Fußballzauber Auch Ferguson verzweifelt am Barça-Code

Aus London berichtet Cordt Schnibben

6. Teil: "Wir spielen linken Fußball"


Ein Fußballverein als Widerstandsgruppe, ein Fußballverein als Entwicklungshelfer - die clubeigene Stiftung fördert Kinder aus Entwicklungsländern und Unicef - und ein Fußballverein im Besitz von mehr als 170 000 Mitgliedern, aus dieser Einzigartigkeit ziehen die weltweit mehr als 57 Millionen Anhänger des FC Barcelona den Glauben, nicht nur die besseren Fans zu sein, sondern wohl auch die besseren Menschen. Die Illusion vom Triumph des linken über den rechten Fußball, sie schwingt mit, wenn Barcelona auf Madrid trifft. "Wir spielen linken Fußball", sagt Guardiola, "alle machen alles." Madrid ist weltweit der Prototyp des marktwirtschaftlichen Vereins: alles kaufen, was gut und teuer ist, und daraus eine Mannschaft formen, die unbedingt Erfolg haben muss. Barcelona steht für den planwirtschaftlichen Weg: eine Idee vom besseren Fußball zu haben, eine Mannschaft aus jungen Spielern zu formen, die dem Plan möglichst nahekommt. Also Chelsea, Inter Mailand, Bayern München auf der einen Seite, Arsenal, Ajax Amsterdam, Borussia Dortmund auf der anderen Seite. Ökonomisch sind Planwirtschaft und Marktwirtschaft im Fall von Barcelona und Madrid allerdings ähnlich erfolglos - beide Vereine sind hochverschuldet.

Dass in einem planwirtschaftlich denkenden Verein der kreativste Fußball produziert wird, liegt an einem Trainer, der mal Objekt dieses Plans war und nun Subjekt ist, Pep Guardiola. Sein Training folgt der Idee, dass man spielt, wie man trainiert, und deshalb mischt er Ordnung mit Unordnung, Reißbrettfußball mit Straßenfußball. Es wird viel gespielt, nie ohne Ball trainiert, nur ein paar Sprints, keine Ausdauerläufe, alles, was die Spieler an Fitness brauchen, holen sie sich spielerisch; wer sich zu wenig belastet im Training, wird durch seine physischen Daten überführt und entsprechend nachbearbeitet.

Gespielt wird im Training immer nur in einer Spielhälfte, um die Enge zu imitieren, die im Match üblich ist; in 16 Quadrate ist die Hälfte unterteilt, die Spieler verteilen sich und halten ihre Position, bis der gespielte Ball ihnen befiehlt, ins nächste Quadrat zu laufen.

Vieles, was Guardiola im Training macht, kommt aus Sportarten, die beim Training wissenschaftlicher vorgehen. Barcelonas Handballer sind ähnlich erfolgreich wie die Fußballer, auch gute Basketball-, Hockey- und Rugbymannschaften hat der Verein. Wer sich manche von Barcelonas Spielzügen gegen Madrid genauer anschaut, erkennt Angriffsformationen aus dem Handball und dem Basketball, sieht typische Hockey- und Rugbyspielzüge oder manchmal gar diagonale Pässe wie im American Football vor einem Touchdown. Es sind Sportarten, die mit der Hand gespielt werden, der Mensch ist geschickter mit der Hand als mit dem Fuß. Die Spieler von Barcelona, das ist das Ziel ihres Trainings, sollen sich dieselbe Ballsicherheit mit dem Fuß erarbeiten.

Das Training bei Spitzenteams im Profifußball basiert auf den Daten, die während der Spiele von Firmen wie Amisco/ MasterCoach, Opta oder Impire ermittelt werden. Opta, seit Jahren Hauptdatenlieferant in der englischen und spanischen Liga, wertet auch die Bundesliga und die Champions League aus, insgesamt Daten aus 30 Sportarten in 70 Ländern. Impire hat von der Deutschen Fußball Liga den Auftrag, von der nächsten Saison an alle Spiele der ersten und zweiten Bundesliga zu erfassen, in allen Stadien werden ihre Tracking-Systeme installiert und so die Mathematisierung des Fußballs auf eine neue Stufe gehoben.

Allen Trainern sind diese Daten dann zugänglich, jede Mannschaft wird jedes Wochenende geröntgt, jeder Spieler steht unter Sonderbewachung, seine Leistung auf dem Platz wird noch berechenbarer als bisher. Nicht nur sein Trainer, auch die Medien können kritischer oder lobender mit ihm umgehen. Einen Vorgeschmack bietet die App "Total football" von Opta, mit ihr dürfen iPhone- und iPad-Besitzer alle Spiele der Champions League so durchleuchten, wie Pep Guardiola und José Mourinho es tun.

In das vierte Spiel gegen Barcelona geht Mourinho mit einer offensiveren Aufstellung als in den drei Spielen davor, er muss den 0:2-Rückstand aus dem Hinspiel des Champions-League-Halbfinales egalisieren.

