Fußballskandal Razzia gegen die Versteckspieler

Längst geht es nicht mehr um eine verschworene Gruppe, die sich im Berliner "Café King" für ihre Spielabsprachen traf. Mit bundesweiten Durchsuchungen versuchen die Fahnder das kriminelle Zusammenspiel von Spielern, Schiedsrichtern und Zockern aufzuklären. Ziel: Beweise für die Vorwürfe des Ex-Schiedsrichters Hoyzer.

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Jansen-Haus in Essen: Bereits mit den Vorwürfen konfrontiert
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Jansen-Haus in Essen: Bereits mit den Vorwürfen konfrontiert

Berlin - Die Ermittler kamen im Morgengrauen. Pünktlich um sechs Uhr am Mittwochmorgen begann die zweite große Durchsuchungswelle im Fußballskandal. Dieses Mal aber waren die Fahnder nicht nur in der Bundeshauptstadt Berlin unterwegs, wo Robert Hoyzer mit seinen Komplizen den größten Betrug in der Geschichte des deutschen Fußballs ausgeheckt haben soll. Bundesweit hatten die Fahnder der Berliner Staatsanwaltschaft insgesamt 32 Objekte ins Visier genommen, die meisten davon einfache Wohnungen von Spielern, Schiedsrichtern oder deren Freunden.

Auch wenn die konzertierte Durchsuchungsaktion am Mittwoch mehr als absehbar war, macht sie erneut das Ausmaß des Skandals deutlich. Längst geht es nicht mehr um eine kleine verschworene Gruppe, die sich im Berliner "Café King" für ihre Spielabsprachen traf. Mittlerweile geht es um mindestens 25 Beschuldigte, wobei der betrügerische Schiedsrichter Hoyzer und die drei bereits festgenommenen Kroaten aus Berlin die Schlüssel für die weiteren Ermittlungen bereithielten.

Der Vorwurf, der den deutschen Fußball schwer belastet, ist gewaltig. Gemeinsam sollen die Verdächtigen mindestens zehn Fußballspiele manipuliert und hinterher mit gezielten Wetten Millionen verdient haben. Anhand von Unterlagen aus der bereits am vergangenen Freitag durchsuchten Kneipe in Berlin wissen die Ermittler, dass die sogenannte Wett-Mafia um die kroatische Besitzerfamilie mit den gezielten Wetten mindestens 2,44 Millionen Euro scheffelte, die sie sogleich in teure Autos und Luxusgegenstände investierte.

Suche nach den Erfolgsprämien

Am Mittwoch ging es allerdings um andere Beteiligte. So besuchten die Fahnder die Privatwohnungen der Schiedsrichter Jürgen Jansen, Felix Zwayer und Dominik Marks, des Schiedsrichterbetreuers Wieland Ziller sowie von 14 weiteren Spielern, die an den Wettbetrügereien und Spielmanipulationen beteiligt gewesen sein sollen - eine Aktion in zehn Bundesländern. Alle dürfte die Razzia am frühen Morgen kaum überrascht haben. Bereits seit Montag waren die Namen der von Hoyzer belasteten Sportler öffentlich, eine folgende Durchsuchung mehr als absehbar.

Zu den beschuldigten Spielern zählen nach Angaben der Staatsanwaltschaft Thijs Waterink vom SC Paderborn, der bereits eine Geldzahlung an ihn bestätigt hat. Daneben richten sich die Recherchen gegen Tomislav Piplica und Laurentiu Reghecampf vom Verein Energie Cottbus, welche die Vorwürfe abstreiten. Ebenfalls im Visier der Ermittler sind mittlerweile Markus Ahlf und Steffen Karl vom Chemnitzer FC, die die Vorwürfe ebenfalls abstreiten.

Durchsucht wurde auch bei Ignjac Kresic und Torsten Bittermann von Dynamo Dresden, außerdem wurden die Fahnder bei den beiden Ex-Spielern Ranisav Jovanovic (jetzt FSV Mainz 05) und Maik Wagefeld (1. FC Nürnberg) vorstellig. Bereits vor der Razzia hatten alle Dynamo-Aktiven die Verdächtigungen mit einer schriftlichen Erklärung zurückgewiesen. Zudem wurde auch die Wohnung des ehemaligen Cottbuser Bundesliga-Profis Bruno Akrapovic durchsucht. Nach der Durchsuchung bestritt der Fußball-Profi allerdings, in den Wettskandal verstrickt zu sein.

Ebenso gab auch der verdächtigte Schiedsrichter Jürgen Jansen über seinen Anwalt eine Erklärung ab, in der er sogar rechtliche Schritte gegen die Verdächtigungen ankündigte.

