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14. Juni 2014, 07:43 Uhr

Spaniens 1:5-Niederlage

Entzaubert

Aus Salvador berichten und

Xavi, Iniesta und Co. haben viele Jahre den Weltfußball dominiert - gegen die Niederlande wurden sie überrannt. Auf die Konter des Gegners fanden die Kurzpasskünstler keine Antwort. Steht nun ein Paradigmenwechsel an?

Vicente del Bosque wischte sich den Schweiß aus seinem Nacken. Der Trainer der spanischen Nationalmannschaft schleppte sich durch die Katakomben der Arena in Salvador, er wirkte ermattet - ganz so wie seine Mannschaft in der vorherigen zweiten Halbzeit. Spanien hatte 45 Minuten abgeliefert, wie man sie von einem spanischen Nationalteam seit Jahren nicht mehr gesehen hat.

In der Neuauflage des WM-Finales von 2010 setzten sich diesmal die Niederländer gegen die Spanier durch. Man könnte von einer Revanche sprechen, doch das wäre zu kurz gegriffen. Dieses 5:1 der Auswahl von Louis van Gaal, der nur wenige Topstars für das Turnier in Brasilien berief, ordnete zugleich die Favoritenverhältnisse für die WM neu.

Im Vorfeld der Weltmeisterschaft gab es kaum einen Experten, der Spanien nicht zumindest in den Kreis der Titelanwärter berufen hätte. Zu eindrucksvoll, zu mächtig schien das mit fast stoischer Ruhe gespielte Tiki-Taka zu sein. Zu frisch war die Erinnerung an die spanische Galanacht von Kiew 2012, als die italienische Nationalmannschaft beim 4:0 ausgespielt wurde und Spanien zum zweiten Mal in Folge den EM-Titel gewann.

In Salvador, der brasilianischen Stadt, in der sich Hitze, Platzregen und erdrückende Luftfeuchtigkeit dauerhaft begegnen, war das Spanien von 2008, 2010 oder 2012 nicht einmal in Ansätzen zu erkennen.

Das offenbarte sich etwa im holländischen Treffer zum 5:1, als Arjen Robben den ehemaligen Welttorhüter Iker Cassias vor sich herumkrabbeln ließ, ihn gemütlich umkurvte und anschließend den Ball ins Tor drosch. Auch die Szene vor dem 1:1, als Robin van Persie sich ohne jegliche Mühe von der spanischen Innenverteidigung löste und ein Kopfball-Kunstwerk versenkte, bildete das spanische Dilemma trefflich ab.

Das vermeintliche Ende der spanischen Spielphilosophie, dem möglichen Aussterben des Tiki-Taka, zeigte sich aber noch viel stärker in den zahlreichen holländischen Kontern, die insbesondere der einst bei Real Madrid ausgemusterte Wesley Sneijder mit Bravour einleitete. Pässe, so voller Risiko in die Spitze gespielt als seien Ballverluste nicht die größte Schmach des Fußballs.

"Selbst wenn wir diese Bälle abgefangen haben und nach vorne spielten, standen dort immer schon sechs, sieben Holländer. Das war eine sehr kompakte Abwehr", sagte Diego Costa, der als einziger Spanier noch einen Hauch von Torgefahr versprühte. Seine Mitspieler verloren sich ansonsten in zahlreichen Querpässen, die kaum einen Ertrag brachten.

"Es macht keinen Sinn, einzelne Personen infrage zu stellen"

Bereits der FC Barcelona musste in den vergangenen beiden Spielzeiten vor allem in der Champions League erfahren, dass es ein Rezept gibt, um mit relativ wenig Aufwand das aufwendige Passspiel zu zerstören. Genau wie der FC Bayern München unter Pep Guardiola machte auch der FC Barcelona unliebsame Bekanntschaft mit der Effektivität von Kontern. Real und Atletico Madrid beherrschen diese, auch Borussia Dortmund an guten Tagen und nun ebenfalls das niederländische Team. Die Ikonen der vergangenen Jahre, Xavi, Iniesta, Busquets, Alonso oder Fabregas konnten den Turbo-Angriffen aus Holland lediglich zuschauen. Spaniens Innenverteidiger Gerard Piqué und Sergio Ramos waren mit den Schnittstellenpässen völlig überfordert.

"Es macht jetzt keinen Sinn, einzelne Personen infrage zu stellen", sagte del Bosque. Gegen Teams wie Australien, die sich oft in die eigene Hälfte zurückziehen und das Spiel eher verhindern, denn mitzuspielen, wird das geduldige Tiki-Taka sicherlich auch wieder eine brauchbare Waffe. Gegen Mannschaften, die das Mittelfeld mit Tempo überbrücken, muss sich das spanische Nationalteam eine neue Strategie überlegen. Javier Martinez, der gegen Holland 90 Minuten auf der Bank saß, bewies in München zuletzt eindrucksvoll, dass er eine äußerst brauchbare Konterblockade darstellen kann.

Del Bosque, der bereits alle großen Titel des Weltfußballs gewonnen hat, erinnerte zudem daran, dass es auch bei der WM 2010 eine Auftaktniederlage gab: 0:1 gegen die Schweiz. Er hoffe, so del Bosque, dass das Team sich nun wieder an seine Stärken erinnere und mit Selbstvertrauen zurückkomme. Kurz nach seinen Worten schlurften auch Xavi und Iniesta in Richtung Mannschaftsbus. Sie sahen aus, als würden sie reichlich frisches Selbstvertrauen brauchen.

Spanien - Niederlande 1:5 (1:1)
1:0 Alonso (27., Foulelfmeter)
1:1 van Persie (44.)
1:2 Robben (53.)
1:3 de Vrij (64.)
1:4 van Persie (72.)
1:5 Robben (80.)
Spanien: Casillas - Azpilicueta, Piqué, Ramos, Alba - Busquets - Xavi, Alonso (ab 63. Pedro) - Silva (ab. 78 Fabregas), Iniesta - Costa (ab 63. Torres)
Niederlande: Cillessen - Janmaat, Vlaar, de Vrij (ab 77. Veltman), Martins Indi, Blind - de Guzman (ab 62. Wijnaldum), de Jong - Sneijder, van Persie (ab 79. Lens), Robben
Schiedsrichter: Rizzoli (Italien)
Zuschauer: 48.000
Gelbe Karten: Casillas - de Guzman, de Vrij, van Persie
Ballbesitz in Prozent: 64 / 36
Schüsse: 10 / 14
Torschüsse: 4 / 10
Gewonnene Zweikämpfe in Prozent: 46 / 54

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es: "die spanische Galanacht von Warschau 2012". Tatsächlich fand das EM-Finale 2012 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew statt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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