Fußballzauber Auch Ferguson verzweifelt am Barça-Code

Aus London berichtet Cordt Schnibben

2. Teil: Der Versuch, das Spiel zu perfektionieren


Von José Mourinho wollte sich Ferguson Rat holen, der war, das muss man sagen, in dieser Saison der Trainer, der am nächsten dran war, den Barça-Code zu knacken, wenn auch mit hässlichen Mitteln. Seit Menschen Fußball schauen, lieben sie das Unberechenbare des Spiels, die Überraschung eines Flankenlaufs, eines Weitschusses, eines Spielzugs. Seit Menschen Fußball spielen, wollen sie das Spiel berechenbar machen, trainieren sie den perfekten Flankenlauf, den perfekten Weitschuss, die perfekte Ballstafette. Seit Pep Guardiola Trainer beim FC Barcelona ist und José Mourinho bei Real Madrid, erleben die Menschen, die gern Fußball schauen, wie zwei Mannschaften auf gegensätzliche Weise versuchen, das Spiel zu perfektionieren.

Beide Mannschaften erzielen gleich viele Tore, im Schnitt 2,4 pro Spiel; beide spielen offensiv, schön und kunstvoll; beide dominierten die spanische Meisterschaft und stürmten durch die Spielrunden der Champions League.

Und so war es ein historisches Geschenk für alle Menschen, die gern Fußball schauen, dass sie innerhalb von drei Wochen vier Spiele dieser bis dahin wohl besten Mannschaften der Welt erleben konnten. Ein Ligaspiel, ein Pokalendspiel und zwei Spiele im Halbfinale der Champions League. Es wurde kein rauschendes Fest, es entwickelte sich eine Schlacht über 390 Minuten, die alles erzählt, was über modernen Fußball zu sagen ist, und warum Manchester United so hilflos wirkte im Finale.

Man könnte schwärmen von Messis Slalomlauf vor dem 2:0 in Madrid, von dem Spielzug, der über Reals Spieler Di María zum Kopfballtor von Cristiano Ronaldo führte, vom Kombinationszauber Barcelonas zwischen der 30. und 40. Minute im Halbfinalrückspiel. Könnte man.

Die wahre Geschichte dieser Spiele erzählen jedoch Zahlen. Wer begreifen will, warum Barcelona ins Finale der Champions League einzog, Manchester United zerlegte und spanischer Meister wurde, und warum Real Madrid nur der Pokalsieg blieb, der muss sich mit Mathematik und Geometrie beschäftigen, mit Winkeln und Diagonalen, der muss das tun, was viele Fußballtrainer inzwischen vor dem Spiel und nach dem Spiel machen, manche auch in der Halbzeit.

José Mourinho ist besessen von der modernen Spielanalyse wie viele Trainer in Spanien und England. Seit er bei Chelsea war, vertraut er der Firma Amisco, auch danach bei Inter Mailand und nun bei Real Madrid lässt er sich von dem Unternehmen mit Daten beliefern, das in 60 Stadien Europas über Sensoren jede Zuckung jedes Spielers auf dem Spielfeld registriert und auswertet.

Bis zu 3000 Ereignisse hält das Tracking-System fest, das seinen Ursprung in militärischer Forschung hat und aus jedem Spiel 4,5 Millionen Daten saugt. In der Vorbereitung auf die vier Duelle gegen Barcelona kannte Mourinho deshalb das übliche Bewegungsprofil jedes Spielers des Gegners, ihre Sprintdaten, ihre Ausdauerwerte, ihre Verletzungswahrscheinlichkeit; er hatte Tausende Daten über die Ballstafetten, mit denen Barcelona spielstarke Mannschaften in Trance versetzt; er konnte seinen Spielern die Laufwege von Xavi, Messi und Co. mit 2-D-Animationen vorführen.

Und er hatte natürlich all das Wissen aus der fürchterlichen 0:5-Niederlage im Hinrundenspiel der Primera División, im November vergangenen Jahres in Barcelona. Er entwickelte daraus eine Matchstrategie, die für ihn typisch ist, für den stolzesten Verein auf dem Planeten allerdings dem spielerischen Ruin gleichkommt. Mourinho ordnete an, den Rasen des Bernabéu-Stadions weder zu mähen noch zu wässern, um das Spielfeld stumpf und die Kombinationen langsam zu machen, er überließ Barcelona den Ball - Madrid hatte in der ersten Halbzeit nur 23 Prozent Ballbesitz - und errichtete vor dem eigenen Strafraum eine doppelte Viererkette. So spielen normalerweise Absteiger.