In den ersten 15 Minuten rechnen Xavi und Kollegen die Madrider aus, sie spielen 43 Querpässe und 55 Rückpässe, nur 57 Pässe nach vorn, sie studieren, wie sich der Gegner verschiebt, testen die Laufwege der neuen Formation, das Abwehrverhalten, die Konteransätze. Zwischen der 30. und 40. Minute ziehen sie dann Kombinationen auf, die zum Schönsten gehören, was im Fußball je gespielt wurde. 121 Pässe in zehn Minuten, Madrid spielte im Hinspiel innerhalb von 90 Minuten 179 Pässe; 29-mal landen die Pässe im Spielfelddrittel vor Madrids Tor, ein ständiger Wechsel zwischen Dreiecken und Vierecken, Dribblings, langen Pässen, kurzen Pässen, hohem Tempo, langsamen Bällen, und dies alles mit einer Präzision, als würden dort unten Figuren aus einem Computerspiel die programmierten Abläufe abspulen. Madrid schlägt in diesen zehn Minuten 16 Pässe, die schnell zum Ballverlust führen und die nächste Angriffswelle einleiten. Wenn Madrid nach Ballverlust kurz in Unordnung ist, warten Xavi, Messi und die anderen gnädig, bis die Spieler sich wieder orientiert haben, um sie dann lustvoll auszukombinieren. Diese Momente, in denen das Spiel einzufrieren scheint, in denen alle Spieler und Zuschauer darauf starren, was Xavi oder Messi gleich mit dem Ball machen werden, sind Momente knisternder Ruhe.

Fünf Torchancen erspielt sich Barcelona in diesen zehn Minuten, Madrids Torwart hält alles, verteidigt die Unberechenbarkeit des Sports. Das 1:0 für Barcelona, auch das ist das wunderbar Irrationale am Fußball, fällt dann auf Mourinho-Art. Vertikal (Torwart auf Alves), horizontal (Alves auf Iniesta), vertikal (Iniesta auf Pedro), Torschuss. Drei Pässe, in 13 Sekunden übers ganze Spielfeld gejagt, ein Tor. Spricht das gegen die Mathematik, spricht das gegen all die Versuche, Fußball berechenbar zu machen? Nein, es spricht dafür, dass die Variablen auf dem Spielfeld immer mächtiger sein werden als die Konstanten.

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Seite 1
rondon 29.05.2011
1. demos
im zuge des finales sind ja auch die proteste wieder ganz schön angestiegen. http://le-bohemien.net/2011/05/18/spaniens-jugend-auf-der-strasse bietet übrigens eine gute zusammenfassung.
Andree Barthel 29.05.2011
2. *
Vermutlich wird die Natur den Barca Code knacken – Xavi, der, so der Autor, einen Kilometer mehr als seine Mitspieler laufen soll, ist bereits 31 – kaum anzunehmen, dass er noch länger als zwei Jahre in der Lage sein wird, auf dem außergewöhnlichen Niveau, das er zur Zeit hat, weiterzuspielen. Und Barca muss erst einmal jemanden finden, der ihn ersetzen kann. Es wäre aber jammerschade, wenn deren Spielweise verschwinden würde. Ich glaube, erst der Weggang einer der Stars wird zeigen, ob bei Barca die Fußballkultur, wie sie jetzt praktiziert wird, wirklich fest verankert ist.
Andreas Rolfes 29.05.2011
3. Fast wie Barca
Schöne und sehr ausführliche Analyse. Kompliment
WhereIsMyMoney 29.05.2011
4. ...
Zitat von sysopDas Champions-League-Finale war mehr als der Sieg einer Mannschaft und die Niederlage der anderen. Es war der Triumph eines Spielsystems, das der FC Barcelona kreiert und perfektioniert hat. Geometrische Methoden der Spielanalyse zeigen das Geheimnis dieses perfekten Fußballs. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,765568,00.html
3.Teil:"....und foulen nicht - wie sonst gegen Barcelona - so wild, dass einer von ihnen in die Kabine muss." (zum Pokal-Endspiel) Real hat schon gefoult, der Schiri war nur zu blind um es zu sehen. Im Übrigen ist die Aussage, dass Mourinho dem Barca-Code am nächsten kam, falsch. Mit den Spielern die Real hat, hätte eine offensivere Spielweise mehr Erfolg gebracht. Auch dann hätten sie vermutlich die Spiele verloren, doch sie hätten viel Anerkennung bekommen und wir hätten tolle Fussballspiele gesehen. Aber Mourinho hatte es geschafft, dass ich nach dem vierten Spiel nur noch froh war, dass diese Mannschaften nicht wieder gegeneinander spielen mussten.
kokomo 29.05.2011
5. ...
Wow, super Read! Wahrscheinlich der beste Artikel, den es je im Zuge einer Spielnachbereitung zu lesen gab.
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