Fußballgott Kahn "Wer kann mir noch was sagen?"

Alle setzen auf Oliver Kahn. Der Bayern-Profi ist der populärste deutsche Nationalspieler und gilt als bester Torwart der Welt. Aber das reicht dem 32-Jährigen noch lange nicht.

Vor ein paar Tagen trafen Thomas Helmer und Oliver Kahn in Japan aufeinander. Beide haben früher beim FC Bayern zusammen gespielt. Kahn ist jetzt Nationaltorwart, Helmer arbeitet fürs Fernsehen. Er fragte Kahn nach dem Training in Miyazaki, ob er einen Trailer für die "Harald Schmidt Show" aufsagen könne. Kahn kniff die Augen zusammen und hob den Kopf in den Himmel, wo sich dunkle Regenzeitwolken zusammenschoben.

Dann sah er auf Helmer herab, schüttelte den Kopf und ging. Er sagte kein Wort. Helmer redete noch ein bisschen weiter, aber wohl nur, um sich selbst zu beruhigen. Er hatte eine kleine weiße Plastiktüte in der Hand. Er stand verloren am Spielfeldrand. Sein ehemaliger Spielkamerad lief zum Bus, auf dem Rücken hingen noch ein paar Grashalme vom Training. Es schien so, als hätten sich die beiden duelliert. Demnach war Helmer tot.

Er ist die große Hoffnung

Oliver Kahn hat sich entschieden, nicht mehr so viel mit Medienleuten zu reden. "Wer zu viel redet, dem hört man nicht mehr zu", sagt er. "Man kann keine Höhepunkte mehr setzen." Sein Teamchef Rudi Völler beantwortet auch Fragen, die ihm niemand gestellt hat. Oliver Kahn antwortet nur, wenn er gefragt wird. Manchmal nicht mal dann. Er versucht das "man" in seiner Rede immer öfter durch ein "ich" zu ersetzen. "Man", sagt er, habe Berti Vogts gesagt. Kahn will Präsenz zeigen, wie er es nennt. Was auf dem Platz funktioniert, muss im Leben nicht schlecht sein. Ihm reicht es nicht mehr, nur den Torraum zu beherrschen.

Der Torwart war immer schon eine wichtige Figur im deutschen Fußball. Es gab Kämpfe zwischen Tilkowski und Maier, zwischen Stein und Schumacher, zwischen Illgner und Köpke. Die Brasilianer verlassen sich auf ihre Stürmer. In Deutschland kann man auch als Torwart berühmt werden. Aber so wichtig wie Oliver Kahn war noch nie ein deutscher Torwart. Er ist die große Hoffnung und versucht sie auch darzustellen.

Allein dort oben

Im Training schleicht Kahn wie ein Löwe über den Platz. Seine Turnhosen sind hochgezogen wie bei keinem anderen. Am Ende sitzt er gedankenverloren noch eine Weile auf der Getränkekiste. Selbst wenn er nur im Gras liegt, scheint er irgendetwas Wichtiges, Vorentscheidendes zu tun. Manchmal erscheint Völler an seiner Seite, als wolle er überprüfen, dass er nicht allein ist.

Vor ein paar Tagen wurde Kahn gefragt, wer ihm eigentlich noch etwas sagen kann. "Ja, wer kann mir noch was sagen? Ich denke, darüber mache ich mir am Anfang des Turniers eigentlich keine Gedanken. Das Einzige, was mich beschäftigt, ist, was kann man tun, um erfolgreich zu sein", sagte er. Mit anderen Worten, es gibt da niemanden mehr. Kahn, 32, ist allein dort oben. Er hat sich durchgesetzt. Er hat hart und lange dafür gearbeitet.

"Er war ja fast weißblond und irgendwie weich"

"Ich habe in all den Jahren gelernt, den Druck anzunehmen. Als Torwart musst du immer jemanden verdrängen. Als Feldspieler kann man auch auf eine andere Position ausweichen. Als Torwart nicht. In meinem Leben ging es immer nur darum, mich durchzusetzen", sagt Kahn. "Ich weiß auch nicht, ob das gut ist."

Sein Vater Rolf sitzt in dem flachen, hellen Wohnzimmer in Karlsruhe. Sie wohnen seit 1959 in dem Altneubau. Vielleicht ziehen sie demnächst aus, vielleicht nicht. Die Tür zu Olivers Kinderzimmer steht offen. Es ist winzig, seine Schulbücher liegen noch auf dem Schrank. Rolf Kahn blättert im Fotoalbum. "Er war ja fast weißblond und irgendwie weich", sagt er. "Er hatte Babyspeck", sagt seine Frau. "Ja, ja. Aber auch noch mit 12", sagt Kahn.

