Fußballstars und Rechtsextremismus Playstation statt Zivilcourage

Wo war Michael Ballack, als sein Nationalmannschaftskollege Gerald Asamoah rassistisch beschimpft wurde? Diese und andere unangenehme Fragen stellten die Teilnehmer einer Konferenz über Rassismus im deutschen Fußball. Lob gab es dagegen für einen ranghohen DFB-Mitarbeiter.

Von , Berlin


Ausgerechnet von den DFB-Kritikern kommt ein Lob: "Seit Theo Zwanziger das alleinige Sagen beim DFB hat, ist einiges passiert", attestiert Gerd Dembowski. Der Sozialwissenschaftler gehört zu den profiliertesten Figuren der Fußballfanszene. Vor Jahren hat er die Ausstellung "Tatort Stadion – Rassismus und Diskriminierung im deutschen Fußball" aufgebaut und sich damit Ex-DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder zu einem seiner Lieblingsfeinde gemacht. Mayer-Vorfelder ist Vergangenheit, und Dembowski stellt heute fest: "Beim Thema Rechtsextremismus versucht der DFB mittlerweile, nachhaltig aus dem Sulky zu kommen." Das war zu "MV-Zeiten" nicht selbstverständlich.

Asamoah, Ballack: "Habe nichts von ihm gehört"
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Asamoah, Ballack: "Habe nichts von ihm gehört"

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte am gestrigen Abend nach Berlin eingeladen, um über das Thema Rechtsextremismus im Stadion zu diskutieren, und außer den lobenden Worten für den DFB-Präsidenten haben die Teilnehmer nicht so arg viel Positives zusammenzutragen. Die Faninitiativen, die sich mit dem Problem beschäftigen, haben kein Geld, viele Vereine verschließen sich immer noch dem Thema, und von den Fußballstars selbst und ihrer Vorbildfunktion ist auch nicht viel zu erwarten.

"Vom Vereinsvorstand über den Spieler bis zum Stadionsprecher muss jeder Flagge gegen Rechts zeigen", hatte der SPD-Bundestagsabgeordnete Martin Gerster noch gefordert. Doch Dembowski kontert lakonisch: "Die deutschen Vorzeigeprofis sind nur mit ihrer Playstation befasst und damit, wie sie ihren Stammplatz halten." An dem Thema Rassismus im Stadion, und wie man ihn bekämpft, hat er bisher kein großes Interesse von Profiseite wahrgenommen.

Seit Jahren versuche er, Spieler für dieses Thema zu gewinnen: "Aber es sind doch immer dieselben vier, fünf Profis, die sich dazu überhaupt mal äußern." Dembowski vermisst eine klare Stellungnahme der Topspieler: "Wo war denn Michael Ballack als Kapitän der Nationalelf, als sein Nationalmannschaftskollege Asamoah rassistisch beschimpft wurde? Ich habe nichts von ihm gehört."

Stillstand im Kampf gegen rechte Hooligans

Desinteresse – das ist auch das, was Christopher Zenker immer wieder entgegenschlägt. Er engagiert sich seit langem in einer Leipziger Faninitiative – in der Stadt also, die zuletzt durch die gewalttätigsten Krawalle von rechtsgerichteten Fußballfans gegen Polizisten für Schlagzeilen sorgte. "Von sich aus tun die Vereine erst gar nichts", ist seine Erfahrung. Wenn die Faninitiativen nicht entsprechend Druck machten und an die Öffentlichkeit gingen, herrsche weitgehend Stillstand im Kampf gegen rechte Hooligans. "Leider haben auch noch zu viele Sportjournalisten überhaupt keinen politischen Verstand", beklagt Zenker. Die Berichterstattung über so manchen Fall im Osten findet auch Michaela Glaser vom Deutschen Jugendinstitut "geradezu empörend".

An das Thema, ob der Rechtsextremismus im Fußball vor allem ein Ostproblem sei, wagen sich die Podiumsteilnehmer nur behutsam. Mehrfach muss das Erstligaspiel Aachen gegen Mönchengladbach, bei dem dunkelhäutige Spieler angepöbelt worden waren, als Kronzeuge herhalten, dass es auch im Westen rassistische Rufe aus dem Publikum gebe. Es habe zuletzt auch Probleme in Hannover und in Stuttgart mit rechten Fans gegeben, zählt Zenker auf: "Im Osten ist der rechte Hooliganismus leider eher mit Gewalt gepaart."

"Aktionismus hilft hier jedenfalls nicht weiter", betont Gül Keskinler, die beim DFB als Integrationsbeauftragte ehrenamtlich im Vorstand sitzt. Ein neu geschaffenes Amt ohne Hof und Mittel – "aber ein Zeichen für die gestiegene Sensibilität beim DFB". Viel mehr aber wohl auch nicht: Keskinler redete zwar viel über nötige Vernetzung, Courage, Verhaltensänderung "und den Integrationspreis, den wir gemeinsam mit Daimler-Chrysler ausgeschrieben haben". Als Dembowski jedoch vorschlägt, die Finanzmittel für Fanprojekte gegen rechts aufzustocken, bleibt sie still.

