Fußballtaktik Doppel-Block gegen die Torflut

Werder Bremen kämpft gegen den Absturz ins Mittelmaß, vor der Partie gegen Hertha BSC muss Trainer Schaaf sein System überprüfen. Eine Option: Zwei Mittelfeldspieler vor der Abwehr. Er läge damit im Trend, denn die Doppel-Sechs gilt in der Liga als Taktik der Stunde.

Von Jan Reschke


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Sechser in der Bundesliga: Defensiv stabil, offensiv agil
Trainer Thomas Schaaf scheint verzweifelt. Verzweifelt ob der Niederlagenserie seiner Bremer Mannschaft. Verzweifelt ob der zahlreichen Gegentreffer - sieben allein in den letzten beiden Partien. Er muss etwas ändern vor dem Spiel gegen Hertha BSC Berlin (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Doch viele personelle Alternativen hat er nicht. Es sei denn, er verändert sein Spielsystem.

Weg von der Raute (siehe Kasten links), dem Werder-Heiligtum, das seit Jahren die Bremer Spielordnung prägt und so etwas wie ein Markenzeichen der Mannschaft geworden ist. Hin zu zwei zentralen Mittelfeldakteuren vor der Abwehr, um das Spiel zu stabilisieren. Im Training ließ er das System schon mal üben, Peter Niemeyer könnte nun den Platz an der Seite von Torsten Frings einnehmen.

Eine Abkehr von der bewährten Taktik gab es in Bremen bereits zu Beginn der Saison, da ließ Schaaf Tim Borowski neben Frings zentral vor der Abwehr spielen. Ab Spieltag vier vertraute Schaaf jedoch wieder der bewährten Raute, Gegner damals - Hertha BSC.

"Ich erhoffe mir durch eine Doppel-Sechs deutlich mehr Stabilität"

Andere Vereine haben diese Umstellung bereits erfolgreich vollzogen. Nürnbergs Trainer Dieter Hecking etwa hatte bei seinem Dienstantritt eine neue taktische Ausrichtung seiner Mannschaft verkündet: "Ich erhoffe mir durch eine Doppel-Sechs deutlich mehr Stabilität." Mehr Stabilität wollte auch Hannovers Coach Mirko Slomka im Spiel gegen Nürnberg in sein Team bringen und stellte ebenfalls zwei defensive Mittelfeldspieler auf. Am Ende unterlag Hannover 1:3. Stabil war also nur Nürnberg.

Die Mannschaften folgen einem Trend, der sich seit einigen Jahren in der Bundesliga abzeichnet: Immer mehr Clubs setzen auf zwei zentrale, defensive Mittelfeldspieler vor der Abwehr, im Fußballsprech auch "Doppel-Sechs" genannt.

Das zeigt auch die Statistik: Am 20. Spieltag liefen von 18 Mannschaften zwölf mit zwei Sechsern auf. In der vergangenen Saison waren es zum gleichen Zeitpunkt neun Mannschaften. Und in der Saison 2006/2007 setzten nur sechs Mannschaften auf dieses System, 2003/2004 war es lediglich ein Team, nämlich der BVB. Zwar spielten damals neun weitere Mannschaften mit zwei defensiven Mittelfeldspielern vor der Abwehr, doch die orientierten sich meist zwischen Außenbahn und Zentrale.

Von den fünf besten Mannschaften spielen vier mit zwei Sechsern

Waren es vor einigen Jahren noch vornehmlich Mannschaften aus unteren Tabellenregionen, die auf diese Art versuchten, die Gegentorflut einzudämmen - und sich den Ruf erarbeiteten, Fußballverhinderer zu sein - so sind es heute vor allem die Spitzenteams, die auf die Doppel-Sechs bauen. Von den aktuell fünf besten Mannschaften der Bundesliga spielten am 20. Spieltag vier mit zwei Sechsern vor der Abwehr, nur Schalke wählte eine andere Ausrichtung. Dort spielte Joel Matip auf der Sechs, flankiert von Christoph Moritz und Ivan Rakitic, die etwas offensiver ausgerichtet waren.

Den Trainern geht es nicht mehr nur darum, dem Gegner durch eine dicht besetzte Mitte das Durchkommen zu erschweren. Vielmehr sind Sechser heute die zentralen Figuren beim Aufbau des Angriffs. Sie sind das Bindeglied zwischen Defensive und Offensive, in dieser Funktion meist erste Anspielstation nach einem Ballgewinn und anschließend Initiator der Angriffsspielzüge ihrer Mannschaft.