Vater Kahn war ebenfalls Profifußballer

Rolf Kahn hat auch Fußball gespielt, er hat mit 18 einen Profivertrag bekommen und den Karlsruher SC mit in die erste Bundesligasaison geführt. Irgendwann riss ihm ein Oberschenkelmuskel und heilte nie wieder richtig. Sie musterten ihn aus. Er wurde Vertreter für Wasserfilteranlagen und tingelte als Spielertrainer durch kleinere nordbadische Vereine. Sein Sohn saß immer hinterm Tor. Rolf Kahn hat nie aufgehört, ihre Karrieren zu vergleichen.

Noch heute erzählt er, wie er als Schüler mit Wolfgang Overath vor 100.000 Zuschauern im Wembleystadion spielte und Jahrzehnte später seinen berühmten Sohn beim Torwandschießen im ZDF schlug. Er würde sich wünschen, dass ihm der Junge mal bei den Alte-Herren-Spielen zuschaut. Er ist immer noch gut am Ball. Aber Oliver Kahn war noch nie da. Vielleicht ist sein Vater der Erste, gegen den er sich durchsetzen musste. Rolf Kahn gibt heute ein Anzeigenblatt für Lokalsport heraus. Sein anderer Sohn Axel arbeitet bei ihm. Axel Kahn war auch KSC-Profi. Aber er wurde nach einer Saison von Trainer Winfried Schäfer aussortiert und floh von zu Hause.

"Ich habe den Vergleich mit meinem kleinen Bruder einfach nicht mehr ausgehalten", sagt er. Axel Kahn spielt in der Landesliga Fußball. Bei Auswärtsspielen bewerfen sie ihn mit Bananen, um sich an seinem Bruder zu rächen. Sie rufen ihn Olli. Sie denken, wenn sie ihn schlagen, schlagen sie den FC Bayern. Er kommt aus dem Schatten nicht weg, aber er kann seinen Bruder wieder sehen. Er passt ein bisschen auf, dass sich in den Münchner Discos nicht die falschen Leute an Oliver heranmachen.

"Ich könnte mir vorstellen, zusammen mit dem Oliver zu werben. So wie der Gottschalk mit seinem Bruder", sagt Axel Kahn. Und dann erzählt er noch, wie er mit seinem Landesligateam einmal die KSC-Amateure schlug. "Ich habe drei Torvorlagen gegeben. Olli hat zwei Wochen nicht mit mir geredet." Als Oliver Kahn 16 war, musterten sie ihn aus allen Auswahlmannschaften aus. Es hieß immer, er sei zu klein und zu schwach. "Aus dieser Erniedrigung habe ich meine Motivation gezogen", sagt Kahn. "Aus der Schmach."

In "untrainierbare Bereiche" vorstoßen

Er sucht nach starken Worten. In seinen Sätzen betont er Wörter wie Wille, Kraft, Kollektiv und Leistungsgedanke. Er hat die Stimme eines Schwarzweißfilm-Stars, voll, singend, mit rollendem R. "Grausam" und "schmerzhaft" spricht er aus wie O. W. Fischer.

Kahn ging ins Fitness-Center und wurde groß und stark. Er versuchte, in die "untrainierbaren Bereiche" vorzustoßen, wie es sein Vater nannte. Er wollte Bälle erreichen, die als unhaltbar galten. Er klebte sich Mutmachsprüche an seine Zimmerwände. Aber als er in die KSC-Männermannschaft aufschloss, waren da schon zwei. Alexander Famulla, der erste Torwart, und Stefan Wimmer, der zweite. Wimmer war der Sohn der Karlsruher Torwartlegende Rudi Wimmer.

Es heißt, Kahn habe einmal auf der Tribüne des KSC erklärt, dass er die beiden anderen in die Tasche stecke. "Olli hat jeden, der Handschuhe anhatte, als Feind betrachtet", sagt Wimmer. "Wir waren sehr verschieden. Vielleicht war ich talentierter. Er war sicher härter." Kahn hat sein erstes Bundesligaspiel verloren. Das zweite auch. Einige schrieben ihn ab. Aber dann brachte ihn sein Trainer Winfried Schäfer gegen Bochum in der Halbzeitpause für Famulla, der zwei Fehler gemacht hatte. Die Tür ging plötzlich auf. Darauf warten Torhüter manchmal ein Leben lang. Kahn stellte sich hinein.

