Fußballkultur im Ruhrgebiet Zauber des Westens

Tür an Tür mit dem Mittelläufer, am Kneipentresen mit dem Verteidiger - Zuschauer und Spieler verband eine besondere Nähe im Ruhrpott der fünfziger Jahre. Ein ungewöhnlicher Bildband mit bislang unbekannten Fotos lässt die legendäre Oberliga West wiederauferstehen.

Von Christoph Biermann


Es gibt wohl kaum eine Ära des deutschen Fußballs und keine Spielklasse, die stets so verklärt betrachtet worden ist wie die Oberliga West zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Einführung der Bundesliga 1963. Von den fünf damaligen Oberligen in der Bundesrepublik war sie gemeinsam mit dem Süden die sportlich stärkste, aus beiden kam je sechsmal der deutsche Meister. Doch wenn es um das Zuschauerinteresse ging und die Verbundenheit zwischen Spielern, Fans und Vereinen war die Oberliga West einzigartig - vor allem im Ruhrgebiet.

In den ersten Jahren hatte das vor allem mit den kleinen Bergarbeiterklubs zu tun, wie den Sportfreunde Katernberg aus Essen, der Spielvereinigung Erkenschwick, dem STV Horst-Emscher aus Gelsenkirchen oder dem SV Sodingen aus Herne, wo die Halbprofis auf dem Platz oft genug noch die gleichen Arbeitgeber hatten wie jene, die ihnen sonntags zuschauten.

"Der Mittelläufer wohnte zwei Häuser weiter und mit dem Verteidiger hatte man am Abend zuvor in der Kneipe ein Bier getrunken. Die soziale Nähe war überschaubar und machte den Zusammenhalt aus", schrieb der Autor Hans Dieter Baroth aus Erkenschwick über jene Zeit.

Auch als Mitte der fünfziger Jahre die größeren Clubs wie Schalke 04, Rot-Weiss Essen oder Borussia Dortmund durchsetzten, blieb die Verbindung zum Publikum sehr eng und machte selbst heute noch das besondere am Ruhrgebietsfußball aus.

Der Historiker Ralf Piorr hat sich dieses Themas schon häufiger angenommen, doch das von ihm herausgegebene Fotobuch "Fußballtage im Westen" ist ein schönes Beispiel dafür, wie man Nostalgie und Sentimentalität wecken kann, ohne darin verloren zu gehen. Ausgangspunkt für Piorrs Arbeit ist der Nachlass des Gelsenkirchener Sportfotografen Kurt Müller. Dort hat er sich durch einen umfangreichen Bestand von Negativen gearbeitet und ist auf einen Schatz gestoßen.

Es ist die in jeder Hinsicht bemerkenswerte Qualität der Fotos, die den Bildband zu einem besonderen Vergnügen macht. Einerseits findet man zunächst einmal viele außergewöhnlich gelungene Sportfotos, die eine andere Ästhetik haben als solche von heute. Müller musste stets direkt von hinter dem Tor fotografieren, weil es damals noch keine leistungsstarken Teleobjektive gab. Daher gibt es bei ihm auch deutlich weniger Bilder der Mittelfeldspieler jener Zeit zu sehen, es dominieren Verteidiger und Stürmer direkt vor seiner Kamera. Zugleich vermitteln die Fotos eine fast intime Nähe, man meint mit Müller wirklich fast auf dem Platz zu stehen.

Zum Glück hatte der Fotograf aber auch einen Sinn für das, was es abseits des Balls zu sehen gab. Daher schaut man mit ihm immer wieder in die oft erschöpft wirkenden Nachkriegsgesichter der Zuschauer oder darf sich über das Outfit von Ernst Kuzorra wundern, wie er mit Sonnenbrille und messerscharfen Bügelfalten auf Schalkes Trainerbank sitzt. Müller sind die seltsamen Ohrenschützer bei den Spielern von Preußen Münster so wenig entgangen wie der Toto-Mat im Stadion an der Hafenstraße in Essen, ein Vorläufer heutiger Anzeigentafeln.

Piorr gibt den vielen zuvor unbekannten Motiven teilweise längere Bildunterschriften und macht das Bilderbuch auch zu einer kleinen Chronik der Oberliga West. Außerdem gibt er vier längere Gespräche mit Spielern, um den Fußball jener Zeit besser zu verstehen. Jule Ludendorf, der legendäre Stürmer aus Erkenschwick erzählt dabei vom Spaß an handfester Kameradschaft: "Ich war ein konsequenter Hasser von Alkohol und Nikotin, aber ich war nicht gegen Rotwein. Wenn ich zwei, drei getrunken hatte, war ich eine Stimmungskanone."

Fritz Herkenrath, der Nationaltorwart aus Essen und spätere Grundschullehrer, relativiert hingegen den sportlichen Wert der Liga. "Natürlich war die Leistung bei weitem nicht so wie heute. Wir würden heute alle in einer guten Landesliga spielen." Die Einführung der Bundesliga war zweifellos der richtige Schritt, aber je professioneller der Fußball geworden ist, umso stärker wirkt der Zauber der Oberliga West.



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