kicker.tv

Fußballmacht Spanien Weltmeister aller Klassen

Sie spielen effizient, elegant, überwältigend. Die Weltmeister verknüpfen taktische Disziplin mit überragendem Angriffsfußball und brillanter Defensivarbeit. Nach Spaniens WM-Sieg taugt Schönspieler nicht länger als Schimpfwort.

Innerhalb von zwei Jahren aus der fußballerischen Versenkung in einen exklusiven Club der Weltspitze - das muss den Spaniern erst mal jemand nachmachen. Seit diesem Sonntag sind sie Welt- und Europameister zugleich. Das haben in der Geschichte zuvor nur die Mannschaften von Deutschland (EM 1972, WM 1974) und Frankreich (WM 1998, EM 2000) geschafft.

Erinnern Sie sich? Am 29. Juni 2008 hat Spanien im Finale der Europameisterschaft Deutschland bezwungen. Selten hat es ein verdienteres 1:0 gegeben. Die bessere Mannschaft hatte gewonnen. Neun Spieler von damals spielten nun auch im WM-Finale von Südafrika. Wieder gewann Spanien, wieder hieß es am Ende 1:0, wieder konnte es nach dem Spiel keinen Zweifel geben: Die bessere Mannschaft hatte gewonnen.

Und wieder war das Bemerkenswerteste, wie Spanien gewonnen hat.

Der neue Weltmeister hat sich nicht zum Titel durchgewurschtelt. Er hat ihn nicht durch Duseltore erschlichen und auch nicht per Defensivtaktik ermauert. Im Gegenteil: Das spanische Team spielte stets effizient, meist schön und gelegentlich brillant.

Fotostrecke

Spieler-Analyse in Bildern: Das beste Team der Welt

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Das Spiel war auf Ballbesitz und Spielkontrolle ausgelegt, mit ständigen Tempowechseln und überraschenden Pässen in die Spitze, vorgetragen von technisch und taktisch brillanten Spielern. Eine nahezu unbezwingbare Kombination.

Lange Zeit war "Schönspieler" ein verächtliches Wort für Teams, die spielerisch überzeugten, sich aber gegen robuste und defensiv eingestellte Mannschaften nicht durchsetzen konnten. Nach dem WM-Triumph Spaniens sollte "Schönspieler" eine andere Bedeutung bekommen. Denn Spanien ist an seiner fußballerischen Überlegenheit nicht gescheitert - sondern setzte sich dank ihr durch.

Spanien hat sich nicht verbogen. Das Team spielte so, wie es spielen muss angesichts eines Kaders, der auf jeder Position stark besetzt ist - im Gegensatz zum Beispiel zu Brasilien, das defensiven Zweckfußball spielte und damit im Viertelfinale scheiterte.

Ästhetischer Zweckfußball statt Angeberei

Gelegentlich wurde bei dieser WM die destruktive Spielweise von Brasilien, Portugal oder die unattraktive Ergebnisverwaltung der Niederländer als "taktisch anspruchsvoll" bezeichnet und wenn nicht als schön, so doch als erfolgreich. Spanien setzte den Gegentrend - ohne in Hurra-Fußball zu verfallen. Das Spiel dieser Mannschaft war taktisch nicht weniger hochklassig, zusätzlich aber noch schön anzusehen.

Vor allem aber diente die Schönheit und Eleganz des Spiels immer einem Zweck. Wenn sich Iniesta und Xavi im Mittelfeld mit der Hacke den Ball zuspielen, ist das eben keine fußballerische Angeberei, wie sie zum Beispiel bei Cristiano Ronaldo öfter zu beobachten ist - sondern die in dieser Situation beste Art, den Mitspieler mannschaftsdienlich einzubinden. Das macht Weltmeister aus. Offensiver Zweckfußball sozusagen, bei dem sich die Ästhetik wie von selbst einstellt.

Fotostrecke

Weltmeister!: Spaniens Nacht des Jubels

Foto: dpa

Es spricht für Spanien, dass jeder seit dem EM-Erfolg und der folgenden WM-Qualifikation wusste, wie die Mannschaft spielen würde - und sie dennoch niemand auf dem Weg zum Titel stoppen konnte.

Und es spricht für das Team, dass es selbst gegen extrem defensive Gegner spielerisch überzeugte, teilweise brillierte.

Spanien spielte zusammen mit Deutschland den besten Fußball der WM. Im Halbfinale zeigte sich, dass sich der Abstand zwischen beiden Teams seit dem EM-Finale verringert hat - aber immer noch groß ist.

Eleganz verdeckt Effizienz

Spanien spielte so attraktiv, dass kaum auffiel, wie effizient die Mannschaft arbeitete. Wer nur acht Tore in sieben Spielen braucht, um Weltmeister zu werden, muss hervorragend verteidigen. Spanien ließ im gesamten Turnier nur zwei Gegentreffer zu - beide in der Vorrunde beim 0:1 gegen die Schweiz, das als Fußnote in die WM-Geschichte eingehen wird, und beim 2:1 gegen Chile. Dies zeigt, dass die Verteidigung ebenso wie die Offensive weltmeisterlich war.

Wer so abgeklärt spielt, dass vier Tore genug für vier gewonnene K.o.-Spiele sind, hat eben Vorteile gegenüber Teams wie Argentinien, das zwar über ähnlich gute Angriffsspieler verfügt, diese aber nicht zur Defensivarbeit bewegen kann. Und er braucht sich schon gar nicht dafür zu schämen, dass alle Ergebnisse ab dem Achtelfinale 1:0 lauteten - auch wenn Spaniens Abwehr besonders im Finale wackelte und Arjen Robben zweimal frei vor Torwart Iker Casillas stand.

Fotostrecke

WM-Zeugnisse: Schweinsteiger hui, Schiris pfui

Foto: JAVIER SORIANO/ AFP

Es stimmt schon, Finalschiedsrichter Howard Webb aus England mag nicht seinen besten Tag gehabt haben. Aber ihn zum Grund für Spaniens Sieg zu erklären, ist allzu durchsichtig. Einige niederländische Spieler, darunter Mark van Bommel, beschwerten sich nach dem Abpfiff bei Webb. Das war unwürdig und lässt die Niederlande als schlechte Verlierer erscheinen. Denn Webb entschied öfters zu Ungunsten von Spanien. Unter anderem gab er einen Elfmeter nicht. Und er war zu milde, als er bei Nigel de Jongs Kung-Fu-Tritt gegen Xabi Alonsos Brustkorb nur die Gelbe Karte zeigte. Auch für Fouls wie das von Mark van Bommel, der Andres Iniesta von hinten ohne Chance auf den Ball umgrätschte, hat es schon zu Recht Rot gegeben.

All das war nach dem Abpfiff vergessen, als Casillas und sein Abwehrspieler Gerard Piqué vor Freude weinten und sich die gesamte Mannschaft in den Armen lag. Das Team, das auf dem Rasen des Soccer-City-Stadions jubelte, hatte sich den Titel verdient - die Zeit war reif für einen solchen Weltmeister.

Er taugt als Vorbild für jede Elf.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.