"Eigentlich hätte er mich bringen müssen", sagt Wimmer. "Ich war dran." Er glaubt bis heute, dass es eine Intrige von Schäfer gegen seinen Vater war, der damals die A-Jugend trainierte und ein Konkurrent für Schäfer war. Kahn glaubt, dass Schäfer seinen stärkeren Willen erkannt hatte. "Ich wollte es einfach mehr", sagt er. Kahn nun der zweite Mann. Wimmer verschwand. Er spielt heute in der Landesliga. Wimmer sagt, dass Famulla nie mit Kahn auf einem Zimmer schlafen wollte. "Der hatte Angst, dass er ihm nachts das Kopfkissen aufs Gesicht drückt."

"Er war nicht mein Typ", sagt Famulla, der ein fahles Rauchergesicht hat und einen schweren polnischen Akzent. Er war polnischer U21-Nationalspieler und ist bei einer Westreise in Berlin geblieben. Er war nie besonders ehrgeizig, er wollte Spaß haben, sagt er. Famulla kann die beiden Tore gegen Bochum noch heute beschreiben. "Der erste Ball wurde von Kreuzer abgefälscht, der zweite war ein 40-Meter-Schuss, der ist geflattert ohne Ende. Ich sah nicht gut aus. Da hat mich Schäfer zur Halbzeit rausgenommen."

"Olli hat mich nicht reingelassen"

Famulla war noch ein Jahr zweiter Torwart beim KSC. Er erinnert sich, wie er beim Training neben dem Tor warten musste. "Olli hat mich nicht reingelassen. Ich war acht Jahre älter als er. Aber er hat mich da stehen lassen wie ein Kind." Sie haben Famulla später entlassen, als er verletzt war. Er hat heute einen Lotto-Laden in Schwetzingen. Das Geschäft geht nicht so besonders. Aber die Gesundheit sei sowieso das Wichtigste. "Famulla war ein guter Kerl", sagt Kahn. "Aber er hat dann am Ende die Nerven verloren." Was für ein Satz.

1994 ging Kahn zu den Bayern, wo er gleich die Nummer eins war. Aber in der Nationalmannschaft ging das Warten erst los. Kahn hat drei große Turniere auf der Bank gesessen. Das erste Mal in den USA 1994. Andreas Köpke, der damals die Nummer zwei hinter Bodo Illgner war, sagt, dass es schwer ist für einen Spitzenspieler, sich plötzlich wieder unterzuordnen.

"Er war nie unfair"

"Als zweiter Mann kann dir ja passieren, dass der erste eine rote Karte kriegt oder so was. Aber als dritter kannst du gar nichts machen. Olli hat damals trainiert wie ein Wahnsinniger. Er hat sich auf die Bundesligasaison vorbereitet oder was weiß ich", sagt Köpke. Am Ende dieser WM ist Kahn dann aber doch ausgerastet. Er hat geschrien, dass er so was nie wieder mache. Nie wieder werde er rumsitzen und zusehen.

"So ein Anfall dauert zwei Tage und dann macht man weiter. Es hat keinen Zweck, so kurzen Impulsen nachzugeben. Das habe ich gerade auch dem Mehmet Scholl gesagt. Ich konnte ihn nicht umstimmen, aber ich bin mir sicher, dass er in fünf Jahren bereut, nicht mit hierhergekommen zu sein", sagt er. Kahn hat weitergemacht. 1998 in Frankreich war er bereits besser als Köpke. "Er war nie unfair", sagt Köpke.

"Ich stehe unter großem Druck"

Oliver Kahn ist ohne WM-Spiel nach Asien gereist, das kann man sich gar nicht vorstellen. Aber manchmal merkt man es. Bei einem Trainingsspiel im Schwarzwald sprang er, kurz nachdem er zwei Tore kassiert hatte, wütend in den heranrennenden Jancker. Jancker fiel, krümmte sich, das Training musste abgebrochen werden. Niemand verlor ein Wort gegen Kahn, obwohl es bis auf die Tribüne gekracht hatte.

"Ich hatte eine solche Angst, dass ich den Carsten verletzte. Das war dumm. Wenn es Scholli gewesen wäre, wäre der nicht wieder aufgestanden", sagt Kahn. Es war ein Fehler, aber es ist schwer, das gleich zuzugeben. "Bei dem Rhythmus, in dem wir heute spielen, kann ich mir das nicht erlauben. Das wird gnadenlos ausgeschlachtet. Ich muss an das nächste Spiel denken. Also sag ich manchmal auch bei haltbaren Bällen: Da war nichts zu machen. Ich stehe unter großem Druck. Aber ich würde nie andere Torhüter kritisieren, wenn die ausrasten. Ich kenne das", sagt Kahn.

