Futsal Gladiatoren in der Halle

Futsal ist eine der beliebtesten Hallensportarten der Welt. In Deutschland haben das bisher nur wenige mitbekommen. Das soll sich ändern. Superstars wie Ronaldinho oder Wayne Rooney dribbeln dafür in teuren Werbesports auf engstem Raum. Sogar der DFB zieht mit.
Von Tobias Moorstedt

Eric Cantona war schon immer ein unkonventioneller Fußballer. Und so wird der Franzose auch nicht wegen seinen 81 Tore für Manchester United von den Fans verehrt, sondern wegen eines Karate-Kicks gegen einen Crystal-Palace-Anhänger im Jahre 1995. Elf Jahre später steht Cantona im Leder-Trenchcoat, mit Dreitagebart und schulterlangen Haaren in einer alten Fabrikhalle und spricht in eine Kamera: "Joy. Honor. Speed and Heart." Dann wirft er einen kleinen Fußball auf ein Käfig-Kleinfeld, wo Wayne Rooney, Ronaldinho, Robinho und Adriano aufeinander losspielen. Eric Cantona ist der Stadionsprecher der Gladiatoren. Und die Spiele haben begonnen.

Cantona spielt die Hauptrolle in einem Nike-Werbespot, der die Fußball-Fans mit Futsal-Szenen auf die kommende WM einstimmen soll. Futsal ist die Kurzversion von "Futbol de Salon", kommt aus den Turnhallen Südamerikas und ist der kleine, feine und gemeine Bruder des Fußballs. Der Legende nach kam Futsal im Jahre 1930 auf die Welt. Während Gastgeber Uruguay bei der ersten Fußball-WM Argentinien bezwang, tüftelte der Sportlehrer Juan Carlos Ceriani in Montevideo an einer attraktiveren Variante des Spiels. Beim "Futbol de Salon" spielen zwei Mal fünf Spieler auf Handballtore, ein schwereres, sprungreduziertes Spielgerät erleichtert die Ballführung. Seitdem die ungleichen Brüder Futsal und Fußball 1930 kurz zusammen in Montevideo gewohnt hatten, haben sie sich ziemlich auseinander gelebt. Im WM-Jahr 2006 treffen sie nun wieder aufeinander. Nicht nur in der Werbepause.

Am Samstag und Sonntag rollt der kleine Fußball auch in Deutschland. In Göttingen findet zum ersten Mal ein offizieller DFB-Cup in der Fußball-Underground-Version statt. Großen Zuschauerzuspruch erwartet Reinhold Napp vom veranstaltenden Verein SV Göttingen 07 zwar nicht. Aber Napp glaubt an sein Projekt. "Das ist Fußball, wie ich in liebe: technisch, schwerelos, fair", sagt der Organisator, "beim normalen Hallenfußball knallen drei Leute gegen die Bande und man fragt sich: Ist jemand verletzt?"

Futsal mag in Deutschland ein Fremdwort sein. In Südamerika aber wird Futsal schon seit Jahrzehnten in professionellen Ligen gespielt. Auch in Spanien, Thailand oder Kasachstan wurden Fußballer vom Fieber des schweren Balls erfasst. In Japan, wo drei Futsal-Zeitschriften existieren, wird sogar auf Kaufhausdächern gespielt. 1988 sprang der Fußball-Weltverband Fifa auf den Trend auf und erklärte Futsal zur offiziellen Hallenfußballvariante. Ein Jahr später fand in Hongkong die erste WM statt und 2004 wurde mit dem Brasilianer Falcao der erste Welt-Futsal-Spieler gekürt, der besonders wegen seines Lieblingstricks, bei dem er den Ball mit den Hacken über den Torwart lupft, um dann Volley zu vollenden, beliebt ist.

Die Sportartikelhersteller versuchen seit langem dem oft biederen Fußballsport ein schöneres Kostüm zu verpassen. Vokabeln wie Manndeckung, Pferdelungen und Blutgrätschen passen nicht zum Idealtypus des charismatisch-coolen Individualisten. Das ästhetische Spiel und die Authentizität der Favelas machen das Futsal-Spiel zu einem perfekten Marketing-Instrument. Unter dem Stichwort "Joga Bonito" – Spiele schön – veranstaltet Nike in fünf Großstädten Futsal-Kurz-Turniere, Trucks fahren zu den deutschen Vereinsmeiern und haben laut Marketing-Manifest den Geist des schönen Spiels im Gepäck. "Wir glauben, dass die Abseitsfalle nur eine Ausrede für mangelnde Geschwindigkeit ist", steht da zum Beispiel. Es ist eine Absage an das Fußball-Establishment. Eine Revolution verkauft sich eben immer gut.

Deutschland ein Futsal-Zwerg

Es mag zwar keine Fußball-Zwerge mehr geben. Aber Deutschland ist ein Futsal-Zwerg. Deshalb hat der DFB im Jahr 2001 als einer der letzten Verbände die "Entwicklungshilfe der Uefa" angenommen, wie der zuständige DFB-Direktor Willi Hink erzählt. "Trainer, Schiedsrichter und Funktionäre haben uns seitdem beraten." Die deutsche Hallenfußball-Variante, die sich mit Standard-Ball und Kunstrasen mehr am konventionellen Fußball orientiert, habe die Etablierung des offiziellen Fifa-Hallenfußballs lange blockiert, erklärt Hink. Mittlerweile gibt es aber auch in Deutschland etwa 120 Mannschaften, regionale Ligen und Landesmeisterschaften.

Schon im nächsten Jahr soll laut DFB eine Mannschaft im Uefa-Futsal-Cup starten, in einem weiteren Schritt dann eine konkurrenzfähige Nationalmannschaft entstehen. "Wir sind gespannt, was am Wochenende herauskommt", sagt Hink. Uefa-Experten werden in Göttingen das deutsche Spielniveau evaluieren, die Universität Frankfurt führt eine Spieler-Befragung durch: "Wir möchten mehr über ihre Motivation und Ziele und Leistungsbereitschaft erfahren", sagt Hink, "denn Leistungssport ist nur möglich, wenn die Aktiven mitziehen."

Was wird wohl Dennis Bessel in den Umfragebogen notieren? Bessel, 25, ehemaliger Verbandsliga-Fußballer, spielt seit vier Jahren unter dem Spitznamen "Alemao" für die Futsal-Spitzenmannschaft "Strandkaiser Krefeld". "Beim normalen Fußball wirste an der Eckfahne umgegrätscht und kommst mit Knochenschmerzen nach Hause", sagt der ehemalige Manndecker, der beim Futsal das körperlose und technische Spiel lieben gelernt hat. "Irgendwann hatte ich genug von Aschenplätzen und den grölenden Rentnern." Für den DFB-Futsal-Cup musste Bessel nun in das Vereins-Milieu zurückkehren. Denn nur Mannschaften, die auch in offiziellen Fußballvereinen gemeldet sind, dürfen an der DFB-Veranstaltung mitspielen. Aus den "Strandkaisern" wurde so der KFC Uerdingen.

"Es wird für den DFB nicht einfach sein, die gewachsene Futsal-Szene in die oft starren Strukturen zu integrieren", sagt Reinhold Napp, "sie waren halt ein bisschen spät dran." Dennis Bessel sieht die Sache optimistischer: "Ein bisschen Vereinsmeierei ist wichtig, um einen Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Sonst wäre das immer noch so Surfermäßig auf irgendeinem Hinterhof."