Fußball-WM Neuville schießt Deutschland ins Viertelfinale

Im WM-Achtelfinale traf die deutsche Nationalmannschaft auf Paraguay. Nach einem mühsamen Spiel gewann die Mannschaft von Rudi Völler durch ein Tor von Oliver Neuville kurz vor Schluss und steht nun im Viertelfinale.


Matchwinner Oliver Neuville: Genugtuung verspürt
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Matchwinner Oliver Neuville: Genugtuung verspürt

Seogwipo - Oliver Neuville hat der deutschen Nationalmannschaft nach einem Geduldsspiel zum Einzug ins WM-Viertelfinale verholfen. Durch ein Tor des Leverkuseners in der 88. Minute besiegte das Team von Rudi Völler am Samstag in Seogwipo Paraguay mit 1:0 (0:0) und stieß zum 14. Mal bei 15 WM-Teilnahmen in die Runde der letzten Acht vor. Vor nur 25.176 Zuschauern im lediglich zu zwei Dritteln besetzten Cheju-Stadion jagte Neuville eine Flanke seines Teamkollegen Bernd Schneider volley zum hart erkämpften Sieg ins Netz, mit dem das deutsche Team sein erstes WM-Ziel erreichte. Gegner im Viertelfinale am kommenden Freitag in Ulsan ist der Sieger des Duells zwischen den USA und Mexiko.

Neuvilles spätes Tor entschied das Duell zweier technisch limitierter Mannschaften, in dem die deutsche Mannschaft lange Zeit vergeblich nach der Lücke in der gegnerischen Abwehr suchte. In der Schlussminute wurde Paraguays Mittelfeldspieler Roberto Acuna nach einer Tätlichkeit gegen Michael Ballack mit der Roten Karte des Feldes verwiesen.

"Wir können nicht jeden an die Wand spielen"


"Wir haben uns in der Halbzeit vorgenommen, Fußball zu spielen. Wir waren nicht brillant, aber das ist gegen Paraguay auch nicht möglich. Wir haben immer an uns geglaubt. Wir können mit dem Resultat umgehen und wissen, dass wir nicht jeden Gegner an die Wand spielen können", sagte Völler, dessen Team mit den Südamerikanern ähnliche Schwierigkeiten hatte wie der spätere Weltmeister Frankreich 1998, der im Achtelfinale sogar Verlängerung und Golden Goal zum Weiterkommen benötigte. Mit der Einwechslung von Sebastian Kehl für Marko Rehmer zur Halbzeit hatte der Teamchef selbst entscheidenden Anteil am Erfolg.

"In der zweiten Halbzeit haben wir sehr gut gespielt, während Paraguay auf ein 0:0 aus war. Über mein Tor verspüre ich Genugtuung", sagte Torschütze Neuville, der erst zwei Stunden vor Anpfiff von seinem Einsatz erfahren hatte. Von einem verdienten Sieg sprach auch Ballack: "Wir haben uns die Kräfte gut eingeteilt. Das Tor hat uns Recht gegeben. Als Spieler muss man vom Titel träumen."

Nach der Pause Rückkehr zur Dreierkette


Erzwungen durch die Sperren von Carsten Ramelow, Dietmar Hamann und Christian Ziege hatte Völler beinahe revolutionäre Veränderungen in seiner Mannschaft vorgenommen, die die Vorrundenspiele jeweils in der gleichen Aufstellung begonnen hatte. Erstmals im Turnier setzte der Teamchef in der Abwehr auf die Viererkette mit Torsten Frings und Christoph Metzelder auf den Außenpositionen und Marko Rehmer im Zentrum. Bei seinem Spieldebüt nach dreimonatiger Verletzungspause fand Rehmer allerdings nur selten die richtige Abstimmung mit seinem Nebenmann Thomas Linke. Die Position von Hamann übernahm Jens Jeremies, ohne die Qualitäten seines Vorgängers als Antreiber zu erreichen.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit griff Völler korrigierend ein. Mit Kehl als neuem Abwehrchef kehrte er mit Linke rechts und Metzelder links zur Dreierkette zurück, um mit dem weiter nach vorne beorderten Frings im Mittelfeld ein personelles Übergewicht herzustellen. Nach einer Stunde musste Metzelder, nach einem Tritt von Jose Cardozo angeschlagen, Frank Baumann Platz machen.

