Fußballprofi Savidan Vom Müllmann zum Nationalspieler

"Party-Steve" - so wurde Steve Savidan zu Beginn seiner Karriere genannt. Jahre später hat es der Stürmer dennoch in die französische Nationalelf geschafft. Das Magazin "11 Freunde" stellt den Profi vor, der schon vor dem Training für die Müllabfuhr arbeiten musste.

Von Johannes Scharnbeck


Steve Savidan hat viele Spitznamen: "Party-Steve", "Müllmann", "Savigol". Alle stehen sinnbildlich für je einen Abschnitt seiner Karriere - und beschreiben den märchenhaften Aufstieg vom Müllmann und Amateurkicker zum umjubelten Torjäger des Erstligisten SM Caen, der mit 30 Jahren in der Équipe Tricolore debütierte.

Savidan im Frankreich-Trikot: "Niemand glaubte an mich"
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Savidan im Frankreich-Trikot: "Niemand glaubte an mich"

Warum der Stürmer zu Beginn seiner Laufbahn "Party-Steve" genannt wurde, ist bis heute offensichtlich. Beim Interview in Caens Edelbar "La Suite" hat Savidan sich einiges vorgenommen: Er bestellt sofort das erste Bier. An den Wänden hängen Flachbildfernseher, auf denen ein Modesender läuft, der Tresen glitzert im Zebra-Look. Einmal in der Woche verbringt Savidan den Abend hier. Meist endet es damit, dass er sich hinter das DJ-Pult stellt, die gedämpfte Loungemusik abdreht und dann "Tanzbares von Elvis bis Daft Punk" auflegt.

Was soll man auch sonst in Caen machen? Die drittgrößte Stadt der Normandie lebt vor allem von ihrer Geschichte. Auf Altkeltisch bedeutet Caen "Schlachtfeld". Hier kämpften die Kelten, der englische König, und im Zweiten Weltkrieg landeten die Alliierten am D-Day an den Stränden.

Im "La Suite" lungern die jugendlichen Kinder reicher Eltern herum. Savidan beherrscht den Smalltalk perfekt, er erzählt den durchgestylten Kids von seiner ersten Klassenfahrt nach Berlin, und wie begeistert er von den deutschen Mädchen war. Dabei steckt er sich eine Zigarette an. Ein rauchender Nationalspieler. Savidan sagt: "Das gehört zu mir, genau wie das Feiern." Mittlerweile habe er als Ehemann und Vater zweier Söhne sein Pensum jedoch deutlich heruntergefahren.

Zu Beginn seiner Karriere zog Savidan so oft es ging durch Bars, Diskos und Nachtclubs. Wo er war, war Party, beim Feiern stellte er alle in den Schatten. Aufs Fußballfeld vermochte er diesen Elan jedoch nur selten zu übertragen. Gelang ihm eine geniale Szene, musste er sich meist die restliche Spielzeit davon erholen.

Savidan, Jahrgang 1978, tingelte ohne groß aufzufallen durch die Provinzclubs in Frankreichs zweiter und dritter Liga: Châteauroux, Ajaccio, Angers, Beauvais. Zwischen 1999 und 2003 wechselte er stets nach einer Saison den Verein. "Wenn ich weg war, ging es mit den Clubs immer bergauf", sagt er und lacht. Bei seinen Teamkollegen kam der Sprücheklopfer prima an, mit seinen Trainern verkrachte er sich fast überall. Er sah nicht ein, dass sie ihm auch das Leben abseits des Platzes vorschreiben wollten. "Ich kannte die Regeln des Fußballsystems nicht", sagt er. "Ich kapierte die Taktiken nicht, hatte keine Ahnung, wie man sich in der Öffentlichkeit darstellt, und obendrein eine schlampige Einstellung."

Die meisten seiner Trainer hielten ihn für einen Faulenzer. Seine Faulheit im Training rührte aber nicht nur von wilden Partys her. Savidan war auch chronisch pleite. In seinem Heimatort Angers, wo er als 20-Jähriger beim örtlichen Viertligisten seinen ersten Vertrag als Halbprofi unterzeichnete, schuftete er in mehreren Nebenjobs. Das brachte ihm den Spitznamen "Müllmann" ein. Während seiner ersten Monate beim SCO Angers holte er zwischen fünf Uhr morgens und zwölf Uhr den Müll aus der Nachbarschaft ab. Nachmittags stand dann das Training auf dem Programm - und ab 19 Uhr Kellnern im Café.

Die wenig prestigeträchtigen Nebeneinkünfte konnte er vor seinen Mitspielern nicht verbergen. Das Café war das beliebteste im Ort, die Teamkollegen verbrachten dort die Abende und er mixte die Cocktails für sie. Savidan greift sich plötzlich Stift und Papier und schreibt die Zusammensetzung seines Lieblingsdrinks, "Cognac Schweppes", auf: 27 cl Cognac, 31 cl Schweppes und ein Schuss Perrier-Mineralwasser, aber nur Perrier. Diese Mischung sei unschlagbar, sagt er. Trotzdem bestellt er noch ein Bier.

Als Sohn eines Fernfahrers und einer Hausfrau wuchs Savidan mit vier Geschwistern in Angers' Arbeiter- und Einwandererviertel La Roseraie auf. Er machte das Fachabitur, absolvierte eine Lehre zum Automechaniker, und weil das Geld nicht reichte, ging er zum Arbeitsamt. "Wenn man nicht über mehrere Bildungsabschlüsse verfügt, darf man keine Ansprüche stellen", sagt Savidan. So nahm er alles an, was ihm angeboten wurde - auch den Job als Müllmann. Seine damalige Freundin und heutige Frau Karine arbeitete zu der Zeit bei der Fast-Food-Kette "Quick Burger".

Als er sich mit 20 Jahren dazu entschloss, es als Fußballprofi zu versuchen, schlug ihm Skepsis entgegen: "Niemand außer mir glaubte an mich. Und zunächst habe ich auch alle Chancen verpatzt - bis auf die allerletzte beim CFC Angoulême." Mit dem Rücken zur Wand habe er 2003 gestanden, kein Club interessierte sich mehr für ihn. Er drohte, arbeitslos zu werden. Die Schulden drückten gewaltig. Als ein Freund aus der Mannschaft Angoulêmes ihn zu dem Verein vermittelte, sagte sich Savidan: "Wenn ich es jetzt nicht schaffe, höre ich mit Fußball auf."



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