Fußball-WM in Russland Putins Problemstadion

Mit langer Verspätung eröffnet das letzte Stadion der WM in Russland. Die Arena in Samara ist ein Symbol für Gigantismus und Verschwendung. Viele fragen sich: Was hat das noch mit Fußball zu tun?
Samara-Arena im vergangenen September

Samara-Arena im vergangenen September

Foto: MLADEN ANTONOV/ AFP

Als er klein war, hat Sergej Lejbgrad immer von einem richtigen Stadion mit Dach geträumt. Modern und komfortabel für seine Mannschaft Krylja Sowetow und Fans wie ihn sollte es sein.

Lejbgrad ist so etwas wie der Chef-Fan des russischen Fußballklubs. Mit einem Holzstock zeigt der 56-Jährige auf ein Trikot in einer Vitrine, es stammt aus den Sechzigerjahren. In dem Kellerraum unweit des Zentrums von Samara, einer Stadt etwa 1000 Kilometer südöstlich von Moskau, hat er mit anderen Tausende von Erinnerungsstücken, viele in den Vereinsfarben Blau-Weiß, zusammengetragen: Fanschals, Plakate, Fotos.

Sergej Lejbgrad

Sergej Lejbgrad

Foto: SPIEGEL ONLINE

Sein Vater nahm Lejbgrad schon als Zweijährigen mit zu den Spielen ins Metallurg-Stadion: offene Tribünen, ein Rasenplatz, auf dem gekickt wurde, egal wie stark der Wind pustete, der schon mal ordentlich über die Stadt an der mächtigen Wolga hinwegwehen kann.

Am Samstag spielt Krylja Sowetow - und zwar zum ersten Mal im neuen Stadion, der Samara Arena. Lejbgrad ist natürlich dabei, wenn seine Mannschaft auf Fackel Woronesch trifft, schließlich geht es darum, ob sein Klub in die Premjer-Liga aufsteigt, in die höchste Spielklasse Russlands. Noch vier Spiele sind zu bestreiten, Krylja Sowetow liegt auf Platz 3 der Tabelle . Da geht also etwas.

Doch Lejbgrad sieht das lange erträumte und neue Stadion inzwischen mit gemischten Gefühlen. Es wurde für die Fußball-WM gebaut - dem Prestigeprojekt des Kreml. Ab 14. Juni will Präsident Wladimir Putin der Welt demonstrieren, dass Russland ein perfektes Turnier durchführen kann. Da heißt es nicht kleckern, sondern klotzen. Und in Samara hatte man sich einiges vorgenommen, was nicht unbedingt mit Fußball zu tun hat, wie Lejbgrad findet.

Stadion Samara im vergangenen Jahr

Stadion Samara im vergangenen Jahr

Foto: ./ ASSOCIATED PRESS

Der damals verantwortliche Gouverneur der Region, Nikolaj Merkuschin, wollte ein ganz besonderes Stadion schaffen: eine Kosmos-Arena, deren transparentes selbst tragendes Dach die Illusion erwecken sollte, dass das Stadion fliegt. Samara ist bekannt für seine Sojus-Raketen, die ins Weltall starten.

Mahnung von Putin

Das Samara-Stadion ist das letzte von zwölf WM-Stadien in Russland, das nun wenige Wochen vor dem Turnier eröffnet wird.

3000 Arbeiter haben die Arena im Schichtbetrieb in den letzten Wochen auf den letzten Drücker fertiggestellt, darunter viele Gastarbeiter, etwa aus Usbekistan. Die Fifa hatte Druck gemacht. Immer wieder musste der Termin verschoben werden.

"Das Stadion mit den größten Problemen", haben selbst kremlnahe russische Medien gespottet. Präsident Putin ermahnte den amtierenden Gouverneur Dimitrij Asarow vor wenigen Monaten, den Bauprozess persönlich zu kontrollieren. Vorher hatte Putin bereits erklärt, dass alles nach Plan laufe, nur in einem Stadion nicht: Samara. Gouverneur Merkuschin war Ende vergangenen Jahres vom Staatschef entlassen worden, was insofern praktisch ist, als dass er nun gut als Sündenbock für alle Schwierigkeiten beim Stadionbau herhalten kann.

In Samara hat man es nämlich allenfalls zu einem "Kosmoschen" geschafft. Das Dach ist nicht mehr transparent, sondern besteht aus günstigeren Blechelementen. Fußballfan Lejbgrad erinnert das mehr an eine Schildkröte als an ein fliegendes Raumschiff.

Dachkonstruktion des Stadions in Samara

Dachkonstruktion des Stadions in Samara

Foto: MLADEN ANTONOV/ AFP

Anfangs war das Stadion mit einem Budget von 13,2 Milliarden Rubel (etwa 200 Millionen Euro) veranschlagt worden, was viel zu wenig war für ein Projekt dieser Größe und der geforderten Sicherheitsmaßnahmen, die zunächst nicht berücksichtigt wurden. Knapp 45.000 Plätze hält die Arena bereit, auf einem insgesamt 156.000 Quadratmeter großen Gelände, was sehr groß ist für ein Fifa-Stadion.

