Kolumbien 1986 Die WM, die nicht stattfand

Fifa-Interimschef Scala hält eine Neuvergabe der WM-Turniere in Russland und Katar für möglich. Ein beispielloser Akt? Nein. Kolumbien verlor 1986 das Turnier. Auch damals spielte der Verband eine unrühmliche Rolle.
Szene aus Kolumbien-Länderspiel (1990): "Wir erwarten Sie bei der WM"

Szene aus Kolumbien-Länderspiel (1990): "Wir erwarten Sie bei der WM"

Foto: imago

Domenico Scala, Interimschef der Fifa, wollte es nicht konkretisieren, aber schon seine Andeutungen kamen einem Tabubruch gleich. In einem Interview mit der Schweizer "Sonntagszeitung" zog Scala jüngst erstmals öffentlich die Möglichkeit in Erwägung, Russland und Katar die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 zu entziehen, "sollten Beweise dafür vorliegen, dass die Vergabe […] nur aufgrund gekaufter Stimmen zustande kam". Das sei aber derzeit nicht der Fall.

Käme es wirklich dazu, würde das viele Fragen aufwerfen. Müssten Entschädigungen gezahlt werden? Wie hoch würden diese sein? Die Folgen wären finanziell und politisch wohl immens. Aber man weiß es nicht genau. Es gibt ja keine Referenz in der Vergangenheit. Noch nie wurde einem Land die Ausrichterrolle entzogen.

Zumindest nicht aktiv.

Fans mit Kolumbien-Fahnen (1982): Werbung für 1986

Fans mit Kolumbien-Fahnen (1982): Werbung für 1986

Foto: imago/ WEREK

Denn es gibt einen Fall, bei dem die WM am Ende nicht in dem Land stattfand, das das Turnier ursprünglich zugesprochen bekommen hatte. Es geht um Kolumbien, das das Weltturnier 1986 ausrichten sollte, dann aber freiwillig zurücktrat. Es war viel eigenes Unvermögen dabei, aber in Teilen taugt die Geschichte dieser WM, die schließlich in Mexiko stattfand, als Blaupause für den aktuellen Fall. Denn auch damals spielte die Fifa eine eher unrühmliche Rolle, und auch damals fühlte man sich mit dem Veranstalter unwohl.

"Keiner will dahin, aber wir müssen"

In Kolumbien schwanken die Fußballanhänger und Teile der Gesellschaft noch heute zwischen Scham über die eigene Unfähigkeit und Kritik an der Fifa. 1974 hatte das Land den Zuschlag für die WM zwölf Jahre später erhalten. Die Freude darüber war so groß wie die Herausforderungen. Denn es fehlte an tauglichen Stadien und Infrastruktur. Und bis zur WM 1982 in Spanien konnte das Organisationskomitee gerade mal Logos präsentieren. Sehr zum Unmut der Fifa-Oberen war ansonsten nicht viel passiert. Dabei waren die Anforderungen besonders groß, denn erst zum zweiten Mal waren 24 statt der bisherigen 16 Teilnehmerländer bei einer Weltmeisterschaft vertreten.

Einzig die kolumbianische Werbeindustrie erledigte ihre Aufgabe damals pünktlich. Zur WM 1982 schaffte das Organisationskomitee Unmengen an Marketingartikeln nach Spanien, mit denen das Turnier vier Jahre später in Südamerika beworben wurde: An den Stadien wurden kolumbianische Fähnchen verteilt, Landkarten und Schallplatten mit landestypischer Musik waren im Umlauf. Die Journalisten schrieben mit Stiften auf Blöcken, die für das nächste Ausrichterland warben. Bei der Schlusszeremonie hieß es: "Los esperamos en el Mundial Colombia 86." "Wir erwarten Sie bei der WM 1986 in Kolumbien." Es war das letzte Lebenszeichen eines Turniers, das nie stattfand.

Nationalspieler Willlington Ortiz: Für 1986 nicht qualifiziert

Nationalspieler Willlington Ortiz: Für 1986 nicht qualifiziert

Foto: HO/ AFP

Zu Beginn der Achtzigerjahre stieg die sinistre Figur Pablo Escobar allmählich zum weltweit führenden Drogenboss auf. Das wurde zwar nie offen als Hinderungsgrund genannt, spielte aber in den Köpfen der Fifa-Oberen sicher eine Rolle. Ebenso der interne Konflikt zwischen den Linksrebellen der Farc und der Regierung, der an Schärfe zunahm. Autobomben oder entführte Fußballfans während der WM waren ein Horrorszenario, das niemand wollte. Uefa-Chef Artemio Franchi sprach als Einziger klar aus, was viele dachten: "Keiner will da hin, aber wir müssen. Niemand kann Kolumbien die WM wegnehmen. Die einzige Lösung ist die Rückgabe des Austragungsrechts."

Fifa bleibt unnachgiebig: Keine "Lex Colombia"

Der damalige DFB-Präsident, Fifa-Vize und WM-Organisationschef Hermann Neuberger überstellte dem kolumbianischen Fußballverband FCF in der Folge einen Forderungskatalog und versah diesen mit einem Ultimatum bis November 1982. Darin wurden Voraussetzungen wie der Bau von zwölf Stadien festgeschrieben, von denen zwei die Kapazität von 80.000 Zuschauern haben mussten. Zudem sollten alle Spielstätten mit Zuglinien verbunden und alle Flughäfen für Düsenjets ausgebaut werden. Der Katalog war umfangreich. Und unerfüllbar. Wollte Neuberger die Aufgabe Kolumbiens erzwingen?

Kolumbiens Verbandspräsident Alfonso Senior Quevedo jedenfalls zürnte und vermutete genau das: Man habe die Forderungen bewusst so hoch geschraubt, um seinem Land die Ausrichtung unmöglich zu machen: "Wie sollen wir alle WM-Städte mit einem Eisenbahnnetz verbinden, wo unser Land von der Andenkette durchquert wird?" Aber Neuberger blieb hart: "Es gibt keine Lex Colombia. Die von der Fifa gestellten Forderungen zur Ausrichtung der Fußball-WM müssen eingehalten werden", beschied er im Oktober 1982.

Im November dann gab Staatspräsident Belisario Betancur die Austragungsrechte zerknirscht zurück. Und Mexiko setzte sich anschließend gegen die USA als Austragungsort durch, auch weil der damalige mexikanische Fifa-Funktionär Guillermo Cañedo beste Beziehungen zu Weltverbandspräsident João Havelange hatte.

Am Ende übrigens nahm nicht einmal die kolumbianische Nationalmannschaft an dem Turnier in Mexiko teil. In den Playoff-Begegnungen der Südamerikaqualifikation Conmebol scheiterte sie an Paraguay. Als Ausrichter wäre sie automatisch qualifiziert gewesen.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass erst zur WM 1986 die Anzahl der Teilnehmerländer von 16 auf 24 aufgestockt worden war. Tatsächlich nahmen bereits an der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien 24 Nationalteams teil.