Fußballzauber Auch Ferguson verzweifelt am Barça-Code

Aus London berichtet Cordt Schnibben

4. Teil: Mourinho verachtet das endlose Pass-Spiel


Mourinho hat ihnen Verachtung gegenüber diesem endlosen Passspiel eingebläut. Ballbesitz zählt für ihn gegen Barcelona nicht, als Trainer von Inter Mailand hat er im letztjährigen Halbfinale der Champions League vorgemacht, wie man das Passkarussell ins Leere laufen lässt. Lasst sie spielen, bis ihre Ballstafetten sie schwindlig machen, dann macht die Tore.

Wenn man Mourinho fragt, was seine Idee vom schönen Fußball ist, dann nimmt er einen Zettel und malt vier dicke Striche von Grundlinie zu Grundlinie. Vertikal, horizontal, vertikal, horizontal. Tor. So haben der FC Porto,Chelsea und Inter Mailand gespielt, so ist er als Trainer sechsmal Landesmeister geworden und zweimal Champions-League-Sieger, und so fällt in der Verlängerung des Pokalspiels das 1:0 für Real Madrid. Vertikal, horizontal, vertikal, horizontal. Und dann Ronaldo mit dem Kopf.

Konterfußball und Dominanzfußball, das sind die beiden großen Systeme im Weltfußball, spielerisch starke Mannschaften wollen über Ballbesitz und Passfolgen den Gegner besiegen, die anderen lassen spielen, lauern auf den Fehler und den schnellen Vorstoß.

Real Madrid, wenn nicht Barcelona der Gegner ist, hat in Ligaspielen und in der Champions League rund 60 Prozent Ballbesitz. Gegen Barcelona lässt Mourinho seine Mannschaft auf Konter spielen, akzeptiert die spielerische Unterlegenheit, entfacht aber vor und nach den Spielen in den Medien eine Debatte darüber, dass Barcelona zu Siegen gegen Madrid und andere Top-Mannschaften nur kommt, weil die Schiedsrichter, die Uefa und auch der Werbepartner Unicef dafür sorgen.

Mourinho schürt den Hass - so muss man es nennen - zwischen den Vereinen vor dem Champions-League-Halbfinal-Hinspiel in Madrid, indem er prophezeit, Barcelona habe nur dann eine Chance gegen Madrid, wenn wieder mal ein Spieler seiner Mannschaft vom Platz fliege.

Es trifft in der 61. Minute, nach einem hässlichen Foul, Pepe, den Innenverteidiger, der als Spielzerstörer auf der Spielmacherposition agiert; bis dahin hat Madrid 144 gelungene Pässe gespielt und 56 Fehlpässe, Barcelona 467 gelungene Pässe und 56 Fehlpässe. Aber: Barcelona hat nur fünf Torchancen, Madrid durch Konter drei. Trotz 70 Prozent Ballbesitz ist Barcelona bis dahin nicht torgefährlicher als Madrid, ihr Spiel allerdings wirkt so drückend überlegen, dass die Madrider Zuschauer, ein verwöhntes Operettenpublikum, jeden gelungenen Befreiungsschlag ihrer Mannschaft, selbst wenn er ins Seitenaus geht, bejubeln.

Barcelona hat bis zur 61. Minute genauso gespielt wie immer, das Karussell der Pässe läuft besser als in der ersten Halbzeit des Pokalfinales, was daran liegt, dass sie sich aggressiver wehren gegen die Madrider Erstickungsversuche, sie suchen mehr körperliche Zweikämpfe, dafür sind sie sich sonst zu schade. Sie foulen in diesem Spiel sogar mehr als Mourinhos Spieler.

Barcelona fügt dem psychologischen Terror ihrer Passstafetten körperliche Härte hinzu und raubt so der Mannschaft Madrids, die im Pokalfinale noch mit stoischer Gelassenheit die Angriffswellen überstanden hat, die Selbstgewissheit.

Besonders Xavi geht ihnen auf die Nerven. Er ist 144-mal am Ball, spielt 127 Pässe, von denen nur elf nicht ankommen, spielt den Ball 41-mal zurück und 26-mal quer, hetzt seine drei Gegenspieler Pepe, Xabi Alonso und Diarra hin und her. Pepe rastet in der 61. Minute aus, fliegt, fortan hat Xavi mehr Platz nach vorn.

Das 1:0 für Barcelona fällt wie ein Tor aus dem Lehrbuch für Barcelona-Tore. Andere Mannschaften kreieren Torchancen vor allem aus Spielsituationen rund um den Strafraum, Barcelonas Tore entstehen - wenn das Team gegen starke Gegner spielt - meist schon um den Mittelkreis. Dort ertönt der stumme Schrei zum Angriff, nur von Barcelonas Spielern zu verstehen; oft ist es Messi, der das Signal gibt, er schaltet aus dem gepflegten Passspiel-Modus in den Straßenfußball-Modus, erhöht abrupt die Laufgeschwindigkeit, wird angespielt und bringt drei, vier Abwehrspieler dazu, sich ihm entgegenzuwerfen wie früher in der Knabenmannschaft.

