Fußballzauber Auch Ferguson verzweifelt am Barça-Code

Aus London berichtet Cordt Schnibben

5. Teil: Real und Barcelona - mehr als Fußballvereine


Nach Spielschluss versucht Alfredo di Stéfano, 84 Jahre alt, in der Nähe des Stadions im Restaurant De María seine Enttäuschung hinunterzukauen, murmelt müde Sätze vor sich hin, wieder hat sein großes Real ausgesehen wie eine Maus im Kampf gegen einen Löwen. Den Argentinier wollten 1953 Real und Barcelona verpflichten, Real siegte und gewann mit ihm achtmal die spanische Meisterschaft. 20 Jahre später stritten beide Vereine um Johan Cruyff von Ajax Amsterdam, den komplettesten aller Spielmacher, das war immer so, Madrid und Barcelona stritten um den besten Fußball und die besten Fußballer. Cruyff entschied sich für Barcelona und prägte den Verein als Spieler fast so wie Di Stéfano Real. Als Trainer, von 1988 bis 1996 auf der Bank, legt er die Grundlage für den totalen Fußball, den Barcelona heute spielt.

Die holländische 4-3-3-Formation wird zum Spielsystem des FC Barcelona und all seiner Jugendmannschaften, ein Internat soll aus 13- und 14-Jährigen den Spielertyp formen, den eine so offensive Spielweise braucht: alle zehn Feldspieler technisch stark genug, um sich in Eins-gegen-eins-Situationen durchzusetzen; die gesamte Mannschaft verteidigt, die gesamte Mannschaft stürmt; bei Ballverlust sofort Pressing, bei Ballgewinn totale Offensive; ballsichere Mittelfeldspieler, die über 90 Minuten ein verwirrendes Kurzpassspiel aufziehen können und Ballbesitz garantieren.

Vor allem aber, und das ist der wahre Befreiungsakt: die Entdeckung des kurzen Mannes in kurzen Hosen. Bis dahin waren viele junge Fußballer von Jugendtrainern nach Hause geschickt worden, weil sie zu klein und schmächtig seien für diesen Männersport.

Cruyff, als Jugendlicher ein zarter Bursche, wusste um den Vorteil kleiner Jugendspieler: technisch versessener, weil sie sich immer gegen körperlich Überlegene durchsetzen mussten; wendiger, weil ihr Schwerpunkt tiefer liegt; kreativer, weil ihr Kopf näher am Ball ist. In seinen acht Trainerjahren holt Cruyff 29 Talente aus dem Internat La Masía in den Profisport, im aktuellen Kader von Barcelona kommen 15 Spieler aus dieser Zwergenplantage, natürlich auch Xavi, Iniesta und Messi.

Cruyff, der von Spielern mal als "Maschine zur Produktion von Fußball" sprach, wurde im letzten Jahr von der Vereinsführung zum "geistigen Vater" des heutigen Erfolgsstils gekürt. Jeden Montag spricht er in einer katalanischen Sportzeitung vom Olymp herab über die Taktik und Spielweise des Trainers Pep Guardiola, der unter ihm ein zentraler Spieler seiner Mannschaft war.

Für Mourinho hat Cruyff nur Verachtung. Der Verrückte habe seine Mannschaft, die in Ligaspielen wunderschönen Fußball zeige, mit "Barcelonitis" infiziert, die Angst vor Barça und dessen Stil habe ihn dazu gebracht, Madrid wie einen Antikörper auftreten zu lassen, nicht wie eine Mannschaft, die Fußball gestalten und die Zuschauer begeistern will. Zudem habe er mit seinen Verschwörungsphantasien nach dem ersten Halbfinalspiel in Madrid die traditionellen Werte Reals verraten.

Real und Barcelona seien mehr als Fußballvereine, meint Cruyff, und wer in Barcelona durch das Museum im Stadion Camp Nou zieht, versteht, was der "Lenin des Fußballs" ("The Observer") meint. Zwischen den Dutzenden blitzenden Pokalen hinter Glas, zwischen alten Trikots großer Spieler und Fotos legendärer Teams ist auf Schrifttafeln von "Demokratie" zu lesen, von "Menschenrechten" und vom Kampf gegen die Franco-Diktatur. Sich dem spanischen Tyrannen entgegengestemmt, die Kultur der Katalanen verteidigt zu haben, das rechnet sich der FC Barcelona bis heute an, Duelle gegen Real Madrid sind deshalb noch immer Demonstrationen gegen den Zentralstaat. Und darum wird im Museum auch ausgestellt, dass eigentlich Katalonien Europameister wurde im Jahr 2008 und Weltmeister im vergangenen Jahr, acht Spieler der spanischen Elf sind vom FC Barcelona, alle Tore Spaniens bei der WM schossen sie, und das Spielsystem der Nationalmannschaft ist sowieso das des FC Barcelona.

insgesamt 136 Beiträge
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rondon 29.05.2011
1. demos
im zuge des finales sind ja auch die proteste wieder ganz schön angestiegen. http://le-bohemien.net/2011/05/18/spaniens-jugend-auf-der-strasse bietet übrigens eine gute zusammenfassung.
Andree Barthel 29.05.2011
2. *
Vermutlich wird die Natur den Barca Code knacken – Xavi, der, so der Autor, einen Kilometer mehr als seine Mitspieler laufen soll, ist bereits 31 – kaum anzunehmen, dass er noch länger als zwei Jahre in der Lage sein wird, auf dem außergewöhnlichen Niveau, das er zur Zeit hat, weiterzuspielen. Und Barca muss erst einmal jemanden finden, der ihn ersetzen kann. Es wäre aber jammerschade, wenn deren Spielweise verschwinden würde. Ich glaube, erst der Weggang einer der Stars wird zeigen, ob bei Barca die Fußballkultur, wie sie jetzt praktiziert wird, wirklich fest verankert ist.
Andreas Rolfes 29.05.2011
3. Fast wie Barca
Schöne und sehr ausführliche Analyse. Kompliment
WhereIsMyMoney 29.05.2011
4. ...
Zitat von sysopDas Champions-League-Finale war mehr als der Sieg einer Mannschaft und die Niederlage der anderen. Es war der Triumph eines Spielsystems, das der FC Barcelona kreiert und perfektioniert hat. Geometrische Methoden der Spielanalyse zeigen das Geheimnis dieses perfekten Fußballs. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,765568,00.html
3.Teil:"....und foulen nicht - wie sonst gegen Barcelona - so wild, dass einer von ihnen in die Kabine muss." (zum Pokal-Endspiel) Real hat schon gefoult, der Schiri war nur zu blind um es zu sehen. Im Übrigen ist die Aussage, dass Mourinho dem Barca-Code am nächsten kam, falsch. Mit den Spielern die Real hat, hätte eine offensivere Spielweise mehr Erfolg gebracht. Auch dann hätten sie vermutlich die Spiele verloren, doch sie hätten viel Anerkennung bekommen und wir hätten tolle Fussballspiele gesehen. Aber Mourinho hatte es geschafft, dass ich nach dem vierten Spiel nur noch froh war, dass diese Mannschaften nicht wieder gegeneinander spielen mussten.
kokomo 29.05.2011
5. ...
Wow, super Read! Wahrscheinlich der beste Artikel, den es je im Zuge einer Spielnachbereitung zu lesen gab.
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