Gängelung durch Fifa Funktionäre sorgen für Frust

Einfallsreich sind die Herren von der Fifa ja. Bei der WM ist alles geregelt. Viele Fußballfans fühlen sich aber dadurch eingeschränkt. Sie hegen großes Misstrauen. Anderswo ist die Genervtheit ebenfalls groß.
Von René Martens, Holger Gertz und Matthias Greulich

Andreas Kroll ist ein auf Harmonie ausgerichteter Mensch und freut sich auf die WM. Auf die Fifa ist der Chef der Verwaltungsgesellschaft „In Stuttgart“ trotzdem nicht gut zu sprechen. Die Porsche-Arena, die bis zum Mai fertig gestellt werden soll und für die er zuständig ist, steht in der „erweiterten werbefreien Zone“ des Gottlieb-Daimler-Stadions. Deshalb besteht die Fifa darauf, dass der Schriftzug mit dem Auto-Namen während des Turniers abmontiert oder abgedeckt wird, einer der Hauptsponsoren ist schließlich der Porsche-Konkurrent Hyundai. Dagegen wehrt sich Kroll: „Wir lassen uns nicht von der Fifa demontieren.“

Der Nike-Konzern, populärster Anlieger des Frankfurter WM-Stadions, kennt solche Probleme. Während des Confederations Cups musste das Unternehmen auf einem Bauschild ein Foto austauschen, weil es Ronaldo mit dem WM-Pokal zeigte. „Der Pokal ist Eigentum des Weltverbandes, der sich auf sein Eigentumsrecht berief“, sagt Nike-Sprecher Olaf Markhoff. Für die WM habe man, „auf Veranlassung der Fifa“, mit der Stadion GmbH „vereinbart, kein Firmenlogo am Gebäude anzubringen“. Olaf Markhoff geht aber davon aus, „dass wir Nike-Schuhe tragen dürfen, wenn wir ins Büro kommen“.

Der Nike-Mann spielt damit auf die Gerüchte an, Stadienbesucher dürften während der WM keine Clubtrikots tragen, deren Embleme Markenrechte der Fifa-Sponsoren verletzen. Ein Horrorszenario: erst das unwürdige Ticket-Vergabesystem überstehen und dann nur wenige Meter vor dem Ziel wegen des verkehrten Hemds scheitern. OK-Vizepräsident Wolfgang Niersbach betont aber: „Diese Meldungen sind falsch. In Köln kommt man mit dem FC-Trikot inklusive Sponsor-Logo genauso ins Stadion wie mit dem HSV-Trikot in Hamburg.“ Man werde jedoch „einschreiten, wenn Nicht-WM-Partner mithilfe von Besucheroutfits Choreographien inszenieren, durch die plötzlich ein Firmenlogo entsteht“.

Unter der allgemeinen Regulierungswut haben auch soziale Projekte zu leiden, wie zum Beispiel das von der Behörde für Arbeit, Jugend und Soziales getragene Fan-Office in Hamburg, das einen kostenlosen „Fan-Guide“ in einer Auflage von 400.000 Stück herausbringt und ein Turnier für sozial benachteiligte Jugendliche organisiert. In beiden Fällen gab sich die Fifa bisher hartherzig: Als Sponsoren dürfen nur ihre Partner in Erscheinung treten – oder Firmen aus Nicht-Wettbewerber-Branchen. Doch ein Sponsor, der bei der WM schon mit 40 Millionen Euro dabei ist, macht die Kaffeekasse nicht mehr auf, um ein lokales Jugendturnier zu unterstützen.

Der „Fan-Guide“ der Hamburger soll zudem nach Willen der Fifa keine Spielpläne enthalten – die Order begründen die Autokraten aus Zürich damit, dass man sonst einen Exklusivvertrag mit einer Bertelsmann-Firma verletzen würde. Die Fan-Officer suchten sich deshalb juristischen Rat. Es sei „bezeichnend, dass jemand, der Aktionen für Kinder und Jugendliche, für die wirklich WM-Begeisterten, organisiert, sich für den Umgang mit der Fifa einen Anwalt nehmen muss“, sagt Mitarbeiter Michael Thomsen.