Entweder Messi schafft so Platz für Villa, Iniesta, Pedro oder Alves, die er dann anspielt, oder er schließt seinen Slalomlauf mit einem Tor ab, oder er dribbelt sich fest, wie an diesem Abend in Madrid.

Ausgangspunkt des Angriffs ist Xavi im Mittelkreis, umringt von drei Madrider Spielern. Er spielt auf Messi, der beschleunigt Richtung Strafraum, fünf Spieler kreisen ihn ein, zwei blockieren seinen Schuss, der prallt Richtung Mittelkreis. Messi reagiert schneller, spielt ihn zurück auf Xavi. Diese schnelle Balleroberung nach dem Ballverlust beherrscht keine andere Mannschaft so intuitiv; schon beim Torschuss antizipieren die Spieler in Ballnähe die beste Position für die Rückeroberung; im Training wird ihnen beigebracht, immer an den übernächsten Pass zu denken.

Xavi steht so, als wolle er nach links zur Außenlinie spielen, acht Madrider Abwehrspieler verschieben sich dorthin. Xavi dreht aber ab, Richtung Mittelkreis, wiegt die Abwehrspieler in Sicherheit, steht mit dem Rücken zum Tor, dreht plötzlich nach links, passt auf den durch die Verschiebung der Abwehr freistehenden Afellay an der rechten Außenlinie. Barcelona macht das Spielfeld gern breit durch Außenstürmer oder Außenverteidiger, die so weit außen stehen wie Linienrichter. Afellay umspielt den herbeistürmenden Verteidiger, passt in den Torraum, Messi hat sich an drei Abwehrspielern vorbeigeschlängelt, schlenzt den Ball dem Torwart durch die Beine. Drei Spieler haben durch zwei Dribblings und drei Pässe acht Gegenspieler ausgeschaltet.

Messis Tor zum 2:0 elf Minuten später ist keine Mannschaftsleistung, sondern das Attentat eines Straßenfußballers auf die Deckungsarbeit Mourinhos. Messi schnappt sich am Mittelkreis den Ball und lässt fünf Abwehrspieler Madrids aussehen wie Kellner auf einem Stehempfang.

insgesamt 136 Beiträge
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Seite 1
rondon 29.05.2011
1. demos
im zuge des finales sind ja auch die proteste wieder ganz schön angestiegen. http://le-bohemien.net/2011/05/18/spaniens-jugend-auf-der-strasse bietet übrigens eine gute zusammenfassung.
Andree Barthel 29.05.2011
2. *
Vermutlich wird die Natur den Barca Code knacken – Xavi, der, so der Autor, einen Kilometer mehr als seine Mitspieler laufen soll, ist bereits 31 – kaum anzunehmen, dass er noch länger als zwei Jahre in der Lage sein wird, auf dem außergewöhnlichen Niveau, das er zur Zeit hat, weiterzuspielen. Und Barca muss erst einmal jemanden finden, der ihn ersetzen kann. Es wäre aber jammerschade, wenn deren Spielweise verschwinden würde. Ich glaube, erst der Weggang einer der Stars wird zeigen, ob bei Barca die Fußballkultur, wie sie jetzt praktiziert wird, wirklich fest verankert ist.
Andreas Rolfes 29.05.2011
3. Fast wie Barca
Schöne und sehr ausführliche Analyse. Kompliment
WhereIsMyMoney 29.05.2011
4. ...
Zitat von sysopDas Champions-League-Finale war mehr als der Sieg einer Mannschaft und die Niederlage der anderen. Es war der Triumph eines Spielsystems, das der FC Barcelona kreiert und perfektioniert hat. Geometrische Methoden der Spielanalyse zeigen das Geheimnis dieses perfekten Fußballs. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,765568,00.html
3.Teil:"....und foulen nicht - wie sonst gegen Barcelona - so wild, dass einer von ihnen in die Kabine muss." (zum Pokal-Endspiel) Real hat schon gefoult, der Schiri war nur zu blind um es zu sehen. Im Übrigen ist die Aussage, dass Mourinho dem Barca-Code am nächsten kam, falsch. Mit den Spielern die Real hat, hätte eine offensivere Spielweise mehr Erfolg gebracht. Auch dann hätten sie vermutlich die Spiele verloren, doch sie hätten viel Anerkennung bekommen und wir hätten tolle Fussballspiele gesehen. Aber Mourinho hatte es geschafft, dass ich nach dem vierten Spiel nur noch froh war, dass diese Mannschaften nicht wieder gegeneinander spielen mussten.
kokomo 29.05.2011
5. ...
Wow, super Read! Wahrscheinlich der beste Artikel, den es je im Zuge einer Spielnachbereitung zu lesen gab.
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