Fußballzauber Auch Ferguson verzweifelt am Barça-Code

Aus London berichtet Cordt Schnibben

7. Teil: Der Barça-Code


Barcelonas Über-Ich Cruyff schwärmt nach Schluss dieses beispiellosen Vier-Spiele-Zyklus von der "Hegemonie in der Fußballwelt", von "wundervoller Tyrannei", von der "Kulmination eines Projektes", das er so beschreibt: "Immer im Angriff, immer dominieren, immer die Zuschauer begeistern, nicht nur die eigenen." Bleiben drei Fragen.

Was unterscheidet diesen perfekten Fußball von dem perfekten Fußball, den Ajax Amsterdam und Dynamo Kiew in den siebziger Jahren, den AC Mailand in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren gespielt haben - was ist der Barça-Code? Der Barça-Code, das ist ein Torwart, der Torchancen einleitet; das sind zwei Innenverteidiger, die Spieleröffner sind; zwei Außenverteidiger, die mehr stürmen als verteidigen; ein defensiver Mittelfeldspieler, der 70 Prozent seiner Zweikämpfe gewinnt und mehr als hundert Pässe zum Mitspieler schlägt; zwei Spielmacher, möglichst klein, es können auch mal fünf werden; zwei Außenstürmer, die fast jeden zweiten Zweikampf gewinnen; ein Mittelstürmer, der nicht Mittelstürmer ist, sondern Messi. Macht mehr als 800 Pässe pro Spiel, Ballbesitz über 70 Prozent, im Schnitt 2,4 Tore.

Können andere Mannschaften den Barça-Code kopieren? Viele versuchen es, stellen kleine Spieler ins Mittelfeld, setzen auf viel Ballbesitz. Was ihnen fehlt, sind Ballsicherheit, Tempo und Xavi. Und Messi.

Wie können Mannschaften gegen Barça gewinnen? Real Madrid hat es mit sieben Defensivspielern im Mittelfeld versucht, im Pokalfinale hat es geklappt, weil Barcelonas Passkarussell irgendwann heißlief. Der FC Arsenal, auch eine dieser passgeilen Ballbesitzmannschaften, wenn auch mit mehr Zug zum Tor, spielt Barça in der zweiten Halbzeit des Champions-League-Achtelfinales aus durch zwei schnelle Ballstafetten.

Barcelonas Pass-Software erlebt hin und wieder für ein paar Minuten einen Systemabsturz, das wäre die Chance für Manchester United gewesen im Finale am Samstag. Aus einer Kontermannschaft hat Trainer Alex Ferguson in den letzten zwei Jahren eine Dominanzelf gemacht, sie spielt durchschnittlich 580 Pässe in jedem Spiel, zwar 240 weniger als Barcelona, aber die viertmeisten in der Champions League.

Arsenal und Real Madrid haben sich nicht getraut, ihrem Stil treu zu bleiben gegen Barcelona, aus Furcht davor, im Passgewitter zu ersticken. Ferguson ließ in Wembley furios beginnen, Barcelona brauchte zehn Minuten, um die Laufwege und Passlinien zu lesen, dann begann sich Xavis Karussell zu drehen. 136 Pässe hatte er am Ende gespielt, nur zwölf Fehlpässe; zwischen 20 und 30 Pässe spielten die Mittelfeldspieler Manchesters, davon ein Drittel Fehlpässe. Sie wirkten ängstlich, paralysiert besonders dann, wenn sich Xavi und Messi die Bälle zuschoben.

Welche Mannschaft wird in der nächsten Saison den Weg finden, diesem todsicheren Fußball zu trotzen? Wer den Spielern aus Manchester und ihrem Trainer nach den 90 Minuten von Wembley in die Gesichter sah, kann nicht daran glauben, dass United das gelingen kann.

insgesamt 136 Beiträge
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rondon 29.05.2011
1. demos
im zuge des finales sind ja auch die proteste wieder ganz schön angestiegen. http://le-bohemien.net/2011/05/18/spaniens-jugend-auf-der-strasse bietet übrigens eine gute zusammenfassung.
Andree Barthel 29.05.2011
2. *
Vermutlich wird die Natur den Barca Code knacken – Xavi, der, so der Autor, einen Kilometer mehr als seine Mitspieler laufen soll, ist bereits 31 – kaum anzunehmen, dass er noch länger als zwei Jahre in der Lage sein wird, auf dem außergewöhnlichen Niveau, das er zur Zeit hat, weiterzuspielen. Und Barca muss erst einmal jemanden finden, der ihn ersetzen kann. Es wäre aber jammerschade, wenn deren Spielweise verschwinden würde. Ich glaube, erst der Weggang einer der Stars wird zeigen, ob bei Barca die Fußballkultur, wie sie jetzt praktiziert wird, wirklich fest verankert ist.
Andreas Rolfes 29.05.2011
3. Fast wie Barca
Schöne und sehr ausführliche Analyse. Kompliment
WhereIsMyMoney 29.05.2011
4. ...
Zitat von sysopDas Champions-League-Finale war mehr als der Sieg einer Mannschaft und die Niederlage der anderen. Es war der Triumph eines Spielsystems, das der FC Barcelona kreiert und perfektioniert hat. Geometrische Methoden der Spielanalyse zeigen das Geheimnis dieses perfekten Fußballs. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,765568,00.html
3.Teil:"....und foulen nicht - wie sonst gegen Barcelona - so wild, dass einer von ihnen in die Kabine muss." (zum Pokal-Endspiel) Real hat schon gefoult, der Schiri war nur zu blind um es zu sehen. Im Übrigen ist die Aussage, dass Mourinho dem Barca-Code am nächsten kam, falsch. Mit den Spielern die Real hat, hätte eine offensivere Spielweise mehr Erfolg gebracht. Auch dann hätten sie vermutlich die Spiele verloren, doch sie hätten viel Anerkennung bekommen und wir hätten tolle Fussballspiele gesehen. Aber Mourinho hatte es geschafft, dass ich nach dem vierten Spiel nur noch froh war, dass diese Mannschaften nicht wieder gegeneinander spielen mussten.
kokomo 29.05.2011
5. ...
Wow, super Read! Wahrscheinlich der beste Artikel, den es je im Zuge einer Spielnachbereitung zu lesen gab.
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