SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. November 2018, 08:52 Uhr

Gewalt in Argentinien

"Eine globale Blamage"

Von , Mexiko-Stadt

In Argentinien verdrängt das abgesagte Spitzen-Fußballspiel sogar den G20-Gipfel von den Titelseiten. Alle fragen sich: Wie sollen die überforderten Sicherheitskräfte am Wochenende die Staatschefs schützen?

"Papelón mundial" - unter diesem Sammelbegriff fasst die argentinische Tageszeitung "Clarín" seit dem Wochenende die vielen Berichte zusammen, die sie über das Rückspiel im Finale der Copa Libertadores zwischen den Großclubs Boca Juniors und River Plate aus Buenos Aires veröffentlicht. Eine "globale Blamage" seien die Ereignisse um das Fußballspiel gewesen. Ein Spiel, das nicht angepfiffen wurde, sondern im Steinhagel der River-Plate-Ultras auf den Boca-Mannschaftsbus unterging.

Aus dem, was das "Finale des Jahrhunderts" im Fußball Südamerikas werden sollte, wurde die Erkenntnis, dass die Argentinier nicht einmal in der Lage sind, ein Fußball-Stadt-Derby zu sichern. Wie, so fragen sich die Menschen und Politiker, sollen denn nun am Freitag und Samstag die Staatschefs Donald Trump, Wladimir Putin und Angela Merkel wirksam vor Globalisierungskritikern geschützt werden?

Argentiniens Sicherheitsministerin Patricia Bullrich hatte noch vor dem Spiel getönt: "Wir haben hier den G20-Gipfel, da sollen wir nicht ein Spiel zwischen River und Boca in den Griff bekommen können?" Fakt ist, dass die abgestellten 2000 Polizisten heillos überfordert waren. Tausende Beamte wurden angeblich geschont, damit sie an diesem Wochenende für den Gipfel-Einsatz ausgeruht sind.

Ein Abbild der Gesellschaft

"Der Gipfel interessiert hier im Moment niemanden", sagt der Sportjournalist Luciano Olivero. Die Ausschreitungen um den "Superclásico" seien das dominierende Thema dieser Tage, weil sie ein Abbild der argentinischen Gesellschaft seien. Frustration, Gewalt, Spaltung, Intoleranz und Korruption dominierten den Fußball ebenso wie alle anderen Bereiche des Landes. "Wenn Du nicht meinem Klub oder meiner Partei angehörst, bist Du ein Gegner und ich hasse Dich", sagt der Reporter. "Das Problem ist nicht der Fußball, das Problem ist Argentinien." Erschwerend hinzu komme die Verquickung der radikalen Fan-Szene, den "Barras Bravas", mit der Politik.

Der Mannschaftsbus von Boca Juniors, dem Klub von Diego Maradona, steuerte keine 200 Meter vor dem River-Stadion "Monumental" in eine Menge von River-Ultras, die in einem Ausbruch von Gewalt die Scheiben einwarfen. Die Splitter verletzten mehrere Spieler. Bocas Kapitän Pablo Pérez musste in die Klinik und kam später mit einem dick verbundenen linken Auge zurück.

Gewalt und Fußball gehören in Argentinien untrennbar zusammen. Seit 2013 sind bei den Ligaspielen aller Divisionen keine Auswärtsfans mehr zugelassen. Auch deshalb, weil sich die ewigen Rivalen Boca, der Klub des Volkes, und River Plate, der Verein der Mittel- und Oberschicht, schon immer Scharmützel lieferten.

Schon 2015 wurde ein Duell abgebrochen

Im Libertadores-Wettbewerb 2015 trafen beide Teams schon mal aufeinander. In der Halbzeit des Rückspiels wurden in der "Bonbonera", dem Stadion von Boca, die Spieler der Gastmannschaft mit Pfeffergas von Boca-Fans angegriffen. Das Spiel wurde abgebrochen, River am grünen Tisch zum Sieger erklärt.

Einen solchen Sieg am grünen Tisch fordert Boca-Präsident Daniel Angelici jetzt auch vom südamerikanischen Verband Conmebol. Nur der Unterschied heute: Damals passierte der Vorfall im Stadion, dieses Mal außerhalb. Verantwortlich also ist nicht der Verein, sondern die Stadt Buenos Aires.

Vorfälle wie die vom Samstag passieren in der vierten Liga, in der ersten Liga und eben auch im Finale der Copa Libertadores, die vergleichbar mit der Champions-League ist. Der Endspielsieger sollte eigentlich bei der Klub-WM im Dezember antreten. Im Moment aber ist noch völlig unklar, ob die Conmebol ein Team entsenden kann, weil sich die Verantwortlichen beider Vereine mit dem Fußballverband nicht auf einen neuen Termin und vor allem einen Austragungsort und -modus einigen können. Mögliches neues Datum: 8. Dezember. Mariä Empfängnis.

Die Macht der Barras Bravas

Den Fußball des südamerikanischen Landes dominieren die "Barras Bravas". Diese "Wilden Cliquen" sind in Lateinamerika ein Begriff für Ultra-Fans und gewaltbereite Hooligans. Die Barras und ihr Name entstanden vor Jahrzehnten in Argentinien, von wo aus sich das Phänomen auf ganz Lateinamerika ausbreitete. Nirgends aber sind diese Fanklubs so mächtig wie im Ursprungsland: Viele von ihnen sind in Korruption und illegale Geschäfte verwickelt, manche eng mit der jeweiligen Vereinsführung verbunden, andere verdienen gar an Transfers mit.

Viele Barras unterhalten zudem gute Kontakte bis in die Politik, verdingen sich als Stoß- und Schlägertrupps von Parteien und Politikern, wenn sie nicht gerade in den Stadien die gegnerischen Anhänger vermöbeln. Hunderte von ihnen haben Stadionverbot und sind wegen diverser Vergehen und Verbrechen justizbekannt.

So wurde 24 Stunden vor dem Rückspiel in Buenos Aires die Wohnung von Héctor Godoy, Spitzname "El Caverna" (der Höhlenmensch), durchsucht. Godoy ist Chef der "Borrachos del Tablón", einer der härtesten Hooligan-Gangs von River. Die Fahnder fanden 250 Original-Eintrittskarten und fast acht Millionen Peso (190.000 Euro) in bar.

An Schuldzuweisungen für die "globale Blamage" mangelt es nicht. Staatspräsident Mauricio Macri schiebt die Schuld auf den Bürgermeister von Buenos Aires, Horacio Rodríguez Larreta. Dieser wiederum macht die Barras Bravas verantwortlich. "Vergeigt haben es alle", sagt Luciano Olivero. "Vor allem wir, die wir immer wieder zum Fußball gehen und die wir immer wieder die korrupten Politiker wählen."

Macri, Gastgeber des G20-Gipfels, war zwischen 1995 und 2007 übrigens Präsident von Boca, danach wurde er Bürgermeister von Buenos Aires. Seit drei Jahren ist er Präsident Argentiniens, und sein Land steckt in einer tiefen wirtschaftlichen Krise.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung