Fußballskandale Aus Mangel an Beweisen

Verglichen mit den anderen europäischen Top-Ligen ist die Fußball-Bundesliga eine reine Besserungsanstalt. Die Gegenüberstellung zeigt: In England wird gezockt und gesoffen, in Italien geschluckt und geschoben und in Spanien schließlich herrschen wahnwitzige Potentaten. Von Dirk Brichzi und Robert Mucha

An diesem Nachmittag schluckten die Beobachter des Prozesses im Turiner Gericht schwer, und auch Richter Casalbore schüttelte ungläubig mit dem Kopf. Vor ihm saß Zinedine Zidane, Weltmeister, Europameister, mehrfacher Weltfußballer, und legte kleinlaut ein Geständnis ab. Ja, er habe in seiner Zeit bei Juventus Turin von 1996 bis 2001 regelmäßig Kreatin geschluckt, ein Mittel zum Aufbau der Muskelmasse: "Wenn wir mehr als ein Spiel in der Woche hatten, nahm ich zwei Gramm in der Spielpause. Außerdem habe ich zwischen den Spielen von unserem Teamarzt Infusionen bekommen."

Zidanes Aussage schlug hohe Wellen. War der Zauberer am Ball nur ein mieser Betrüger? Und Beobachter fragten sich, wer wohl noch alles in den Doping-Sumpf des italienischen Fußballs verstrickt ist. Seit Februar 2003 läuft der Prozess gegen Juventus. Auf den Weg gebracht hat ihn der tschechische Trainer Zdenek Zeman, 1998 beim AS Rom beschäftigt. "Der italienische Fußball ist ein Gewerbe für Apotheker und Pharmakonzerne", behauptete er und verwies auf "unnatürliche Muskelzuwächse" etwa bei Alessandro del Piero. Zwar konterte der Turiner Stürmer mit "neuen Trainingsmethoden", aber Generaldirektor Antonio Giraudo und Mannschaftsarzt Ricardo Agricola landeten schließlich doch auf der Anklagebank. Der Vorwurf hat es in sich: Sie sollen die Spieler ohne deren Wissen unnötig mit Medikamenten behandelt haben. Legaler Handel mit Arzneimitteln, Urkundenfälschung und Sportbetrug lauten die anderen Anklagepunkte.

Verdächtige Schwankungen

Die Prozess-Gutachten belegen das systematische Doping, vor allem mit dem bei Ausdauersportlern so beliebten Epo. Verdächtige Schwankungen der Hämatokritwerte wurden unter anderem bei Didier Deschamps, Giro Ferrara, Angelo Peruzzi, Paolo Montero, Angelo di Livio und Manuel Dimas festgestellt. Ob die Verantwortlichen tatsächlich mit einem harten Urteil rechnen müssen, ist jedoch mehr denn je zweifelhaft. Denn in Italiens Fußball hat man es grundsätzlich nicht so mit dem eisernen Besen, zumal wenn die Prominenz betroffen ist. Dabei vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht ein neuer Skandal die Profiligen erschüttert, oft geht es dabei um unerlaubte Stimulanzien.

Kaum noch überschaubar ist etwa die Zahl der überführten Nandrolon-Doper. Doch Testergebnisse, die in Deutschland zu drakonischen Strafen führen würden, sind wie im Falle des ehemaligen Juve-Profis Edgar Davids mit der simplen Ausflucht "Ich habe den Hustensirup meiner Freundin benutzt" allenfalls milde vier Monate Sperre wert.

Ebenso regelmäßig fliegen Spieler, Trainer und Schiedsrichter als Teilnehmer größerer Wettbetrügereien auf, ohne dass sie fürchten müssen, juristisch belangt zu werden. Dabei hatte es etwa der letzte Fußballwetten-Prozess in sich, wurden darin doch Schiebungen quer durch alle relevanten Ligen verhandelt. Ermittler aus Neapel hatten die Spielmanipulationen zufällig entdeckt, abgehörte Telefongespräche und eingefangene SMS-Botschaften wurden als Beweise präsentiert. Doch am Ende sprach Richter Stefano Azzali beinahe alle Angeklagten frei, lediglich drei Akteure wurden gesperrt, und Zweitligist Modena muss mit fünf Punkten Abzug in die Saison starten.

Merkwürdige Schiedsrichterentscheidungen

Beobachter sprachen anschließend von einer durchaus typischen Rechtsprechung und spotteten, die wirklichen Kriminellen säßen ohnehin in den Führungsetagen der großen Vereine und des italienischen Verbandes. Zwar fehlen Beweise, Indizien indes gibt es zuhauf. So stürmte Aufsteiger Chievo Verona vor zwei Jahren mit herzerfrischendem und für italienische Spitzenvereine mittlerweile völlig ungewohntem Offensivfußball an die Tabellenspitze, ehe sich merkwürdige Schiedsrichterentscheidungen gegen das Team häuften. Und nach dem vierten skandalösen Elfmeter gegen Chievo und dem Verlust der Tabellenführung urteilte nicht nur "La Repubblica" bitter: "Das System ist mit Chievo fertig."

Wettbetrug ist jedoch keine italienische Spezialität, auch im englischen Fußball verstricken sich immer wieder Spieler und Funktionäre in illegale Absprachen. Manche Kicker ziehen dabei noch elegant ihren Kopf aus der Schlinge. So ging ein Raunen durchs Fanvolk, als bekannt wurde, dass Vorzeigestürmer Michael Owen stattliche Summen auf den Ausgang von Spielen der Premier League setzt und rund drei Millionen Euro verloren haben soll. Owen dementiert nicht die Tatsache, aber die Summe und findet es außerdem "ganz normal", dass Fußballspieler zocken, selbst bei den Kartenspielen während eines großen Turniers gingen beträchtliche Summen über den Tisch. Sir Bobby Charlton hatte eine andere Meinung: "Dieses Verhalten ist vulgär!"