Der Fluch war weg

"Ich habe natürlich Ängste. Der Grat zwischen Versager und Held ist nirgendwo schmaler als beim Torwart. Früher hat mich das extrem belastet. Heute suche ich das geradezu. Ich nutze die Angst. Wer Angst hat, ist wach und konzentriert. Dafür ist Angst ja da. Inzwischen brauche ich die Angst. Manchmal frage ich mich: Wo ist meine Angst?"

Er hat sie verloren, als sie die Champions League holten. Er hatte das Spiel fast allein gewonnen. Und er hatte den FC Bayern in letzter Sekunde zum Meistertitel angetrieben. Es hat ihn entspannt. Toni Schumacher hatte bereits bemängelt, dass Kahn nie einen großen internationalen Titel gewonnen habe. Der Fluch war weg, die alten Männer schwiegen endlich.

Er hat schon einen langen Weg hinter sich

Kahn schloss einen neuen Bayern-Vertrag über eine Summe ab, die noch keinem Torhüter gezahlt worden war. Zudem kann er sich bis 2004 überlegen, ob er 2007 die Nachfolge von Uli Hoeneß als Manager des FC Bayern antreten will. Kahn beschloss, das Leben zu genießen, sagt er. Er ließ sich die Haare schneiden, Koteletten wachsen und kaufte sich einen Ferrari. Einige vermuten dahinter eine Frau oder einen Imageberater.

"Das ist absoluter Blödsinn", sagt er. "Und das Gerede über mein Privatleben ist doch auch ein Witz. Neulich hat jemand behauptet, in meiner Ehe habe es eine Krise gegeben. Ich hab meine Frau im Spaß angerufen und gefragt, ob sie davon weiß. Natürlich haben wir ab und zu Probleme, aber die gehören einfach zu einer guten Ehe. Nach Hitzfeld und Effenberg würde das wohl gut ins Bild passen", sagt Kahn. Er hat schon einen langen Weg hinter sich. Aber er ist noch nicht da.

"Aufpassen, dass ihm nicht schwindlig wird"

Deshalb gibt es jetzt einen Manager. Bei Aufnahmen zu einem Sunil-Werbespot, in dem Olivers Mutter vor der WM 1998 mitspielte, lernten sie den Ludwig Karstens kennen. Der betreut Kahn nun. "Wie eine Marke, aber menschlich", sagt Karstens. "In einer Zeit, in der Vorbilder rar sind, haben wir hier eins. Es ist schon erstaunlich, wie inzwischen selbst Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft Olivers Bekanntschaft suchen. Oliver ist im Augenblick so hoch gehandelt, dass man aufpassen muss, dass ihm nicht schwindlig wird."

Karstens führt seinen Schützling an neue Medienerfahrungen heran. Er riet ihm zur lockeren Kleidung bei Johannes B. Kerner, weil er neben den Schlipsträgern Ulrich Meyer und Sky Dumont Akzente setzen könnte. Er hat ein Drehbuch für ein Kahn-Porträt erarbeiten lassen, das Michael Steinbrecher für das ZDF realisierte, und vermittelte den Kontakt zu Sandra Maischbergers Talkshow.

"Maischberger war ein Testlauf. Da war schon hohe Kompetenz gefragt. Kanzlerkandidatur. Psychologie. Privatleben. Arbeitslosigkeit. Die gesamte Palette. Brisante Aussagen wie die zum Kanzlerkandidaten sprechen wir vorher ab", sagt Karstens. Es sieht jetzt so aus, als könne Kahn sich sowohl Schröder als auch Stoiber vorstellen. Und sogar Fischer. Karstens hätte Oliver Kahn auch gern noch einen Crashkurs in Japanisch vermittelt. Ein paar Wörter und ein bisschen zum geschichtlichen Hintergrund. "Leider war dazu keine Zeit mehr", sagt Karstens.

Zum Glück muss man sagen. Man kann sich vorstellen, wie Oliver Kahn in der DFB-Pressekonferenz ein paar japanische Weisheiten einstreut. Er ist jetzt so weit oben, dass er fallen kann. Journalisten regen sich bereits über seinen Ferrari auf. Bei manchen gilt er als abgehoben, weil er nicht mehr mit jedem redet. Seine staatstragenden Bemerkungen auf Pressekonferenzen werden schon belächelt. Einige nehmen ihm übel, was sie aus ihm gemacht haben.

