stoppt sie mehrere Kontergelegenheiten, damit die Teamkolleginnen nachrücken. Manchmal geht das schief. Rapinoe war zwar an beiden Treffern beteiligt, doch sie erlebt nicht ihren besten Abend. Zu oft steht sie im Abseits, zu häufig verspringen ihr Bälle.

Aber selbst auf eine schwächere Rapinoe würde der Kader Antworten bereithalten. Bereits vor dem Schweden-Duell waren alle 20 Feldspielerinnen zum Einsatz gekommen. "Unsere Qualität ist enorm", sagte Nationaltrainerin Jill Ellis nach dem Spiel, und es klang wie eine Drohung. Die hohe Qualität des Teams ist natürlich auch der Grund, warum dieses Team so beliebt ist, warum 130.000 Tickets bereits vor Turnierstart an US-Amerikaner verkauft worden sind. Die restlichen 22 Teilnehmerländer (ohne Gastgeber Frankreich) haben zusammen weniger Karten an ihre Landsleute gebracht als die USA.

Megan Rapinoe wurde 2015 Weltmeisterin in Kanada
PETER POWELL/EPA-EFE/REX

Megan Rapinoe wurde 2015 Weltmeisterin in Kanada

Diese Begeisterung wird den Fußballerinnen bei einem weiteren Kampf helfen. Auch diesen führt Rapinoe an. Bereits 2016 hatte sie mit Carli Lloyd, Hope Solo, Alex Morgan und Becky Sauerbrunn gegen den eigenen Verband eine Beschwerde wegen Lohnungleichheit eingereicht. Im März 2019 waren es dann 28 Nationalspielerinnen, die den Verband verklagten. Sie werfen ihm Diskriminierung vor. Die Bezahlung sei deutlich schlechter als bei den Männern, die Arbeitsbedingungen auch. Wie sie trainieren, medizinisch betreut werden und zu Spielen reisen sind nur einige Beispiele, wo die Frauen eine schlechtere Behandlung beklagen.

An dieser Stelle wird oft gesagt, dass Männer höhere Einnahmen für ihren Verband erzielen würden. Das mag in vielen Ländern auch so sein, in den USA offenbar nicht. Laut einer Studie des "Wall Street Journals" haben die Einnahmen der Fußballerinen von 2016 bis 2018 bei 50,8 Millionen Dollar gelegen, die Männer spielten für den Verband in dieser Zeit knapp eine Million Dollar weniger ein. Trotzdem verdienen die Männer mehr.

Die Studie erschien vor wenigen Tagen, sie verleiht den Forderungen der Fußballerinnen neuen Rückenwind. Und natürlich gibt sie auch der Stimme von Megan Rapinoe Kraft. Ihr Kampf geht weiter.



insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
scooby11568 21.06.2019
1. Wenn der Autor sich mal mit dem Text...
Vom Boss beschäftigt hätte, hätte er feststellen können, dass es sich bei Born in the USA um ein Protestlied handelt. Born down in a dead man's town, the first kick I took was when I hit the ground, end up like a dog that's been beat too much 'til you spend half your life just covering up... Eventuelle Fehler bitte ich zu verzeihen, ich hatte keine Zeit, den Text zu googeln.
DieLetzteBastion 21.06.2019
2. Gleiche Leistung für gleiches Geld
So herum müsste es eigentlich heißen. Denn die sportlichen Leistungen von Profi-Spielerinnen stehen selbstredend deutlich hinter den Leistungen der Männer zurück (Geschwindigkeit, Schusshärte, Zweikampfverhalten, etc.). Wenn Frauen also nicht die gleichen Leistungen erbringen (können), dann bekommen sie auch nicht das gleiche Geld. So einfach ist das. Darüber hinaus ist Fußball im Profibereich ein Produkt. Rein wirtschaftlich bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Beim Frauenfußball ist die Nachfrage (Zuschauer) gering, entsprechend ist es auch der Preis. Auch hier gilt: So einfach ist das.
sven17 21.06.2019
3.
Müsste dann nicht der Erfolg über allem stehen? Wer schneller rennt oder härter schießt spielt da ja keine Rolle, egal wie oft die Sprüche aufgewärmt werden. Wenn die Frauen Titel holen und laut Artikel auch mehr Geld in die Kassen bringen, müssten sie ihrer Logik nach nicht mindestens so viel verdienen wie die Männer?
RalfHenrichs 21.06.2019
4. Es gibt wenige Länder, in denen die Forderung berechtigt ist
Norwegen gehört dazu. Die USA auf jeden Fall. In diesen beiden Ländern kann ich den Protest nach höherer Bezahlung nachvollziehen. Das ist aber eher die Ausnahme im Fußball.
mwroer 21.06.2019
5.
Zitat von DieLetzteBastionSo herum müsste es eigentlich heißen. Denn die sportlichen Leistungen von Profi-Spielerinnen stehen selbstredend deutlich hinter den Leistungen der Männer zurück (Geschwindigkeit, Schusshärte, Zweikampfverhalten, etc.). Wenn Frauen also nicht die gleichen Leistungen erbringen (können), dann bekommen sie auch nicht das gleiche Geld. So einfach ist das. Darüber hinaus ist Fußball im Profibereich ein Produkt. Rein wirtschaftlich bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Beim Frauenfußball ist die Nachfrage (Zuschauer) gering, entsprechend ist es auch der Preis. Auch hier gilt: So einfach ist das.
Gerade der zweite Absatz stimmt in den USA so eben nicht - die Abteilung Frauenfußball erzielt dort mehr Gewinn als die Abteilung Männerfußball. Ergo müssten die Frauen dort mehr verdienen als die Männer - ziemlich einfach, stimmt. Den ersten Absatz lasse ich einfach mal als Beispiel für die außerordentliche Borniertheit von Leuten stehen die vermutlich auch Formel 1 und Rallye miteinander vergleichen weil 'sind ja Autos' - und die dann versuchen mit einem McLaren F1 die Rallye Paris-Dakar zu fahren :)
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