Gewalt in Argentinien "Eine globale Blamage"

In Argentinien verdrängt das abgesagte Spitzen-Fußballspiel sogar den G20-Gipfel von den Titelseiten. Alle fragen sich: Wie sollen die überforderten Sicherheitskräfte am Wochenende die Staatschefs schützen?

River-Plate-Fans von der Polizei eskortiert
AFP

River-Plate-Fans von der Polizei eskortiert

Von , Mexiko-Stadt


"Papelón mundial" - unter diesem Sammelbegriff fasst die argentinische Tageszeitung "Clarín" seit dem Wochenende die vielen Berichte zusammen, die sie über das Rückspiel im Finale der Copa Libertadores zwischen den Großclubs Boca Juniors und River Plate aus Buenos Aires veröffentlicht. Eine "globale Blamage" seien die Ereignisse um das Fußballspiel gewesen. Ein Spiel, das nicht angepfiffen wurde, sondern im Steinhagel der River-Plate-Ultras auf den Boca-Mannschaftsbus unterging.

Aus dem, was das "Finale des Jahrhunderts" im Fußball Südamerikas werden sollte, wurde die Erkenntnis, dass die Argentinier nicht einmal in der Lage sind, ein Fußball-Stadt-Derby zu sichern. Wie, so fragen sich die Menschen und Politiker, sollen denn nun am Freitag und Samstag die Staatschefs Donald Trump, Wladimir Putin und Angela Merkel wirksam vor Globalisierungskritikern geschützt werden?

Argentiniens Sicherheitsministerin Patricia Bullrich hatte noch vor dem Spiel getönt: "Wir haben hier den G20-Gipfel, da sollen wir nicht ein Spiel zwischen River und Boca in den Griff bekommen können?" Fakt ist, dass die abgestellten 2000 Polizisten heillos überfordert waren. Tausende Beamte wurden angeblich geschont, damit sie an diesem Wochenende für den Gipfel-Einsatz ausgeruht sind.

Ein Abbild der Gesellschaft

"Der Gipfel interessiert hier im Moment niemanden", sagt der Sportjournalist Luciano Olivero. Die Ausschreitungen um den "Superclásico" seien das dominierende Thema dieser Tage, weil sie ein Abbild der argentinischen Gesellschaft seien. Frustration, Gewalt, Spaltung, Intoleranz und Korruption dominierten den Fußball ebenso wie alle anderen Bereiche des Landes. "Wenn Du nicht meinem Klub oder meiner Partei angehörst, bist Du ein Gegner und ich hasse Dich", sagt der Reporter. "Das Problem ist nicht der Fußball, das Problem ist Argentinien." Erschwerend hinzu komme die Verquickung der radikalen Fan-Szene, den "Barras Bravas", mit der Politik.

Der Mannschaftsbus von Boca Juniors, dem Klub von Diego Maradona, steuerte keine 200 Meter vor dem River-Stadion "Monumental" in eine Menge von River-Ultras, die in einem Ausbruch von Gewalt die Scheiben einwarfen. Die Splitter verletzten mehrere Spieler. Bocas Kapitän Pablo Pérez musste in die Klinik und kam später mit einem dick verbundenen linken Auge zurück.

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Copa Libertadores: Straßenschlacht statt Fußballfest

Gewalt und Fußball gehören in Argentinien untrennbar zusammen. Seit 2013 sind bei den Ligaspielen aller Divisionen keine Auswärtsfans mehr zugelassen. Auch deshalb, weil sich die ewigen Rivalen Boca, der Klub des Volkes, und River Plate, der Verein der Mittel- und Oberschicht, schon immer Scharmützel lieferten.

Schon 2015 wurde ein Duell abgebrochen

Im Libertadores-Wettbewerb 2015 trafen beide Teams schon mal aufeinander. In der Halbzeit des Rückspiels wurden in der "Bonbonera", dem Stadion von Boca, die Spieler der Gastmannschaft mit Pfeffergas von Boca-Fans angegriffen. Das Spiel wurde abgebrochen, River am grünen Tisch zum Sieger erklärt.

