Der Video-Assistent bei der WM Ohne ihn geht es nicht

Die Video-Assistenten stehen bei der WM in der Kritik - mal wieder. Dabei verbessern sie die Entscheidungsqualität der Schiedsrichterinnen deutlich. Gäbe es den VAR nicht, dann würde der Ruf nach ihm laut.
Von Alex Feuerherdt
Für große Aufregung sorgte der Einsatz des VAR beim Spiel Kamerun gegen England

Für große Aufregung sorgte der Einsatz des VAR beim Spiel Kamerun gegen England

Foto: Marc Atkins / Getty Images

Es wird mal wieder viel gemeckert, geschimpft und gezetert über die Video Assistant Referees (VAR) und ihre Eingriffe bei der Weltmeisterschaft in Frankreich. Der Tenor der Kritik von Aktiven, Fans und Kommentatoren lautet: Die Reviews dauerten viel zu lange, die Video-Assistenten mischten sich zu oft ein, den Schiedsrichterinnen fehle die Erfahrung mit ihnen, außerdem wisse man oft nicht, was gerade geprüft wird.


Zur Person

Der Publizist Alex Feuerherdt ist Mitgründer und -betreiber von "Collinas Erben", einem Podcast, der sich mit der Schiedsrichterei beschäftigt. Zudem ist er seit 1985 selbst Schiedsrichter und hat Spiele bis zur Oberliga geleitet. Er ist seit Jahren verantwortlich für die Aus- und Fortbildung der Referees in Köln sowie Schiedsrichter-Coach im Fußballverband Mittelrhein. Als Experte tritt er regelmäßig in Radio- und TV-Sendungen auf.


Für Grautöne ist nicht viel Platz in der Debatte. Für die Fortschritte, die der Einsatz des VAR mit sich bringt, erst recht nicht. Zwar stimmt es, dass der Umgang mit den Video-Assistenten für nahezu alle WM-Schiedsrichterinnen Neuland ist. Aber man kann sich ausmalen, welche Beschwerden es gegeben hätte, wenn den Frauen etwas verwehrt worden wäre, was die Männer bei ihrer WM vor einem Jahr nutzen durften.

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter

Foto: Stefanie Fiebrig

Unstrittig ist auch, dass die Video-Assistenten im Vergleich zur Weltmeisterschaft der Männer deutlich häufiger eingreifen - alle 1,5 Spiele kam es zu einer Review, bei der Fußball-WM 2018 in Russland war das nur alle 3,2 Spiele der Fall, also weniger als halb so oft. Das lässt darauf schließen, dass die Referees in Frankreich mehr Fehler begehen, wozu auch die eine oder andere noch ungewohnte Regelneuerung beitragen mag, etwa bei der Elfmeterausführung oder dem Handspiel. Die Unterbrechungen mögen manchmal stören - doch wie laut wäre der Aufschrei, wenn spielentscheidende Fehler mangels VAR nicht korrigiert werden könnten?

Pierluigi Collina, der Chef der Fifa-Unparteiischen, hat am Mittwoch einige Zahlen zu den VAR-Eingriffen im Turnierverlauf präsentiert. Demnach wurden bislang elf von 23 Strafstößen nach einer On-Field-Review verhängt, also fast die Hälfte. Fest steht: Ohne VAR hätte es eine Vielzahl von berechtigten Elfmetern, aber auch von rechtmäßigen Toren, nicht gegeben.

