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25. Juni 2019, 06:59 Uhr

DFB-Viertelfinalgegner Schweden

"Deutschland hat uns so oft geschlagen - jetzt sind wir dran"

Aus Paris berichtet

Schwedens Bilanz gegen Deutschlands Fußballerinnen bei großen Turnieren ist verheerend. Doch nach dem WM-Achtelfinalsieg gegen Kanada ist das Selbstbewusstsein groß. Nun soll Musik von Rammstein helfen.

Schwedens Trainer hat eine spezielle Art, sich auf Spiele vorzubereiten. Vor dem WM-Achtelfinale gegen Kanada hatte er Lieder des kanadischen Musikers Neil Young abgespielt. So erzählte es Peter Gerhardsson nach dem 1:0-Sieg gegen die Nordamerikanerinnen zumindest. Da lag die Frage natürlich nahe, welche deutschen Künstler er vor dem Spiel gegen Deutschland hören wird. Der 59-Jährige gab eine klare Antwort: "Rammstein. Es wird 'heavy', deshalb passt das."

In Frankreich wird es am kommenden Samstag (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ARD) zur Neuauflage eines Klassikers kommen. 28 Länderspiele gab es schon zwischen Deutschland und Schweden, die DFB-Auswahl siegte 20-mal. Noch eindeutiger ist die Statistik bei großen Turnieren: Die letzte Niederlage bei einer WM, EM oder bei Olympischen Spielen gab es vor 24 Jahren.

Vor allem in den wichtigen Spielen setzte sich die DFB-Auswahl durch:

2016, Olympia-Endspiel: 2:1-Sieg.

2013, EM-Halbfinale: 1:0-Sieg.

2004, Olympia-Bronzematch: 1:0-Sieg.

2003, WM-Finale: 2:1-Sieg nach Verlängerung.

2001, EM-Finale: 1:0-Sieg nach Verlängerung.

1995, EM-Finale: 3:2-Sieg.

Nun sollte man annehmen, dass eine solche Serie auch Spieler und Trainer beeindrucken können, die an den meisten dieser Partien nicht teilgenommen haben. Schwedens Trainer Gerhardsson hielt von solcher Historienschau jedoch nichts. "Ich interessiere mich nicht für solche Statistiken. Einzig das letzte Match ist vielleicht interessant."

"Das wird ein 50:50-Spiel"

Das bislang letzte Aufeinandertreffen beider Teams war im April dieses Jahres. Auch diese Partie hatte Deutschland gewonnen, 2:1. Dass ein Freundschaftsspiel jedoch nur wenig Aussagekraft für eine WM hat, weiß auch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg: "Wir werden uns nicht zurücklehnen. Das wird ein 50:50-Spiel", sagte sie in einer Videobotschaft.

Die Bundestrainerin ist damit auch gut beraten. Die Partie gegen die defensiv sehr gut organisierten Schwedinnen wird für die deutsche Mannschaft, die bislang in der Offensive oft nur bei Standards überzeugen konnte, keine leichte Aufgabe. Zudem wird die deutsche Abwehrreihe von den schnellen schwedischen Angreiferinnen mehr gefordert werden, als das in den vergangenen Partien der Fall war.

Gegen Kanada brauchte das schwedische Team eine Hälfte, bevor die Sturmreihe in Fahrt kam. Besonders die dribbelstarke Sofia Jakobsson, die technisch versierte Kosovare Asllani und Stina Blackstenius zeigten immer wieder ihre Gefährlichkeit, die auch im 1:0 mündete: Asllani spielte einen präzisen Pass in den Lauf von Blackstenius, die den Ball an Kanadas Torhüterin vorbeispitzelte.

"Es ist Zeit, sie zu schlagen"

Nicht nur vorne überzeugten die Schwedinnen, auch Torhüterin Hedvig Lindahl hatte einen denkwürdigen Auftritt. Nachdem Kanadas Desiree Scott Asllani am ausgestreckten Arm angeschossen hatte, gab es - nach Einsatz des Videoschiedsrichters - Elfmeter für Kanada. Lindahl bewies beim Schuss von Janine Beckie Sprungkraft und parierte den Schuss mit einer starken Parade.

Diese Szenen gaben den Schwedinnen eine Menge Selbstbewusstsein: "Wir haben schnelle und technisch starke Spielerinnen, eine gute Defensive und eine großartige Torhüterin", sagte Jakobsson. Schweden hatte sogar einen weiteren Elfmeter zugesprochen bekommen, aber der Videoschiedsrichter hatte die Entscheidung kassiert.

Auf die Partie gegen Deutschland freuen sich die Schwedinnen besonders, das war nach dem Einzug ins Viertelfinale zu spüren. "Wir wissen, dass Deutschland ein starkes Team hat. Aber es ist Zeit, sie zu schlagen", sagte Mittelfeldspielerin Elin Rubensson. Jakobsson sagte: "Deutschland hat uns so oft geschlagen - jetzt sind wir dran."

"Unsere Spielerinnen müssen Heldinnen sein"

Die Ungeduld, endlich ein wichtiges Spiel gegen die DFB-Auswahl zu gewinnen, war spürbar: "Wenn es irgendwann einmal an der Zeit war, sie zu besiegen, dann in diesem Jahr", sagte Asllani: "Sie sind nicht unschlagbar. Wir können das Spiel auf jeden Fall gewinnen." Besonders in Sachen Geschwindigkeit sieht die Angreiferin Vorteile bei den Skandinavierinnen: "Das wollen wir nutzen."

Im Finale von Rio de Janeiro vor drei Jahren waren die Deutschen gegen Schweden durch einen Kunstschuss in den Winkel in Führung gegangen. Den Treffer hatte dieselbe Spielerin erzielt, die auch die meisten deutschen Tore gegen die Skandinavierinnen geschossen hat (fünf) - und die dem DFB-Team in den vergangenen drei Partien wegen eines Zehenbruchs fehlte: Dzsenifer Marozsán.

Die Mittelfeldspielerin soll am Samstag auflaufen. Aber Schwedens Coach Gerhardsson wird das egal sein, er hält ja eh nichts von Statistiken oder gar bösen Omen. Und er hat eine einfache Botschaft an sein Team: "Unsere Spielerinnen müssen Heldinnen sein."

Schweden - Kanada 1:0 (0:0)
1:0 Blackstenius (55.)
Schweden: Lindahl - Glas, Fischer, Sembrant, Ericsson - Rubensson (79. Björn), Asllani, Seger - Jakobssen, Blackstenius (90. Anvegard), Rolfö (89. Hurtig)
Kanada: Labbé - Lawrence, Buchanan, Zadorsky, Chapman (84. Riviere) - Prince (64. Leon), Scott, Schmidt, Beckie (84. Quinn) - Fleming, Sinclair
Gelbe Karten: Rolfö, Asllani / Buchanan
Schiedsrichterin: Jacewicz (Australien)

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