Einen solchen Sieg am grünen Tisch fordert Boca-Präsident Daniel Angelici jetzt auch vom südamerikanischen Verband Conmebol. Nur der Unterschied heute: Damals passierte der Vorfall im Stadion, dieses Mal außerhalb. Verantwortlich also ist nicht der Verein, sondern die Stadt Buenos Aires.

River-Plate-Fans vor dem Stadion Monumental
AFP

River-Plate-Fans vor dem Stadion Monumental

Vorfälle wie die vom Samstag passieren in der vierten Liga, in der ersten Liga und eben auch im Finale der Copa Libertadores, die vergleichbar mit der Champions-League ist. Der Endspielsieger sollte eigentlich bei der Klub-WM im Dezember antreten. Im Moment aber ist noch völlig unklar, ob die Conmebol ein Team entsenden kann, weil sich die Verantwortlichen beider Vereine mit dem Fußballverband nicht auf einen neuen Termin und vor allem einen Austragungsort und -modus einigen können. Mögliches neues Datum: 8. Dezember. Mariä Empfängnis.

Die Macht der Barras Bravas

Den Fußball des südamerikanischen Landes dominieren die "Barras Bravas". Diese "Wilden Cliquen" sind in Lateinamerika ein Begriff für Ultra-Fans und gewaltbereite Hooligans. Die Barras und ihr Name entstanden vor Jahrzehnten in Argentinien, von wo aus sich das Phänomen auf ganz Lateinamerika ausbreitete. Nirgends aber sind diese Fanklubs so mächtig wie im Ursprungsland: Viele von ihnen sind in Korruption und illegale Geschäfte verwickelt, manche eng mit der jeweiligen Vereinsführung verbunden, andere verdienen gar an Transfers mit.

Viele Barras unterhalten zudem gute Kontakte bis in die Politik, verdingen sich als Stoß- und Schlägertrupps von Parteien und Politikern, wenn sie nicht gerade in den Stadien die gegnerischen Anhänger vermöbeln. Hunderte von ihnen haben Stadionverbot und sind wegen diverser Vergehen und Verbrechen justizbekannt.

So wurde 24 Stunden vor dem Rückspiel in Buenos Aires die Wohnung von Héctor Godoy, Spitzname "El Caverna" (der Höhlenmensch), durchsucht. Godoy ist Chef der "Borrachos del Tablón", einer der härtesten Hooligan-Gangs von River. Die Fahnder fanden 250 Original-Eintrittskarten und fast acht Millionen Peso (190.000 Euro) in bar.

An Schuldzuweisungen für die "globale Blamage" mangelt es nicht. Staatspräsident Mauricio Macri schiebt die Schuld auf den Bürgermeister von Buenos Aires, Horacio Rodríguez Larreta. Dieser wiederum macht die Barras Bravas verantwortlich. "Vergeigt haben es alle", sagt Luciano Olivero. "Vor allem wir, die wir immer wieder zum Fußball gehen und die wir immer wieder die korrupten Politiker wählen."

Macri, Gastgeber des G20-Gipfels, war zwischen 1995 und 2007 übrigens Präsident von Boca, danach wurde er Bürgermeister von Buenos Aires. Seit drei Jahren ist er Präsident Argentiniens, und sein Land steckt in einer tiefen wirtschaftlichen Krise.



