DFB-Angreifer Musiala Flick hat einen Herz-Buben

Jamal Musiala ist gerade mal 18 Jahre alt, soll aber schon die Sturmprobleme des Deutschen Fußball-Bundes lösen. Was sicher hilft, nicht daran zu zerbrechen: seine besondere Beziehung zum Bundestrainer.
Jamal Musiala gehörte zu den Lichtblicken gegen Liechtenstein

Jamal Musiala gehörte zu den Lichtblicken gegen Liechtenstein

Foto:

Frank Hoermann / SVEN SIMON / imago images/Sven Simon

Vor sechs Monaten hat Jamal Musiala sein erstes Länderspiel für den DFB gemacht. Und jetzt soll er schon den deutschen Fußball retten. Mit 18.

So fordert etwa die »Bild« seit dem mauen Auftaktspiel der Nationalmannschaft gegen Liechtenstein täglich, dass Bundestrainer Hansi Flick den jungen Bayern-Angreifer mit regelmäßigen Einsätzen belohne, erfand die »Musiala-Mentalität«, gipfelnd in der Überschrift »Mehr Musiala, bitte«.

Sturmkollege Timo Werner ernannte den Teenager sogar zum Vorbild für die älteren Spieler. Musiala mache »sich nicht so viele Gedanken wie diejenigen, die schon länger dabei sind«, befand er am Samstag bei der Abschluss-Pressekonferenz vor der Partie gegen Armenien am Sonntagabend (20.45 Uhr, TV: RTL, Liveticker: SPIEGEL.de): »Er spielt einfach drauf los, mit Spaß und Lockerheit«, davon könne man sich »eine Scheibe abschneiden«.

Von der Kritik explizit ausgenommen

Sehr viel Lorbeer für einen, der gegen die wackeren Liechtensteiner sein erstes Spiel von Anfang an für den DFB gemacht hat. Tatsächlich wurde der Stürmer bei der bestenfalls mäßigen Vorstellung des Teams von der Kritik explizit ausgenommen.

Seine kreative Vorarbeit auf Werner führte kurz vor der Pause zum 1:0-Führungstreffer, nachdem sich die Mannschaft zuvor vergebens bemüht hatte, den elfköpfigen Liechtensteiner Abwehrkordon zu überwinden. Auch Musiala gelang gegen den limitierten Gegner nicht alles, aber es war kein Zufall, dass Flick direkt nach der Partie nur einen Spieler lobend herausnahm: »Wir müssen wie Jamal Musiala beim ersten Tor vorgehen, den Gegner auf sich ziehen, selbstbewusst auf den Gegner zugehen.«

Der Bundestrainer und sein Lieblingsspieler

Der Bundestrainer und sein Lieblingsspieler

Foto: Frank Hoermann / SVEN SIMON / imago images/Sven Simon

Flick hat Musiala schon beim FC Bayern nach Kräften gefördert, setzte ihn in der Vorsaison in insgesamt 37 Pflichtspielen ein, elfmal gehörte er zum Startelfpersonal der Bayern. Schon im Februar nach der Klub-WM prophezeite der Trainer dem damals noch 17-Jährigen, er werde »irgendwann Stammspieler bei den Bayern sein«.

So weit ist es in der Nationalmannschaft noch nicht, seine Fähigkeit, ohne Aufwärmzeit in der Offensive für Wirbel zu sorgen, seine enge Ballführung, seine Körperdrehungen, sein Hang zum Dribbling, all das macht ihn im Moment vor allem zu einem idealen Jokerspieler.

Seine Einwechslung bei der Europameisterschaft gegen Ungarn war entscheidend, um das Spiel noch zu einem einigermaßen guten Ende zu führen, heute würde man es den Gamechanger nennen. Mit seiner Aktion auf dem Flügel sorgte er für die Vorbereitung des 2:2-Ausgleichstreffers durch Leon Goretzka, der den Deutschen überhaupt das Weiterkommen in der Gruppe ermöglichte.

Wettlauf der Verbände um Musiala

Einen Lieblingsspieler zu haben, das wollen sich Trainer ungern nachsagen lassen, schließlich kann so etwas die Statik eines Teams belasten. Trainer weisen das im Normalfall daher weit von sich, aber es gibt sie natürlich, die Spieler, die einem Coach besonders ans Herz wachsen, die die eigene Spielidee verkörpern. Musiala und Flick, das ist auf dem Weg, so eine Beziehung zu werden.

Der Angreifer bringt die Zutaten mit, die Flick in seinem Offensivkonzept vorschweben. Er ist schnell, als Konterspieler geeignet. Gleichzeitig hat er die Technik, auch Lücken in einen kompakten Abwehrverbund hineinzuspielen. Musiala ist ein Flick-Spieler.

So war es auch Flick, wie man hört, der sich in Telefonaten mit Joachim Löw zu Jahresbeginn dafür starkgemacht hat, Musiala trotz seiner Jugend und obwohl er für die Bayern damals noch eine überschaubare Zahl von Einsätzen hatte, fürs DFB-Team zu berufen. Der 18-Jährige war schließlich bis dahin ein Wanderer zwischen den Welten, zwar in Deutschland geboren, aber in England ausgebildet. Der englische Verband hatte längst seine Fühler ausgestreckt, es war auch eine Frage, welcher der beiden Verbände schneller zugreift, wer die besseren Argumente hat.

Er hat, was Werner fehlt

Der Jungprofi sei »im vergangenen Jahr durch die Decke gegangen«, hat Werner am Samstag noch nachgeschoben. Werner und Musiala, die beiden eint, dass sie in Stuttgart, dem Spielort am Abend, geboren sind. Aber während Werner im Eins-gegen-eins-Duell vor allem seinen Antritt einsetzen kann, hat Musiala seine Qualität woanders. Die Dribbelstärke, die kleinen Wendekreise, das Gespür für den Raum, die Feinheit, die Musiala hat, das ist genau das, was Werner fehlt.

Als Musiala im Juni für den EM-Kader berufen wurde, da wirkte der junge Mann noch wie ein Staunender. In einer Presserunde erzählte er, wie sehr es ihn beeindruckt habe, plötzlich mit Toni Kroos zusammen zu trainieren, »den ich schon als Kind bewundert habe«, er betonte vor allem, dass er »hier noch so viel lernen kann«.

Es scheint, als sei die Lernzeit jetzt schon vorbei. Auf Jamal Musiala wartet die Zeit der Reifeprüfung.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.