Fußballprofi Schorch Wie ein Berliner Junge bei Real Madrid seinen Traum lebt

Nach zwei Kurzeinsätzen für Hertha BSC bekommt Christopher Schorch im Frühjahr 2007 einen Anruf von seinem Berater. Ein ausländischer Club sei an ihm interessiert. Ein guter Club? Nein, der beste Club der Welt. Real Madrid. Das Magazin "11 Freunde" schildert Schorchs Geschichte.


Dort, wo die Straße endet und ein Wärter das kleine Häuschen mit der Schranke bewacht, Betonmischfahrzeuge sich über den Asphalt schlängeln wie Ameisen über tannennadelbedeckte Waldwege, dort, hinter dem letzten Verkehrskreisel im Nordosten der Stadt, wo Menschen aussehen wie Figuren auf Märklin-Landschaften, liegt die Ciudad Real Madrid. Im Nichts. Unwirklich wie eine Stadt aus dem Katalog. Wie die Festung eines Geheimdienstes oder ein Labor, von dem man nicht viel mehr weiß, als dass dort an Dingen getüftelt wird, die weit über das menschliche Vorstellungsvermögen hinausgehen.

Christopher Schorch (l.), im Spiel der Hertha-A-Jugend gegen Schalke: "Lebe deinen Traum"
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Christopher Schorch (l.), im Spiel der Hertha-A-Jugend gegen Schalke: "Lebe deinen Traum"

Da hilft auch das heimelige Schild mit der Aufschrift "Bienvenidos, Welcome, Willkommen" nicht, denn auf dem Zaun, der die Stadt in der Stadt umfesselt, hängen Pappen, auf die sie "No acceso" geschrieben haben. Einlass erhalten hier nur die Anzugträger, die in verspiegelten Limousinen vorbeifahren, die Bauarbeiter, die das Trainingsgelände moderner und das Estadio Alfredo di Stéfano größer machen, und die Sicherheitsleute, die darauf achten, dass die Flugzeuge vom nahe gelegenen Aeropuerto Barajas nicht über die Ciudad fliegen, damit die Spieler von Real Madrid ungestört bleiben – Raúl oder Guti, Fabio Cannavaro und Javier Saviola. Und Christopher Schorch.

Seit Sommer 2007 ist diese Festung sein Arbeitszimmer. Sonntags spielt der 19-Jährige hier mit Real Madrid Castilla, der zweiten Mannschaft von Real, unter der Woche trainiert er hier mit all den Helden seiner Jugend. Auch das klingt unwirklich, denn es ist gerade mal vier Jahre her, da war Schorch noch Sportschüler in Halle. Danach machte er zwei Bundesligaspiele für Hertha BSC, eines dauerte drei, ein anderes 13 Minuten.

Christopher Schorch hat, so scheint es, im letzten Jahr fünf Stufen auf einmal genommen.

Er selbst zuckt mit den Achseln, natürlich sei das alles schnell gegangen, doch mittlerweile ist die Ciudad sein Alltag. Schorch wirkt längst nicht mehr wie der kleine Junge, der hier vor seiner ersten Trainingseinheit neben Guti stand und nach einem Autogramm fragte. Heute nennt er Guti einen Freund, mit dem er abends im angrenzenden Viertel Sanchinarro in feine Restaurants geht, in denen er mit den Geschäftsführern auf Du ist und die Menschen der Märklin-Landschaft ihre großen Geschäfte vergessen und wild durcheinander smalltalken.

Bei seiner Ankunft in Madrid, im Sommer 2007, ist noch alles anders. "Die ersten Tage waren schlichtweg irreal", sagt Schorch. "Man führte mich zuallererst in ein 350-Quadratmeter-Apartment mit Swimmingpool, Sauna, Solarium. Danach drückten sie mir den Schlüssel für einen Audi Q7 in die Hand. Dabei hatte ich nicht mal einen Führerschein." Schorch betritt in jenen Tagen eine Welt, die so aufregend und zugleich so sehr im Widerspruch steht zu allem, was er bis dahin erlebt hatte.

Denn in den Nachwendejahren glänzt für Christopher Schorch keine einzige Fassade. Er wächst in Halle-Neustadt auf, einer Plattenbau-Siedlung, die einst für die 18.000 Beschäftigten des Chemiekonzerns "Buna Werke" aus dem Boden gestampft worden war. Auch die Eltern schuften bei Buna, viele Jahre im Schichtdienst, Christopher wird schon früh zu diesem Schlüsselkind, das in der Schule auf dem Stuhl zappelt und von seiner Lehrerin in der Pause um den Block geschickt wird, in der Hoffnung, seine Energie an der nächsten Ecke abzuschütteln. Es hilft nicht, die Eltern bekommen einen Brief der Schule, mit der Bitte, einen Sportverein für Christopher zu finden. Vater Mario, seit jeher Fußballfan, meldet ihn beim lokalen Club Nietlebener SV an, Christopher kann richtig toben und folgt in der Schule endlich dem Unterricht – die Lehrer sind glücklich, der Vater sowieso.

Erst einige Jahre später malen sich beide gemeinsam zum ersten Mal aus, wie das denn wäre: Fußballprofi sein. Christopher kommt auf die Sportschule des Halleschen FC, er spielt in Landesauswahlen, ist auf Sichtungslehrgängen, er steht um sechs Uhr morgens auf, kommt abends um neun nach Hause. Und er weist für sein Alter eine untypische spielerische Konstanz auf. Und jetzt, im Frühjahr 2004, ist Christopher bereit für den nächsten Schritt.

Kurze Zeit später bricht er sich das Bein.

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