Fußballzauber Auch Ferguson verzweifelt am Barça-Code

Aus London berichtet Cordt Schnibben

3. Teil: Der Ball wandert oft über 30 Stationen


Xavi ist es, der von den anderen vier immer wieder gesucht wird, ein Drittel ihrer Pässe enden bei ihm. Xavi läuft viel, meist einen Kilometer mehr als seine Mitspieler, aber er bewegt sich fast nur im Mittelkreis und um ihn herum, hin und wieder verschiebt er sich Richtung Strafraum.

Um das intensive Passspiel, mit nur wenigen Fehlpässen, beneiden viele Mannschaften und viele Trainer den FC Barcelona. In seiner Präzision, in seiner Leichtigkeit, in seiner Schönheit zelebriert die Elf Fußball wie wenige Mannschaften vor ihr. Arsène Wenger, Trainer des FC Arsenal, hat dies zu der Aussage getrieben, der FC Barcelona sei "die beste Mannschaft der Welt". Wie meint Wenger das? Jede Mannschaft, die den Ball schnell und über viele Spieler laufen lässt, bis sie zum Torschuss kommt, bietet den Zuschauern eine Choreografie zwischen Mensch und Ball, man kann mit jedem Pass, mit jeder Ballstafette bewundern, wie Mensch und Ball zueinanderfinden, ohne dass der Gegner die Chance hat, an den Ball zu kommen. Experten erkennen diese Qualität, aber gerade auch Laien genießen diese artistische Kreativität. Bei Barcelona kommt es vor, dass der Ball zwischen den Spielern 20-, manchmal 30-mal hin- und herläuft, bevor der Gegner oder ein Torschuss dem Schauspiel ein Ende macht. Das meint Wenger. In einem gewöhnlichen Bundesliga-Spiel ist meist nach dem fünften oder sechsten Pass Schluss.

Spätestens von der 60. Minute des Pokalfinales an steht Real Madrid wie eine Handballmannschaft um den eigenen Strafraum, der Ballzirkulation Barcelonas ausgeliefert. Kurze Bewegungen reichen den Spielern, um auf einem 38 Meter tiefen und 70 Meter breiten Streifen zwischen Mittellinie und gegnerischem Strafraum immer neue Winkel zu schaffen, in denen der Ball sie erreichen kann, in Dreiecken, Vierecken, Fünfecken verschaffen sie sich fließend immer wieder Überzahlkonstellationen.

Dieses wie automatisiert wirkende Passspiel basiert auf einer in Tausenden Trainingsstunden eingeübten Ordnung; egal ob Barcelona gegen Real Madrid, den FC Kopenhagen oder Arsenal spielt, die Summe aller in 90 Minuten gespielten Pässe - vom Tracking-System zu Papier gebracht - ergibt immer das gleiche Bild, dicht wie ein Ölgemälde, identisch wie ein Fingerabdruck. Der Mittelkreis immer als vernetztes Zentrum der Pässe, nach vorn das Bild einer Zange, die den Gegner verschlingt. Andere Mannschaften hinterlassen nach 90 Minuten immer wieder andere Spuren, ihr Passspiel ist zufälliger. Real Madrid malt mal ein Passgeflecht, das links dichter als rechts ist, mal umgekehrt, mal besonders dicht vorm Strafraum, je nach Gegner und Taktik.

Die geometrische Grundordnung ist die eine Konstante im Spiel von Barcelona, die Unordnung des Straßenfußballs die andere. Nach minutenlangem routiniertem Passspiel kann die Mannschaft urplötzlich Spielzüge kreieren, die unberechenbar sind wie das Spiel von Kindern. Fußballer, die gegen Barcelona auf dem Platz standen, berichten davon, wie wenig greifbar ihre Gegenspieler waren, wie ansatzlos ihr Abspiel ist und wie still sie sind.

Sie kommunizieren über ihre Pässe, jeder Pass spricht zu den Mitspielern. "Unsere Ordnung stimmt nicht", sagt ein Ball, den ein angespielter Xavi sofort wieder zum Passgeber abprallen lässt. "Abwarten", "Jetzt stehen wir richtig", "Lauf in dieses Quadrat", "Achtung, gleich stürmen wir los", "Attacke!" - so reden sie miteinander, wenn sie Querpässe spielen, Rückpässe, scharfe Pässe, diagonale Pässe, vertikale Pässe.