Der Prototyp eines Sechsers in diesem Sinne ist Hamburgs David Jarolim. Zwar spielt er selten auffällig, geizt mit Toren und auch direkte Vorlagen gelingen ihm eher selten. Doch sobald der HSV in Ballbesitz gelangt, ist er der zentrale Anspielpartner, er verlagert das Spiel in die gegnerische Hälfte und setzt mit klugen Pässen seine Mitspieler ein. Dabei vereint er genau jene Eigenschaften, die ein moderner defensiver Mittelfeldspieler haben muss. Er ist lauf- und zweikampfstark, passsicher, kann schnell umschalten und ist zudem ballgewandt.

Der Gegner wechselt auf die Flanke

Durch die defensive Grundausrichtung mit zwei Mittelfeldspielern vor der Abwehr wird vor allem die Mitte der Defensive gestärkt. Für die offensiven Mittelfeldspieler des Gegners wird es schwieriger, einen Ball direkt an die Stürmer zu bringen. Zudem gibt es kaum Räume für Einzelaktionen über die Mitte. Als Konsequenz laufen die Angriffe meist über die Korridore an den Außenbahnen - in Reinkultur zu sehen am Beginn der Saison bei Bayern München, die sich den Ball in langen Passstafetten regelmäßig von der einen Außenbahn zur anderen zuspielten, wenn sie gegen eine Doppel-Sechs-Ausrichtung spielen mussten.

Um dieses System erfolgversprechend zu spielen, braucht es daher nicht nur die entsprechenden Defensivkräfte im Mittelfeld. Man benötigt auch starke Außenverteidiger, die den dort entstehenden Druck abfangen können, kopfballstarke Innenverteidiger können dann etwaige Flanken im Strafraum abräumen.

Im Optimalfall ergänzen sich vor der Abwehr außerdem ein defensiv und ein offensiv orientierter Mittelfeldspieler, so wie dies derzeit bei den Bayern der Fall ist. Dort bilden Mark van Bommel und Bastian Schweinsteiger die Zentrale. Wenn die Bayern in Ballbesitz kommen, orientiert sich Schweinsteiger nach vorne, van Bommel kümmert sich um seine Absicherung.

Das funktioniert dort so gut, dass Schweinsteiger nach der Verletzung des Leverkuseners Simon Rolfes auch in der Nationalmannschaft auf dieser Position spielen könnte, sollte sich Bundestrainer Joachim Löw für diese Taktik entscheiden. Das hatte Löw zuletzt in der WM-Qualifikation gegen Russland und bei der Europameisterschaft 2008 ab dem Viertelfinale getan.

Ein Universalheilmittel ist auch die Doppel-Sechs nicht

Dabei ist die deutsche Nationalmannschaft international gesehen mit zwei Sechsern allein auf weiter Flur. Bei der EM 2008 waren von den acht Viertelfinalisten Deutschland und die Niederlande die einzigen Mannschaften, die in dieser Konstellation spielten, im Halbfinale war dann nur noch Deutschland übrig.

Dass Aufstellungen mit zwei statt einem defensiven Mittelfeldspieler nicht zwingend mit weniger Toren einhergehen, belegt die Anzahl der Treffer in dieser Saison. Im Schnitt wurden in den vergangenen sechs Spielzeiten und in dieser Saison jeweils bis zum 20. Spieltag etwa 514 Treffer erzielt. In der aktuellen Saison waren es 498 Treffer - nur geringfügig weniger.

In Nürnberg jedenfalls hat sich die Umstellung gelohnt, drei Gegentore kassierte die Mannschaft in drei Spielen der Rückrunde, in 17 Partien der Hinrunde waren es noch 32 gewesen. Doch ein Universalheilmittel ist auch die Doppel-Sechs nicht. Für Bremen ist eine Umstellung auf zwei Sechser keine Option - die Außenverteidiger Clemens Fritz, Sebastian Boenisch, Aymen Abdennour und Petri Pasanen sind einfach zu schwach.