Überhaupt: Über Geld redet man nicht gerne. SPD-Politiker Gerster verbucht es schon als großen Erfolg, dass der Bundestag die Mittel gegen Rechtsextremismus nicht zusammengekürzt hat und wähnt vielmehr die "Millionäre im Fußball in der Pflicht, ihren Beitrag zu leisten". Dembowski befürchtet schon wieder eine Entwicklung, die er schon lange kennt: "Seit Jahren verbringe ich 65 Prozent meiner Arbeit damit, Anträge zu stellen, die anschließend abgelehnt werden. Langsam habe ich keine Lust mehr."

Anti-Rassismus in allen Stadionordnungen bis in die untersten Ligen hinein verankern, Unvereinbarkeitsklauseln zwischen NPD- und Vereinsmitgliedschaft, eine bessere Schulung der Stadionordner – all das schwebt als Vorschlag im Raum. Den Hooliganismus abschaffen, wird man jedoch auch mit all dem nicht – weiß Dembowski als historisch geschulter Mensch.

Er schreibt zurzeit seine Doktorarbeit und ist dabei auf Tacitus gestoßen. Der altrömische Historiker beschreibt an einer Stelle, wie Hunderte Jugendlicher nach einer Veranstaltung auf die Ordnungshüter einstürmen und sich eine Massenprügelei mit ihnen liefern. Worauf der römische Staat anschließend zeitweise sämtliche Sportveranstaltungen verbieten ließ. So weit ist das Leipzig der Gegenwart also nicht vom antiken Rom entfernt.



insgesamt 398 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 11.02.2007
1.
Was würde man mit einem wollwütigen Hund in den Straßen machen? Sorry, bin selbst Ossi, aber wenn diese Typen unbedingt Randale und Gewalt wollen, können sie das gern haben. Und hört mir auf, jetzt mit Sozialromantik und Arbeitslosigkeit zu kommen. Gewalt ist aus gutem Grund dem Staat vorbehalten. Es sei denn, mir möchte jemand erklären, dass diese Schläger eigentlich versuchen GG Art. 20 Satz 4 in Anspruch zu nehmen.
Funmilayo, 11.02.2007
2. ZERO Toleranz.
---Zitat von sysop--- Ostdeutschland erlebt eine neue Form der Gewalt von Fußballfans: Überfallartig stürmten 800 Randalierer nach dem Spiel Leipzig gegen Aue auf die Polizisten vor dem Stadion zu und lieferten sich eine Straßenschlacht. Wie soll die Polizei mit den Krawallmachern umgehen? ---Zitatende--- Internet rechtzeitig durchforsten, Spiele , wo Gefahren bestehen, OHNE PUBLIKUM stattfinden lassen, ENDLICH Erziehungshäuser wieder einführen - für schwer Erziehbare, die wir ganz offensichtlich haben, damit diese nicht im Knast noch den letzten Schliff bekommen. Auf was wird hier noch gewartet ? Auf das "nächste Mal" ?? Die Sicherheit des Landes geht vor. Nun warte ich aber auf die konstruktiven Vorschläge unserer lieben "Gutmenschen".
franxinatra 11.02.2007
3. "Unterschichen"-fußball
Eiegntlich war es doh nicht anders zu erwarten. mit seiner Abschottung der ersen Lga durch das portemonnaie gegen de finanziell schlechter gestellten hat der DFB die Weichen gestellt; so sind die 'großen' Vereine zwar ihre Probleme, nicht aber ihre Verantwortung los, denn wie sich zeigt steigert sich das Frustpotential durch die unbeliebten weil nicht finanzkräftgen -naja, sagen wir: Spielbesucher...
Ripperius, 11.02.2007
4.
---Zitat von sysop--- Ostdeutschland erlebt eine neue Form der Gewalt von Fußballfans: Überfallartig stürmten 800 Randalierer nach dem Spiel Leipzig gegen Aue auf die Polizisten vor dem Stadion zu und lieferten sich eine Straßenschlacht. Wie soll die Polizei mit den Krawallmachern umgehen? ---Zitatende--- Mal ganz ehrlich, kann das Problem irgendwie nicht nachvollziehen. Wenn ich anfange, auf offener Straße einen Polizisten anzugreifen, dann muss ich damit rechnen, dass ich erschossen werde. Da gibt es für mich auch wenig andere Möglichkeiten als Polizist. Oder was ist so falsch an der simplen Lösung: Mob stürmt auf Polizei. Polizei wehrt sich. Mob tot. Beim nächsten Mal überlegt sich Mob vorher ob er es nochmal macht. Natürliche Evolution. Und ich bin sicher kein Freund von Gewalt.
GD3001, 11.02.2007
5. Martwirtschaftlich
Die Clubs sollten endlich für die Polizeieinsätze zur Kasse gebeten werden, dann ist das Problem mit den Spinnern schnell vom Tisch. Übrigens, keine Gnade für Schläger --> Haft mit Arbeitseinsatz in Ketten, die treten doch die Regeln des Zusammenlebens auch mit Füssen, weshalb hier eine derartige Milde vor dem Gesetz besteht ist mir unerklärlich!
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