Im Wechsel zwischen Geometrie und Anarchie liegt der Reiz ihres Stils, und da die Mannschaft ihn spielerisch austobt, wirkt auch die Wiederholung der immer gleichen Passfolgen unterhaltsam. Die Gefahr allerdings lauert genau in diesen locker-leicht abgespulten Ballstafetten. Eigentlich sollen sie den Gegner mürbe achen, ihn zum Hinterherlaufen zwingen, ihn durch "negatives Laufen", wie Trainer es nennen, demotivieren. Wenn Barcelona allerdings auf eine Mannschaft trifft, die diesen Psychoterror aushält, weil deren Trainer der bessere Psychoterrorist ist, dann kann die Absicht, den Gegner in eine Art Trance zu spielen, die ihn wehrlos macht gegen den überfallartigen Ausbruch aus der Passroutine, dann kann diese Absicht umschlagen in Selbsthypnose.

Genau das passiert im Pokalendspiel in der zweiten Halbzeit. Barcelona passt und passt, baut Winkel um Winkel, lässt den Ball laufen, kreiert Torchancen, schießt auch ein Abseitstor, aber je länger das Spiel dauert, desto mehr wirkt das wunderschöne Passspiel wie ein zielloses Beschäftigungsprogramm.

Die Spieler von Madrid scheinen diesmal immun gegen die Verhöhnung durch die langen Ballstafetten, gegen den Chor der Barcelona-Fans, die jeden Pass bejubeln, als wäre Barcelona der elegante Torero und Madrid der blöde Stier. Mourinhos Spieler stehen eng beieinander, verschieben sich gemeinsam, als wären Seile zwischen sie gespannt, und foulen nicht - wie sonst gegen Barcelona - so wild, dass einer von ihnen in die Kabine muss.

insgesamt 136 Beiträge
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Seite 1
rondon 29.05.2011
1. demos
im zuge des finales sind ja auch die proteste wieder ganz schön angestiegen. http://le-bohemien.net/2011/05/18/spaniens-jugend-auf-der-strasse bietet übrigens eine gute zusammenfassung.
Andree Barthel 29.05.2011
2. *
Vermutlich wird die Natur den Barca Code knacken – Xavi, der, so der Autor, einen Kilometer mehr als seine Mitspieler laufen soll, ist bereits 31 – kaum anzunehmen, dass er noch länger als zwei Jahre in der Lage sein wird, auf dem außergewöhnlichen Niveau, das er zur Zeit hat, weiterzuspielen. Und Barca muss erst einmal jemanden finden, der ihn ersetzen kann. Es wäre aber jammerschade, wenn deren Spielweise verschwinden würde. Ich glaube, erst der Weggang einer der Stars wird zeigen, ob bei Barca die Fußballkultur, wie sie jetzt praktiziert wird, wirklich fest verankert ist.
Andreas Rolfes 29.05.2011
3. Fast wie Barca
Schöne und sehr ausführliche Analyse. Kompliment
WhereIsMyMoney 29.05.2011
4. ...
Zitat von sysopDas Champions-League-Finale war mehr als der Sieg einer Mannschaft und die Niederlage der anderen. Es war der Triumph eines Spielsystems, das der FC Barcelona kreiert und perfektioniert hat. Geometrische Methoden der Spielanalyse zeigen das Geheimnis dieses perfekten Fußballs. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,765568,00.html
3.Teil:"....und foulen nicht - wie sonst gegen Barcelona - so wild, dass einer von ihnen in die Kabine muss." (zum Pokal-Endspiel) Real hat schon gefoult, der Schiri war nur zu blind um es zu sehen. Im Übrigen ist die Aussage, dass Mourinho dem Barca-Code am nächsten kam, falsch. Mit den Spielern die Real hat, hätte eine offensivere Spielweise mehr Erfolg gebracht. Auch dann hätten sie vermutlich die Spiele verloren, doch sie hätten viel Anerkennung bekommen und wir hätten tolle Fussballspiele gesehen. Aber Mourinho hatte es geschafft, dass ich nach dem vierten Spiel nur noch froh war, dass diese Mannschaften nicht wieder gegeneinander spielen mussten.
kokomo 29.05.2011
5. ...
Wow, super Read! Wahrscheinlich der beste Artikel, den es je im Zuge einer Spielnachbereitung zu lesen gab.
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