Lesen Sie im zweiten Teil von folgenreichen Puffbesuchen in England und einem wahnwitzigen Präsidenten in Spanien

Ein anderer Prozess offenbarte, wie groß das Interesse der illegalen Zocker am europäischen Profifußball ist. Dabei klang die Geschichte zunächst unglaublich. Als Manager eines malaysischen Fußballstadions getarnt, wurde der Chef einer Betrügerbande von seinen arglosen englischen Kollegen hinter die Tribüne des Stadions in Charlton geführt, um sich dort über moderne Stadiontechnik zu informieren. Die Entourage des vermeintlichen Managers notierte fleißig Details. Das hatte seinen Grund: Die beiden Ingenieure sollten später den Stromkreis der Flutlichtanlage so manipulieren, dass sie mit einer Fernbedienung ausgeschaltet werden kann. Der bizarre Plan: In der Partie zwischen Charlton und Liverpool sollte bei einem möglichen 1:1-Unentschieden das Licht ausgeknipst werden, mit lukrativen Folgen für die Wetter. Bei einem Spielabbruch hätte das 1:1 die Gewinne der Auftraggeber in Asien verdoppelt. Denn die Regelung, dass bei Spielabbrüchen alle Einsätze hinfällig sind, ist in den illegalen ostasiatischen Wettbüros nicht bekannt.

"Geröstet" in La Manga

Fast harmlos wirken gegen solch professionellen Betrug die allwöchentlichen Skandälchen des englischen Profifußballs, resultierend aus fortgesetztem Alkoholmissbrauch und laxer Auslegung des Treuegelübdes. Dabei bedarf es nicht einmal eines Wayne Rooney, der seit der EM in Portugal beinahe im Wochentakt die Boulevardzeitungen mit neuen Miniaturen über Puffbesuche und Alkoholexzesse versorgt. Eine Petitesse gegen die Vorfälle rund um die liebesdurstigen Spieler von Leicester City. Die vergingen sich im Trainingslager im spanischen Badeort La Manga an drei Afrikanerinnen und wurden von ihnen angezeigt. Freiwillig gingen die Frauen wohl nur mit drei der neun Spieler aufs Zimmer, unter den Erwählten war auch der Deutsche Steffen Freund. Dann setzte das "Roasting" ein, wie Fachleute es nennen. Die Kollegen lösen sich einer nach dem anderen ab oder veranstalten gleich eine Orgie. Bewusst waren sich die Kicker dabei weder ihrer Schuld noch der historischen Bedeutung des Ortes. Kein Geringerer als Paul Gascoigne hatte im Sommer 2000 eine Hotelflucht in La Manga eingeebnet, nachdem er von seiner Nichtnominierung für die EM erfahren hatte.

An Skurrilität wird der englische Fußball jedoch häufig noch vom spanischen Ligabetrieb übertroffen. Meisterhaft, wie etwa Real Madrid im Jahr 2000 aus der Schuldenfalle hopste. Der Edelclub verhökerte die Sportstadt "Ciudad Deportiva" im Norden der spanischen Metropole für stolze 480 Millionen Euro an die Stadt Madrid und war auf einen Schlag schuldenfrei. Der Trick bei der Angelegenheit: Das ausschließlich sportlich zu nutzende Gelände war kurz vor dem Verkauf von willigen Städteplanern unkonventionell zum Baugrund für kommerzielle Investoren hochgestuft worden. Der Wert hatte sich so mehr als verdoppelt.

Derlei Tricks zur Sanierung der traditionell der Harakiri-Wirtschaft zuneigenden Clubs sind gang und gäbe. Zur Meisterschaft brachte es die kreative Buchführung des legendären Bauunternehmers Jesús Gil y Gil. Nach seinem Einstieg bei Atlético Madrid im Jahre 1987 verging kaum ein Jahr ohne förmliche Anklage. Bestechung, Geschäfte mit Kriminellen oder Vetternwirtschaft waren die häufigsten Vorwürfe, doch Gil y Gil fühlte sich stets zu Unrecht verfolgt: "Nichts als Lügen!" 1996 gelang tatsächlich der Gewinn von Pokal und Meisterschaft, Gil ließ sich drei Tage lang auf dem Madrider Neptun-Brunnen feiern.

Wanzen bei der Vorstandssitzung

Bisweilen erinnert der spanische Fußball auch an einen schlechten Agentenkrimi. So, als im Konferenz-Raum des FC Barcelona und in den Büros dreier Vorstandsmitglieder im Camp-Nou-Stadion 14 versteckte Richtmikrofone vor der ersten Vorstandssitzung unter dem neuen Vereinspräsidenten Joan Laporta gefunden wurden. Was in der Presse die Spekulationen beförderte, Mitarbeiter seines Vorgängers Josep Lluís Núñez könnten die Wanzen deponiert haben. Das Motiv: Rache. Denn durch Laportas Wahl hatten zahlreiche Anhänger der einstigen Führungsriege ihre Posten verloren. Tatverdächtige wurden schließlich jedoch nicht geschnappt, das Verfahren wurde ergebnislos eingestellt.

Auch Zinedine Zidane drohen übrigens trotz seiner Aussage vor Gericht keine Konsequenzen, zumal er darauf verwies, nur in seiner Zeit bei Juventus Verbotenes genommen zu haben: "Ich hab's vorher nie getan und auch danach nie mehr!"