Erst als Barcelona nach überlegenem Spiel seltsamerweise nur 1:0 führte und die Madrider einen Spieler durch Platzverweis verloren, wechselte Mourinho Spielmacher Mesut Özil ein, ließ offensiver spielen und kam noch zum 1:1-Ausgleich. Was die Madrider Spielerlegende Alfredo di Stéfano nicht davon abhielt, nach dem Spiel seine Mannschaft als "Maus" zu bezeichnen, die gegen einen "Löwen" gespielt habe.

Nach Auswertung der Daten aus diesem Defensivdrama lässt Mourinho seine Mannschaft vier Tage später im Pokalfinale in Valencia noch weiter vorn verteidigen. Wann immer das Spielmacher-Trio Xavi, Iniesta, Messi sein Passspiel aufziehen will, erstickt das Madrider Defensivtrio Pepe, Xabi Alonso, Khedira den Ballfluss bereits in der Hälfte Barcelonas.

Eine Halbzeit lang geht diese Strategie auf, Barcelona schafft es nicht, das Karussell der Kurzpässe, für das die Mannschaft berühmt ist, in Schwung zu bringen. Xavi, 1,70 Meter groß, schmächtig, ist der Mittelpunkt dieses Karussells; Iniesta, 1,70 Meter groß, noch schmächtiger, blass, spielt links versetzt etwas vor ihm; Messi, mit Wachstumshormon auf 1,69 Meter gebracht, spielt etwas rechts versetzt vor ihm. Xavi passt in jenem Spiel weit über hundertmal, jeweils ein Viertel davon zu einem der beiden. Dieses Dreieck spielt sich vom Mittelkreis aus bis an den Strafraum, nach hinten abgesichert vom defensiven Mittelfeldmann Busquets, rechts auf der Außenbahn unterstützt vom sehr offensiven Außenverteidiger Dani Alves.

insgesamt 136 Beiträge
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rondon 29.05.2011
1. demos
im zuge des finales sind ja auch die proteste wieder ganz schön angestiegen. http://le-bohemien.net/2011/05/18/spaniens-jugend-auf-der-strasse bietet übrigens eine gute zusammenfassung.
Andree Barthel 29.05.2011
2. *
Vermutlich wird die Natur den Barca Code knacken – Xavi, der, so der Autor, einen Kilometer mehr als seine Mitspieler laufen soll, ist bereits 31 – kaum anzunehmen, dass er noch länger als zwei Jahre in der Lage sein wird, auf dem außergewöhnlichen Niveau, das er zur Zeit hat, weiterzuspielen. Und Barca muss erst einmal jemanden finden, der ihn ersetzen kann. Es wäre aber jammerschade, wenn deren Spielweise verschwinden würde. Ich glaube, erst der Weggang einer der Stars wird zeigen, ob bei Barca die Fußballkultur, wie sie jetzt praktiziert wird, wirklich fest verankert ist.
Andreas Rolfes 29.05.2011
3. Fast wie Barca
Schöne und sehr ausführliche Analyse. Kompliment
WhereIsMyMoney 29.05.2011
4. ...
Zitat von sysopDas Champions-League-Finale war mehr als der Sieg einer Mannschaft und die Niederlage der anderen. Es war der Triumph eines Spielsystems, das der FC Barcelona kreiert und perfektioniert hat. Geometrische Methoden der Spielanalyse zeigen das Geheimnis dieses perfekten Fußballs. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,765568,00.html
3.Teil:"....und foulen nicht - wie sonst gegen Barcelona - so wild, dass einer von ihnen in die Kabine muss." (zum Pokal-Endspiel) Real hat schon gefoult, der Schiri war nur zu blind um es zu sehen. Im Übrigen ist die Aussage, dass Mourinho dem Barca-Code am nächsten kam, falsch. Mit den Spielern die Real hat, hätte eine offensivere Spielweise mehr Erfolg gebracht. Auch dann hätten sie vermutlich die Spiele verloren, doch sie hätten viel Anerkennung bekommen und wir hätten tolle Fussballspiele gesehen. Aber Mourinho hatte es geschafft, dass ich nach dem vierten Spiel nur noch froh war, dass diese Mannschaften nicht wieder gegeneinander spielen mussten.
kokomo 29.05.2011
5. ...
Wow, super Read! Wahrscheinlich der beste Artikel, den es je im Zuge einer Spielnachbereitung zu lesen gab.
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