In Samara sollte ein Eventstadion entstehen mit Tanzschule, Fitnessclub und Restaurants, sogar eine Universität sollte in der Nähe angesiedelt werden. Ein ehrgeiziges Unterfangen, von dem nur Teile fertiggestellt wurden: nämlich das Stadion an sich, der Rasen und der Zugang zur Arena.

Baubudget wächst um Millionen Euro

"Das Stadion ist eine Geschichte der Skandale", sagt Lejbgrad. In der laufenden Bauphase seit 2014 musste das Stadionprojekt verändert werden, es gab Machtkämpfe. Schließlich ging es um eine Menge Geld aus dem föderalen Etat, das es zu verteilen galt. Inzwischen werden die Kosten mit offiziell 18,9 Milliarden Rubel (etwa 250 Millionen Euro) angegeben. Doch die Summe dürfte noch steigen. Allein die Beseitigung von Mängeln soll nach Angaben der Zeitung "Kommersant" bis zu drei Milliarden Rubel (bis zu 40 Millionen Euro) kosten. Die Samara-Arena ist damit das drittteuerste Stadion der WM.

Merkuschin, so erzählen mehrere Gesprächspartner, die aber wie so viele bei diesem Thema anonym bleiben wollen, versuchte seine Leute mit Aufträgen zu versorgen. Der Generalbauunternehmer PSO Kasan aber hatte seine Subunternehmen. Zudem mischte sich das Sportministerium in Moskau ein. Zwischenzeitlich ruhten die Bauarbeiten 2016 ganz.

Blick ins Stadion

Blick ins Stadion

Foto: Stadtverwaltung Samara

Die Dachkonstruktion wurde nicht fertig, der Rasen konnte deshalb nicht ausgesät werden, auf dem Spielfeld standen noch Stützkonstruktionen. Also musste man fertigen Rasen einkaufen, das tat man in Willich in Deutschland. In 23 Lastwagen wurde das Rollgrün Tausende Kilometer nach Samara gefahren und dort mit Kunstfasern verstärkt. "Es geht alles nur noch nach dem Prinzip Koste-es-was-es-wolle", sagt Lejbgrad.

Bei den Arbeitern aber kam das Geld nicht unbedingt an. Mehrere berichten, dass sie keinen Lohn bekommen haben. Der Elektriker Ilja, 28 Jahre, seinen Nachnamen will er lieber nicht nennen, montierte etwa Anfang des Jahres Rauchmelder und Lautsprecher im Stadion. Dreieinhalb Wochen machte er das, eigentlich sollte er sein Geld jeweils nach jeder Woche Arbeit bekommen. Anfang Februar reichte es ihm, er ging.

Die WM will sich Ilja trotzdem nicht verderben lassen, sagt er. Er liebe Fußball - wie so viele in Samara, was auch auf den beliebten Klub Krylja Sowetow zurückzuführen ist.

"Wie ein Kind"

Auch der für das Stadion zuständige Vize-Gouverneur Alexander Fetisow erzählt gern, wie er mit seinem Vater zu den Spielen des Klubs ging. An Sonntagen bolze er immer noch mit Freunden auf dem Platz seiner Schule.

Der 51-Jährige nennt das neue Station immer noch "Kosmos-Arena". Die Probleme spielt er runter, schiebt die Verzögerungen auf den in diesem Jahr sehr langen und kalten Winter. Doch selbst Fifa-Vertreter ließen solche Erklärungen nicht gelten: Für Russland sei ein solches Wetter nicht ungewöhnlich.

Alexander Fetisow

Alexander Fetisow

Foto: SPIEGEL ONLINE

Wie teuer das Stadion wird, will Vize-Gouverneur Fetisow nicht sagen. Das Stadion vergleicht er mit einem Kind: "Wenn ein Kind irgendwelche Schwächen hat, lieben sie es dennoch." Alles werde funktionieren, verspricht er. "Samara hat immer alles geschafft, wir haben es geschafft, Raumschiffe ins All zu schicken. Und auch jetzt werden wir nicht versagen." Eine der in Samara gefertigten Raketen hatte 1961 das Raumschiff Wostok mit dem Kosmonauten Jurij Gagarin ins All gebracht, er war der erste Mensch im Weltraum.

Immerhin gibt es noch zwei weitere Testspiele, um den Betrieb des WM-Stadions zu proben, sagt auch Kritiker Lejbgrad. Dann mit knapp 45.000 Zuschauern und nicht wie an diesem Samstag mit nur 15.000.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, das Arena-Gelände sei 156 Quadratmeter groß. Tatsächlich sind es 156.000 Quadratmeter. Außerdem hieß es, die Mängelbeseitigung koste bis zu vier Millionen Euro. Tatsächlich sind es bis zu 40 Millionen Euro.

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.