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Seite 1
klumpenhund 14.01.2010
1.
Glaskugel raus und los: (Die Zahl in Klammern war mein Tipp zu Saisonbeginn) 1.(1.)Bayern 2.(4.)Schalke 3.(2.)Hamburg 4.(8.)Bremen 5.(6.)Dortmund --------------- 6.(7.)Pillen 7.(10.)Hopp 8.(3.)VW 9.(18.)Mainz 10.(5.)Stuttgart 11.(13.)Gladbach 12.(12.)Freiburg 13.(14.)Köln 14.(16.)Frankfurt 15.(15.)Hannover --------------- 16.(9.)Nürnberg 17.(17.)Bochum 18.(11.)Hertha
krafts 14.01.2010
2. Aus dem anderen Thread
Zitat von tylerdurdenvolland: Breno als Verstärkung zu bezeichnen ist ja nun doch schon sehr optimistisch. Kann natürlich sein, dass die Club Abwehr so miserabel ist, dass sogar der eine Verstärkung wird... Antwort: Wenn du meinen Beitrag richtig liest, habe ich von Skepsis und Hoffnung geschrieben. Optmismus hört sich anders an. Zitat von tylerdurdenvolland: Was auch immer das für einen Verstärkung bedeutet könnte, mit dem Einkauf eines hecking hat man sich wohl die Chancen auf den Klassenerhalt endgültig versaut... Antwort: Worauf du diese Theorie gründest, ist mir ein Rätsel. Was soll an Hecking so negativ sein? Und welche Trainer standen sonst zur Verfügung? Zitat von tylerdurdenvolland: Ausserdem braucht Nürnberg in erster Linie eines: einen Stürmer, was der Eigler versiebt, da war ja sogar Toni im letzten Jahr noch besser. Antwort: Das ist richtig, aber ein Toni war wohl nicht finanzierbar.
krafts 14.01.2010
3.
Zitat von klumpenhundGlaskugel raus und los: (Die Zahl in Klammern war mein Tipp zu Saisonbeginn) 1.(1.)Bayern 2.(4.)Schalke 3.(2.)Hamburg 4.(8.)Bremen 5.(6.)Dortmund --------------- 6.(7.)Pillen 7.(10.)Hopp 8.(3.)VW 9.(18.)Mainz 10.(5.)Stuttgart 11.(13.)Gladbach 12.(12.)Freiburg 13.(14.)Köln 14.(16.)Frankfurt 15.(15.)Hannover --------------- 16.(9.)Nürnberg 17.(17.)Bochum 18.(11.)Hertha
Hab auch meine Glaskugel geholt(auch bei mir Saisonbeginntip in Klammern): 1.(1.)Bayern 2.(2.)Hamburg 3.(4.)Schalke 4.(6.)Leverkusen 5.(7.)Werder --------------- 6.(5.)BVB 7.(9.)Hoppenheim 8.(3.)Wolfsburg 9.(8.)Stuttgart 10.(13.)Gladbach 11.(11.)Köln 12.(14.)Frankfurt 13.(15.)Freiburg 14.(18.)Mainz 15.(10.)Hertha --------------- 16.(12.)Nürnberg 17.(17.)Hannover 18.(16.)Bochum
Dylan1941, 14.01.2010
4.
Vagner wird netzen ,deshalb sehe ich den HSV auf Platz 1 dahinter Felix und die Pillen. Bayern wird weiterhin Probs mit Robbery haben und hat im Winter nicht ausgeglichen. deshalb sehe ich die auf Platz 4
Tail on the Donkey 14.01.2010
5.
Was hat der alte Fred denn Böses getan? Inzwischen war er doch so schön "eingeschrieben"... Naja, whatever. Da Glaskugeln angesagt ist, mach ich da natürlich mit. :-) 1. (1) München (da bleib ich dabei) 2. (2) Hamburg (s.o.) 3. (8) Leverkusen (vor Saisonbeginn ne "Wundertüte", wird stabil bleiben) 4. (4) Bremen (müsste machbar sein) 5. (5) Dortmund (keine Mehrfachbelastung, daher bis zum Ende dabei) 6. (7) Schalke (die Hinrunde ist m.E. nicht wiederholbar) 7. (6) Wolfsburg (wird sich weiter schwer tun) 8. (9) Hoffenheim (immer noch uneinschätzbar, kann auch besser enden) 9. (13) Frankfurt (hatte ich anfangs schwächer eingeschätzt) 10. (3) Stuttgart (was soll ich sagen... die Rückrunde wird okay) 11. (12) Gladbach (ja, da so in etwa...) 12. (16) Mainz (wird etwas Federn lassen in der Rückrunde) 13. (13) Freiburg (da stehn sie momentan übrigens auch... ;-) ) 14. (17) Hannover (wird die Klasse doch halten können) 15. (15) Köln (dito) 16. (10) Nürnberg (bisher Enttäuschung, enger Kampf um P15) 17. (11) Berlin (bessere RR, aber der Abstand war zu groß) 18. (18) Bochum (Von Anfang an mein Abstiegsfavorit)
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