Deutsche Fußballfans: Methadonprogramm für WM-Pilger

Deutsche Fußballfans: Methadonprogramm für WM-Pilger

Foto: Getty Images


Serviceangebote sind für die Office-Leute zentraler Bestandteil ihrer gesamten WM-Arbeit. Denn: „Service und Atmosphäre generieren Sicherheit“, sagt Thomsens Kollege Frank Steiner. Die Zahl der WM-Besucher, die mit der Intention, Krawall zu machen, anreisten, liege unter einem Prozent, „den anderen mehr als 99 Prozent muss man das Gefühl geben, dass sie willkommen sind“ – dann bestehe keine Gefahr, dass sich Teile der Mehrheit von Hooligans „mitziehen“ ließen. Das friedliebende Spektrum ist breit, sogar WM-OK-Vize Horst R. Schmidt sagt: „In einer freundschaftlichen, friedlichen Atmosphäre verhalten sich auch gewaltbereite Fans friedlich.“

Doch in diesem Sommer wird das Bild auf den Straßen nicht nur von bunt bemalten Fans bestimmt, sondern auch von uniform Gekleideten. Ob der öffentliche Raum dann so friedlich wahrgenommen werden wird, ist fraglich. Politiker debattieren darüber, die Bundeswehr während der WM einzusetzen, die Polizeibeamten haben Urlaubssperre und der Bundesverband Deutscher Wach- und Sicherheitsunternehmen jubiliert schon jetzt. Allein die Firmen, die mit dem OK Verträge abgeschlossen haben, würden während der WM „10.000 bis 12.000 Sicherheitskräfte“ einsetzen, um Stadien und Team-Unterkünfte zu sichern, heißt es.

Amtliche Riesenfeiern in den zwölf WM-Städten

In dieser Kalkulation sind jedoch die Aufträge für Public-Viewing-Events noch nicht mitgerechnet, weil ihre Zahl noch nicht zu überblicken ist. Sicher ist: An jedem der zwölf Austragungsorte finden quasi amtliche Riesenfeiern statt, die möglicherweise mehr WM-Flair versprühen als die Atmosphäre in den Stadien, bei denen es aufgrund der Ticketpolitik eher ruhig zugehen dürfte. Dennoch: Ums Fußballgucken geht es bei diesem Methadonprogramm für WM-Pilger wohl nur am Rande. Auf dem Hamburger Heiligengeistfeld steht beispielsweise eine 70-Quadratmeter-Leinwand – wie in einem Multiplex-Saal. Mit dem Unterschied, dass dort nicht 55.000 Fans etwas sehen wollen.

Wer sich auf dem Oktoberfest in München oder dem Hafengeburtstag in Hamburg pudelwohl fühlt, darf sich auf die Feten freuen. Für feinfühlige Gemüter sind sie indes nicht konzipiert. Jenseits der Fifa-Fanfeste gibt es noch andere Public-Viewing-Konzepte: Die Südkurve Deutschland GmbH baut in 16 Nichtaustragungsstädten Retortenstadien auf, die zwischen 1200 und 4500 Fans fassen. Die Machtverhältnisse im Stadion werden auf niedrigerem Level kopiert – auch hier gibt es VIP-Zonen, nur sind die Gäste nicht ganz so wichtig. Der Kurierdienst DHL hat bereits 8000 „Incentive-Pakete“ für Kunden und Mitarbeiter gekauft. Zum Rahmenprogramm gehören „Video-Live-Schaltungen“ an andere Standorte – damit der Paketbote aus Halle dem Paketboten aus Erlangen zuwinken kann.

Lesen Sie morgen im dritten und letzten Teil der WM-Serie, wer den Fifa-Großkopferten Widerstand leistet.

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