Pierluigi Collina zog eine Zwischenbilanz der VAR-Einsätze bei der WM

Pierluigi Collina zog eine Zwischenbilanz der VAR-Einsätze bei der WM

Foto: Franck Fife / AFP

Die bislang 29 Reviews führten 25-mal zu einer Änderung der Entscheidung, viermal blieb die Schiedsrichterin bei ihrer Einschätzung. Ohne konkrete Beispiele zu nennen, sagte Collina, in acht Fällen sei die Entscheidung der jeweiligen Spielleiterin falsch gewesen. Das ist mehr als ein Viertel und damit zweifellos zu viel. Eine andere Zahl relativiert diese Quote allerdings: In den bislang 44 Spielen wurden 441 Situationen von den Video-Assistenten überprüft. Dabei kamen die Schiedsrichterinnen ohne VAR auf 92,51 Prozent richtige Entscheidungen. Mit VAR waren es 98,18 Prozent.

"Man kann nicht gleichzeitig akkurat und schnell sein"

Dass die Unterbrechung bei einem VAR-Eingriff manchmal länger dauert, hängt zum einen mit der fehlenden Praxiserfahrung der Schiedsrichterinnen zusammen. Zum anderen sind die Überprüfungen in Paris bisweilen umfangreicher, als es auf den ersten Blick scheint. So zum Beispiel im Achtelfinale zwischen den Niederlanden und Japan: Die Entscheidung auf einen Handelfmeter wurde überprüft, weil der Ball zuvor womöglich im Seitenaus gewesen war. "Man kann nicht gleichzeitig akkurat und schnell sein", sagte Pierluigi Collina.

Die neuerdings strenge Überwachung des Torwartverhaltens beim Elfmeter, die zu drei Wiederholungen von verschossenen Strafstößen und viel Kritik geführt hatte, verteidigte der frühere Weltklassereferee ausdrücklich. Man sei den Torhüterinnen mit der Regeländerung, nach der sie bei der Ausführung des Strafstoßes nur noch mit einem Fuß auf der Torlinie sein müssen, entgegengekommen, erklärte er: "Und die Regeln müssen eingehalten werden." Man könne niemandem logisch erklären, warum man es beim Abseits zentimetergenau nimmt, aber beim Elfmeter nicht.

Eine Handelfmeter-Entscheidung sorgte im Spiel Niederlande gegen Japan für Aufregung

Eine Handelfmeter-Entscheidung sorgte im Spiel Niederlande gegen Japan für Aufregung

Foto: Maja Hitji / Getty Images

So schlüssig das in der Theorie klingt, so wenig hatte die Fifa offenbar vor dem Turnier über die Folgen der peniblen Durchsetzung nachgedacht. Bei den obersten Regelhütern vom International Football Association Board erwirkte der Weltverband in aller Eile eine Ausnahmegenehmigung: Kommt es bei einem Finalspiel zum Elfmeterschießen, dann wird auf die eigentlich zwingend vorgeschriebene Gelbe Karte für die Torfrau verzichtet, wenn diese sich zu früh von der Torlinie bewegt und der Ball nicht ins Tor geht. Damit sollen Gelb-Rote Karten vermieten werden.

Gäbe es den VAR nicht, würde der Ruf nach ihm laut

Der Fußball hat sich rasant entwickelt, er ist schneller, athletischer und professioneller geworden. Das fordert auch die Schiedsrichterinnen stärker. Vieles ist auf dem Feld in Echtzeit schwerer zu entscheiden als in früheren Jahren. Damit steigt die Gefahr von Fehlern. Im Einzelfall mag das häufige Eingreifen des VAR die Autorität der Schiedsrichterin schwächen - wie im Achtelfinalspiel zwischen England und Kamerun, als die Unparteiische Liang Qin gleich viermal an den Monitor geschickt wurde und die Kamerunerinnen damit drohten, das Feld vorzeitig zu verlassen.

Insgesamt aber tragen die Video-Assistenten auch beim Turnier in Frankreich wesentlich zur Steigerung der Entscheidungsqualität der Unparteiischen bei. Jede Wette: Gäbe es den VAR bei dieser WM nicht, dann wäre der Ruf nach ihm in vielen Spielen laut geworden. Und es hieße: Er mag ja manchmal nerven, aber immerhin hilft er, spielentscheidende Fehler zu verhindern.

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