Keine Lust, irgendjemandem sein Auto zu erklären

Wenn Fußballer zwei Sätze fehlerfrei aussprechen können, werden sie gern zu Intellektuellen gemacht. Der "Stern" sperrte Otto Rehhagel einst zum Streitgespräch mit Walter Jens zusammen. Helmer galt als tiefsinnig, weil er lächelte, als wisse er mehr, als er sagen kann. Kahn galt aus irgendeinem Grund als Börsenexperte, obwohl er sein Geld eher konservativ anlegt. Wer sich so durchs Leben wühlen musste wie Kahn, wird kein Schöngeist.

Sein Münchner Mercedes-Kennzeichen begann mit M-OK. Am Auto seines Vaters steht KA-HN. Vielleicht der einzige Grund, nach Karlsruhe zurückzukehren. Kahn hat keine Lust, irgendjemandem sein Auto oder seinen Hosenschlag zu erklären. Auch sein Vater war nach seinem ersten Profivertrag im Sportwagen durch Karlsruhe kutschiert.

"Schwer, sich seiner Position bewusst zu werden"

"Ich muss mich entscheiden, ob ich diese wahnsinnige Verantwortung annehme, die die Öffentlichkeit mir aufgeladen hat, oder ob ich vor ihr flüchte. Es ist ein ungeheurer Druck, pausenlos als Überspieler gehandelt zu werden. Aber ich habe das jetzt angenommen. Das hat lange gedauert, bis ich dazu in der Lage war. Es ist schwer, sich seiner Position bewusst zu werden. Manche überhöhen sich, manche machen sich klein. Ich glaube, ich habe mich gefunden." Er weiß, wie die Nationalelf vor dem Fernseher sitzt und sich solche Sachen von ihm anhört. Und er weiß auch, dass einige denken, er habe abgehoben.

Kahn sitzt im Mannschaftshotel und streckt die Beine aus. Es ist keiner mehr da, gegen den er sich durchsetzen muss. Nur noch er selbst. Er ist jetzt tief in den untrainierbaren Bereichen. Sepp Maier sagt, dass Kahn ein besserer Torwart ist, als er jemals war, aber ein schlechterer Golfer. Er begreife nicht, dass man schlecht spielen kann, wenn man sich gut fühlt.

"Heute muss ich vorsichtiger sein"

"Immer nur Vorbild zu sein macht auch mürbe. Natürlich wünsche ich mir manchmal, ein einfacher Spieler zu sein. Früher hätte ich problemlos das eine oder andere kritisieren dürfen. Heute muss ich vorsichtiger sein. Ich muss meiner Mannschaft vielmehr sagen, dass die Größe der Zimmer keine Rolle spielt. Es ist super hier. Und das Komische ist: Es funktioniert. Selbst bei mir. Das ist faszinierend."

Das Piano klimpert das "Titanic"-Thema, Kahn hat sich die Haare gewaschen, sie stehen jetzt bürstenartig vom Kopf ab. Wenn sich sein Gesicht entspannt, ähnelt er seiner Mutter. Nächste Woche kommen seine Eltern und seine Frau nach Japan. Ist es eigentlich wichtig für ihn? "Es ist immer schön, wenn die Familie da ist, aber ich bin viel zu sehr auf meine Aufgabe konzentriert, als dass sie was von mir hätte", sagt er.

"Erzählung über Abraham Lincoln gelesen"

Er schweigt einen Moment und sieht aus dem Fenster, hinter dem die Regenzeit beginnt. Er mag Regen. Er ruft seinen Vater nicht mehr nach dem Spiel an, um zu fragen, wie er war. Seine Mutter kann sich nicht mehr vorstellen, dass er jemals nach Karlsruhe zurückkommt. Er passt dort nicht mehr hin. Eher ziehen sie nach München.

"Ich habe jetzt noch mal eine Erzählung über Abraham Lincoln gelesen", sagt Kahn plötzlich und lächelt. "Was der Mann an Niederlagen und Rückschlägen einstecken musste, ist wahnsinnig. Und trotzdem ist der immer wieder aufgestanden. Und am Ende ist er Präsident der Vereinigten Staaten geworden. So was motiviert mich ungemein." Abraham Lincoln. Der Druck dürfte hoch genug sein.

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