Armenische Nationalmannschaft Fußball? Es ist Krieg

Die armenische Fußballnationalelf, Gegnerin des DFB-Teams am Sonntag, ist die bisherige Überraschung in der WM-Qualifikation. Und das, obwohl die Bedingungen in der Heimat schwer sind.
Henrikh Mkhitaryan ist nach wie vor der Star der armenischen Mannschaft

Henrikh Mkhitaryan ist nach wie vor der Star der armenischen Mannschaft

Foto: Antonietta Baldassarre / Insidefoto / imago images/Insidefoto

In Armenien ist vieles schwierig. Das Land hat wirtschaftlich schwere Zeiten hinter sich, Korruption und politische Unruhe haben die Entwicklung des Landes bis heute gehemmt. Vor allem aber ist es der Krieg mit Aserbaidschan um die Region Bergkarabach, der das Land nicht zu Ruhe und Frieden kommen lässt.

All das beeinflusst, das ist keine Überraschung, auch den Fußball in Armenien. Im Vorjahr erst sperrte die Uefa den aserbaidschanischen Fußball-Funktionär Nurlan Ibrahimov lebenslang, weil der Mann über die sozialen Medien zur Ermordung von Armeniern aufgerufen hatte.

Dass Armeniens großer Star Henrich Mkhitaryan 2019, damals in Diensten des FC Arsenal, die Teilnahme am Europa-League-Finale mied, weil es im aserbaidschanischen Baku stattfand, machte große Schlagzeilen. Kritiker haben ihm damals vorgeworfen, er instrumentalisiere den Fußball für die politische Auseinandersetzung, vom Verein hieß es, er habe um seine Sicherheit gefürchtet. Die Dinge in diesem Konflikt sind selten einfach.

Immer noch ungeschlagen

Mkhitaryan ist mittlerweile 32 Jahre alt, spielt jetzt für AS Rom und ist immer noch die Leitfigur der armenischen Fußball-Nationalelf. Am Sonntag spielt die Mannschaft in Stuttgart in der WM-Qualifikation gegen Deutschland, das Team reist als Tabellenführer der Gruppe J nach Deutschland (20.45 Uhr RTL, Liveticker SPIEGEL). Der ehemalige Dortmunder Mkhitaryan spielt seit 2007 für sein Land, er ist der Rekordtorschütze mit 30 Treffern, aber noch nie war er so nah dran, sich erfolgreich für ein großes Turnier zu qualifizieren.

Das Team Armeniens will zum ersten Mal zu einem großen Turnier

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Foto: Sergei Stepanov / imago images/Xinhua

Nach vier Spielen ist die Mannschaft noch immer ungeschlagen, nach drei Siegen holte sie am Donnerstag in Nordmazedonien ein torloses Remis. Ein Unentschieden würde auch in Stuttgart reichen, um die Tabellenspitze erst einmal zu verteidigen. Zuvor bereits war dem Team durch den Aufstieg in die B-Gruppe der Nations League ein bemerkenswerter Erfolg gelungen.

Seit 1992 gibt es den armenischen Verband in der Uefa, bislang hat das Team alle Turniere verpasst, zuletzt wurde man in der Qualifikation zur WM in Russland nur Vorletzter in der eigenen Gruppe, abgeschlagen hinter Polen, Dänemark, Montenegro und Rumänien. Aber dann kam Joaquin Caparrós, und seitdem hat diese Mannschaft einen Plan.

Man kann nicht sagen, dass Caparrós schon die ganze Welt gesehen hat, aber er hat in jedem Fall genug Erfahrung gesammelt. Beeindruckende 21 Trainerstationen hat der 65-jährige Spanier aufzuweisen, die meisten davon in der Heimat, darunter sind auch arrivierte Vereine wie der FC Sevilla, Athletic Bilbao, der FC Villarreal und Deportivo La Coruña.

Spanische Kooperation im Verband

Wie diese Anzahl von Klubnamen verrät, war Caparrós mal mehr erfolgreich, mal weniger. Sein Renommee jedoch reichte immer für einen Anschlussjob aus, die Herausforderung eines Nationaltraineramtes war allerdings selbst für ihn neu. Sein Landsmann Ginés Meléndez, ein langjähriger Funktionär und Nachwuchscoach des spanischen Verbands, hatte in Armenien den Auftrag bekommen, die Strukturen des Nationalteams neu zu ordnen. Als Erstes rief Meléndez seinen alten Kollegen Caparrós an.

Im März des Vorjahrs trat der seinen Job als Nationalcoach an, zeitgleich legte die Coronapandemie das Leben und damit auch den Fußball erst einmal lahm. Dann brachen im Herbst die kriegerischen Auseinandersetzungen mit Aserbaidschan wieder aus, und Fußball war noch unwichtiger geworden. Es ist ein kleines Wunder, dass der Aufschwung des armenischen Nationalteams im Schatten solcher Umstände passiert.

Der Trainer setzt im Angriff auf die beiden bekanntesten Spieler. Mkhitaryan, der auch der Kapitän des Teams ist, wird unterstützt von Sargis Adamayan von 1899 Hoffenheim. Adamyan hat den ganz großen Vorteil zu wissen, wie man gegen Manuel Neuer Tore schießt. Im Oktober 2019 traf er gleich doppelt zum 2:1-Auswärtserfolg der TSG beim FC Bayern.

Jubelnde Armenier: Das gab es zuletzt häufiger zu sehen

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Foto: Luka Stanzl/PIXSELL / imago images/Pixsell

Neun Vereine in der Premier League

Die meisten anderen Spieler, auf die der spanische Trainer-Routinier baut, spielen in der heimischen Liga, die sich etwas hochtrabend nach englischem Vorbild Premier League nennt. Das Gerüst des Teams stellt der Meister FC Alashkert. Es ist eine Liga mit nur neun Vereinen, Alashkert hat in der Liga den Rekordmeister Pjunik Eriwan abgelöst. Hinter dem Erfolg steckt das Geld des Geschäftsmanns Bagrat Nawojan, der den Verein 2011 nach einer Insolvenz aus dem Jahr 2007 neu gründete und auch gleich das Präsidentenamt übernahm.

Der Verein war ursprünglich in der Provinzstadt Martuni beheimatet, zog aber 2013 in die Hauptstadt Eriwan um, und damit begann auch seine Erfolgsgeschichte.

Umzüge und Namenswechsel von Fußballvereinen haben in der Region sonst andere, dramatischere Gründe. Mit dem Krieg in Bergkarabach wurde auch die Fußballtradition in der Region zerstört, mehrere Vereine gründeten sich im aserbaidschanischen Exil neu: Der Name des Spitzenvereins Qarabag Agdam, heute in Baku ansässig, erinnert an seine Herkunft.

Bergkarabach hat seit 2012 sogar einen eigenen Fußballverband, dessen Gründung von armenischer Seite wohlwollend begleitet wurde – aber wie die Region selbst nicht offiziell anerkannt ist. Weil die Fifa die Anerkennung verweigert, hat sich der Verband der Conifa angeschlossen, dem Fußballverband für nicht anerkannte Staaten, Minderheiten und Regionen. 2019 gab es in Bergkarabach sogar die Conifa-Europameisterschaft. Titelträger wurde Südossetien vor Westarmenien und Abchasien.

Eine Turnierteilnahme – genau das will Caparrós jetzt auch für Armenien erreichen.

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