Klose abgemeldet


Gegen die defensiv gut organisierten und sehr disziplinierten Südamerikaner zeigte sich einmal mehr das große Manko der deutschen Mannschaft, ein Spiel nicht bestimmen zu können. Obwohl sich Michael Ballack nach seiner Muskelverhärtung in der Wade rechtzeitig wieder einsatzfähig gemeldet hatte, gingen von dem künftigen Bayern-Spieler im Mittelfeld nicht die erhofften Impulse aus. Auch seinen Mannschaftskollegen fiel nicht allzuviel ein, obwohl der Einsatz bei allen stimmte.

Auch von Bernd Schneider und Marco Bode auf den Flügeln kamen nur selten die notwendigen Ideen, um das Abwehr-Bollwerk des Gegners auszuhebeln. In der Spitze erwies sich das erstmals im Nationaltrikot zusammenspielende Duo Miroslav Klose und Oliver Neuville nicht als Idealbesetzung. Nach gutem Beginn tauchte der Leverkusener unter, der auf Grund seiner technischen Vorteile den Vorzug vor Carsten Jancker erhalten hatte. Klose, der sich meist mehreren Abwehrspielern im blau-roten Trikot gegenübersah, gab in der 32. Minute den ersten Schuss auf das Tor von Jose Luis Chilavert ab.

In der Schlussphase der ersten Halbzeit häuften sich die Fehler in der deutschen Abwehr. Doch der in der Mitte völlig freistehende Celso Ayala (36.) traf den Ball acht Meter vor dem Tor nicht richtig. 60 Sekunden später bewahrte Geburtstagskind Oliver Kahn seine Elf mit einer tollen Faustparade beim Schuss von Jorge Campos vor den drohenden Rückstand.

Erst nach der taktischen Umstellung ergaben sich für das DFB-Team nach dem Seitenwechsel erste Möglichkeiten. Ein Zusammenspiel mit seinem Leverkusener Teamkollegen Neuville schloss Schneider (47.) allerdings mit einem harmlosen Schuss ab, der den übergewichtigen Chilavert vor keine echte Probe stellte. Wenig Übersicht bewies Frings (68.) bei seinem überhasteten Schlenzer über Paraguays Gehäuse. Auf der Gegenseite stellte sich die komplette deutsche Elf einem Freistoß von Torwart-Torjäger Chilavert (74.) entgegen, der jedoch aus 22 Metern weit über das Tor schoss.

"Athletisch unheimlich stark"


"Es war ein sehr, sehr ausgeglichenes Spiel", zog Paraguays italienischer Trainer Cesare Maldini ein erstes Fazit. "Es gab auf beiden Seiten wenige Chancen. Erst ein schöner Flankenlauf von rechts sorgte für die Entscheidung mit Neuvilles wunderbarem Tor." Die Deutschen hätten ihr übliches, körperbetontes Spiel aufgezogen, so Maldini. "Die Deutschen haben ihre Stärken gezeigt. Sie sind technisch nicht besonders gut, aber athletisch unheimlich stark. Typisch deutsch eben."

Rudi Völler war erst mit der zweiten Halbzeit seiner Mannschaft zufrieden. "Mit Sebastian Kehl kam ein Mann, der vor der Abwehr das Spiel mitgemacht hat", so der Teamchef. "Wir waren heute die bessere Mannschaft. Es wäre bitter gewesen, gegen Paraguay auszuscheiden, nachdem wir in der Vorrunde gegen stärkere Gegner wie Kamerun und Irland gut ausgesehen haben."

Deutschland - Paraguay 1:0 (0:0)
1:0 Neuville (88.)
Deutschland: Kahn - Frings, Rehmer (46. Kehl), Linke, Metzelder (60. Baumann) - Schneider, Jeremies, Ballack, Bode - Neuville (90. Asamoah), Klose
Paraguay: Chilavert - Gamarra, Ayala, Caceres - Acre, Bonet (83. Gavilan), Struway (90. Cuevas), Acuna, Caniza - Santa Cruz (29. Campos), Cardozo
Schiedsrichter: Batres (Guatemala)
Zuschauer: 25.176
Rote Karte: Acuna (90.) wegen Tätlichkeit an Ballack
Gelbe Karten: Schneider, Baumann, Ballack - Acuna, Cardozo



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