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Kritischer Geist III 27.11.2018
1. tut mir leid aber..
" Alle fragen sich: Wie sollen die überforderten Sicherheitskräfte am Wochenende die Staatschefs schützen?" Ich glaube nicht, das sich das "Alle" Fragen. Ein Grossteil der Bevoelkerung dort, werden die Witzfiguren, sowas von egal sein.... Aber sowas, sowas von...
Giotti 27.11.2018
2. Nichts neues aus diesem Land...
Ich bin in Argentinien geboren und aufgewachsen als Enkel deutscher Auswanderer (vor dem 2. Weltkrieg!). Ich bin aus dem Land weggezogen aus dem selben Grund das hier geschildert wird: Gewalt! Die argentinische Gesellschaft ist von Gründaus korrupt, intolerant und gewalttätig. Viele versuchen sicherlich Mitgefühl oder einen Grund für diese Gewalt zu finden und sagen sicherlich, dass es wegen der Armut ist. Ich kann jedem erklären, dass es grundsätzlich mit der Denke der Gesellschaft zu tun hat. Wenn man vom Grund auf korrupt ist und jede Gelegenheit nutzt einem anderen zu unterdrücken, dann kann eine Gesellschaft nicht besser werden. Und es gibt keine Moderation, es ist einfach nur "wir gegen die", was anderes gibt es nicht. Klar, ein paar Ausnahmen gibt es, aber jeder, der es auf ehrliche Weise weiter bringen will, geht aus dem Land. Das kann ich bestätigen. Und jetzt soll dieses Land das G20 Gipfel beherbergen? Hm.... Übrigens, sollte dieses Spiel an einem neutralem Ort ausgespielt werden, sonst wird es keine Ruhe geben...
Bene_Lux 27.11.2018
3. Vermischung verschiedener Begriffe
Da ich im September 2018 für einige Wochen in Buenos Aires weilte und zahlreiche Fußballspiele besuchte, hab ich mit großem Interesse diesen Artikel gelesen. Leider werden wie sooft, wenn Autoren mit eher weniger umfangreichen Kenntnissen von Fankultur Texte schreiben, eine Vielzahl von unterschiedlichen Begriffen vermischt und als Synonym verwendet. Im vorliegenden Artikel verwundert das insofern, dass der Autor eindeutig Barra Bravas als die führenden Fangruppen in den argentinischen Stadien identifiziert. Dahingehend ist es unverständlich, warum bei den Angreifern auf den Mannschaftsbus von Boca von "River-Ultras" gesprochen wird. Ebenso kann ich nicht nachvollziehen, warum die Borrachos del Tablón als "Hooligan-Gang" bezeichnet wird, anstatt korrketerweise als die führende Barra Brava von River. Wenn schon Barra Bravas definiert werden, verwendet man doch dann bitte auch diesen Begriff anstatt die Fangruppe wahlweise als "Ultras" oder "Hooligans" zu bezeichnen. Diese Klassifizierung mag zwar in Europa zutreffen, nicht jedoch in Argentinien, Barra Bravas sind ein eigenständiges und vielschichtiges Konstrukt, gerade auch die Verstrickung in die Politik, Korruption, organisiertes Vebrechen unterscheidet sich deutlich von Ultragruppen in Europa und sorgt bei weniger informierten Lesern für falsche Vergleiche und Schlussfolgerungen. PS: Das Stadion von Boca heißt "Bombonera".
Nonvaio01 27.11.2018
4. das spiel absagen
und 2-0 werten. Ende der diskusion. G20, es wird wie immer. Politiker werden sich treffen und die ausbeutung der ARmen und mittelschicht planen. Einge werden demonstrien, dann aber mit brutaler Polizei gewallt weggepruegelt wie auf jedem G20 Gipfel. das die Buerger diese Gipfel nicht wollen ist unwichtig, schliesslich sind Politiker ja nur da um den Buergen zu dienen.
bicyclerepairmen 27.11.2018
5. ..unterscheidet sich deutlich von Ultragruppen in Europa und sorgt...
Stimmt doch nicht ! In Italien, Osteuropa aber auch anderswo sind die Gewattätergruppen ( aka Ultras ) im Fußball sehr wohl unterwandert, teils politisch oder von der hiesigen OK. Auch wenn das einige "Fans" immer rosarot einfärben. @Giotti - ist aber ein Problem welches zum Bsp. im Nachbarland Brasilien ähnlich ist. Eine zivilpolitische Teilhabe aller/vieler ist aufgrund mangelner Toleranz gegenüber den Anderen in fast allen Gesellschaftsschichten kaum möglich. Nachher wird dann immer rumgeheult und keiner will wahrhaben warum dann Knaller wie Bolsonaro, also der grösste Zuträger der Kleptokraten das sagen haben.....
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