Was die Fahnder am meisten interessierte, waren Beweise für die vermeintlichen Manipulationen - besonders die von Hoyzer gegenüber der Staatsanwaltschaft beschriebenen Vergütungen an Schiedsrichter und Spieler. Deshalb suchten die Ermittler der beteiligten Landeskriminalämter nach Bankbelegen, Bargeld oder sonstigen Hinweisen auf verdächtige Geldbewegungen. Alle Ergebnisse wurden am Mittwochmittag bei der Ermittlungsgruppe "Fußballwette" beim Berliner Landeskriminalamt (LKA) zusammen geführt. Ob die Fahnder fündig geworden sind, konnte am Nachmittag noch keiner der Ermittler sagen.

Warnung per "Bild"-Zeitung

Theoretisch hatten alle Verdächtigen reichlich Zeit, Beweise verschwinden zu lassen. Schon seit Montag waren die Razzien für jeden der Verdächtigen mehr oder minder nur noch eine Frage der Zeit. Bei der Staatsanwaltschaft sorgte man sich deshalb schon seit längerem, ob die Durchsuchungen überhaupt noch Sinn ergeben würden. Trotzdem entschieden sich die Fahnder für die Aktion. "Besser wir schauen noch einmal nach, als dass wir gar nichts tun", sagte einer der beteiligten Polizisten am Nachmittag.

Auch mit dem Fußballverband DFB will die Staatsanwaltschaft in engem Kontakt bleiben. Noch am Mittwoch werde der DFB die erforderlichen Aktenauskünfte erhalten, um den Spielbetrieb sichern zu können, erklärte die Staatsanwaltschaft. Der DFB muss in den kommenden Tagen klären, welche Schiedsrichter die Spiele am Wochenende pfeifen sollen. Jansen, Zwayer und Marks würden allerdings nicht angesetzt, kündigte Schiedsrichter-Sprecher Manfred Amerell bereits an. Auch alle anderen Verdächtigen, deren Namen genannt würden, sollen demnach vorerst abgesetzt werden. Aus der Verwirrung der letzten Tage hat Amerell einiges gelernt. "Wir glauben erst einmal gar nichts mehr", so der Ober-Schiri.

Wie der Skandal strafrechtlich weiter geht, ist bisher schwer einzuschätzen. Eine ganze Armada von LKA-Beamten und Staatsanwälten ist mit dem Fall unter dem Aktenzeichen 68 Js 51/05 beschäftigt. Rein juristisch bearbeiten Generalstaatsanwalt Hansjürgen Karge und seine Kollegin Petra Leister den Vorgang in Berlin unter dem Verdacht des "banden- und gewerbsmäßigen Betrugs in einem besonders schweren Fall". Bisher gelten alle Verdächtigen, auch der geständige Ex-Schiedsrichter Hoyzer, als Mitglieder in einer solchen Bande.

Bisher ist Hoyzer normaler Beschuldigter

Eine Hoffnung Hoyzers hat sich damit bisher noch nicht erfüllt. Ganz offensichtlich setzte er gemeinsam mit seinem Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner auf eine Rolle als Kronzeuge, dem später ein großer Teil seiner Strafe wegen der detaillierten Tips an die Ermittler erlassen wird. Eine solche Strafe könnte je nach Richtermeinung bis zu zehn Jahre sein. Bisher aber stufen die Fahnder Hoyzer als normales Bandenmitglied ein. "Wir ermitteln erstmal und dann reden wir über Kronzeugen oder ähnliches", so einer der beteiligten Juristen am Mittwoch.

Hoyzers Anwalt wird nicht müde, den Ex-Schiedsrichter für die Fahnder interessant zu machen. Wohl nicht ganz unabsichtlich deutete er in einem Interview mit der "Zeit" angeblich heikle neue Wendungen in dem Fall an. Es könne sein, so der erfahrene Strafrechtler, dass noch weitere Personen an dem Skandal beteiligt gewesen sind, manche von ihnen vielleicht sogar aus dem osteuropäischen Geheimdienstmilieu. Was er damit konkret meinte, ließ er offen.

Durch sein Geständnis aber hat Robert Hoyzer immerhin einige Vorteile gegenüber seinen alten Kumpels aus dem "Café King". Statt wie die drei Kroaten im recht unwirtlichen Berliner Untersuchungsgefängnis in Moabit zu schmoren, logiert Hoyzer in einem geheim gehaltenen Hotel irgendwo im Ruhrgebiet. Von dort aus wird sicher auch er die Razzia bei seinen vermeintlichen Komplizen genau mitverfolgt haben.

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