Gedenkfeier in Hannover Nationalelf erweist Enke die letzte Ehre

Gedenken an einen Freund und Kollegen: Alle Spieler, Funktionäre und Betreuer des Nationalteams nehmen am Sonntag an der Trauerfeier für Robert Enke teil. Weggefährten fordern nach seinem Selbstmord ein Umdenken im Profifußball. Der Torhüter wird im privaten Kreis beerdigt werden.
Bierhoff, Löw und Ballack bei Trauerandacht: Komplettes Team kommt zur Gedenkfeier

Bierhoff, Löw und Ballack bei Trauerandacht: Komplettes Team kommt zur Gedenkfeier

Foto: Pool/ Getty Images

Hamburg - Bundestrainer Joachim Löw wird mit allen Spielern und dem gesamten Betreuerstab der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am Sonntag an der Gedenkfeier für Robert Enke in Hannover teilnehmen. Anschließend wird der DFB-Tross nach Düsseldorf weiterreisen, um sich dort auf das drei Tage später in Gelsenkirchen stattfindende Länderspiel gegen die Elfenbeinküste vorzubereiten. Das bestätigte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Donnerstag.

Enke soll nach der Trauerfeier in seinem Wohnort bei Neustadt am Rübenberge beigesetzt werden. Das teilte Andreas Kuhnt, Sprecher von Hannover 96, am Donnerstag mit. Die Beerdigung werde im privaten Kreis stattfinden.

In Hannover wird unterdessen auch über eine mögliche Absage des nächsten Bundesliga-Spiels von 96 am 21. November bei Schalke 04 nachgedacht: "Wir überlegen in der Tat, mal zu schauen, wie die Mannschaft am kommenden Montag, Dienstag reagiert, wenn wir ins reguläre Training wieder einsteigen. Ob sie überhaupt in der Lage ist, ein Bundesliga-Spiel zu absolvieren. Das müssen wir nächste Woche beobachten", sagte Club-Sprecher Kuhnt beim TV-Sender N24.

"Und dann müssen wir auch mal schauen, ob es nicht vielleicht tatsächlich Sinn machen würde, dieses Spiel bei Schalke 04 ausfallen zu lassen. Ich denke, die Kollegen hätten Verständnis dafür", sagte Kuhnt. Die Profis trainieren derzeit nur individuell. Abgesagt sind bereits alle Spiele der Jugendmannschaften für das kommende Wochenende. Über eine Verlegung der Bundesliga-Partie müsste die Deutsche Fußball-Liga (DFL) entscheiden.

"Mit Gehalt, Status, Star nichts zu tun - sie haben einen Freund verloren"

Für Bundestrainer Joachim Löw kam eine Austragung der für diesen Samstag in Köln geplanten Partie gegen Chile nach dem erschütternden Selbstmord von Nationaltorhüter Enke unter keinen Umständen in Frage. "Niemand fühlt sich in der Lage, in dieser Situation einfach zur Tagesordnung überzugehen", sagte der 49-Jährige. Löw hatte gemeinsam mit einer DFB-Abordnung um Präsident Theo Zwanziger, Generalsekretär Wolfgang Niersbach, Teammanager Oliver Bierhoff und Kapitän Ballack am Mittwochabend an einem Gedenkgottesdienst für Enke in Hannover teilgenommen.

DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach erinnerte ebenfalls an die "persönliche Betroffenheit" der Nationalspieler: "Das sind keine eiskalten Millionäre, die Nationalspieler geworden sind. Das hat mit Gehalt, Status, Star nichts zu tun - sie haben einen Freund verloren", sagte Niersbach am Donnerstag. Der Selbstmord Enkes habe die Kollegen innerlich aufgewühlt. "Jeder hat sich gefragt, hast du etwas verpasst", schilderte Niersbach die tiefe Erschütterung im Team.

"Wir haben eine Aufgabe gestellt bekommen von Robert"

Als Verband habe man die Spielunfähigkeit der Akteure "tausendprozentig respektiert", auch wenn dem DFB durch die Absage des Freundschaftsspiels nach dpa-Informationen rund fünf Millionen Euro an Einnahmen entgehen. "Aber Geld spielt keine Rolle, wir wollen auch gar nicht über den wirtschaftlichen Aspekt sprechen", sagte Niersbach.

Ein Umdenken im Profifußball regen jetzt Weggefährten Enkes an: "Die Tragödie gibt Anlass, über bestimmte Dinge nachzudenken, die in dem Geschäft üblich sind und hingenommen werden", sagte der Sportdirektor von Hannover 96, Jörg Schmadtke, in einem Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk. "Wir haben eine Aufgabe gestellt bekommen von Robert, über die sollten wir nachdenken". In der RTL-Sendung "Stern TV" fügte Schmadtke am Mittwochabend hinzu: "Wir müssen uns mit der Thematik befassen, was die Betreuung junger Menschen angeht."

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Tod von Robert Enke: Anteilnahme von Barcelona bis Jena

Schmadtke bestätigte erneut, dass niemand bei Hannover 96 von Enkes Erkrankung gewusst habe: "Robert hat eine perfekte Rolle gespielt, er hat die Öffentlichkeit perfekt getäuscht.(...) Dadurch hat er uns die Möglichkeit genommen, ihm zu helfen", so der frühere Keeper. Enkes langjähriger Torwarttrainer Jörg Sievers machte deutlich, wie groß das Tabu nach wie vor ist, eine psychische Erkrankung öffentlich zu thematisieren: "Depression wird sicher irgendwo als Schwäche ausgelegt."

Enkes Tod hat auch andere Bundesligisten für das bisher im Spitzenfußball gemiedene Thema Depressionen sensibilisiert. Werder Bremens Trainer Thomas Schaaf sagte: "Unser Bild in der Öffentlichkeit ist so, dass wir immer stark sein müssen, für Schwäche ist in dieser Gesellschaft kein Platz." Verlangt würden "Stärke, Tatkraft, Überzeugung - das sind Kennzeichen, die unser Metier bestimmen", sagte Schaaf. Der Trainer, seit 31 Jahren im Profi-Fußball, ist sich der Verantwortung in den kommenden Wochen bewusst: "Wir sollten das Thema bearbeiten, wir müssen darüber sprechen."

Nach Bremer Medienberichten richtete Schaaf vor dem Training am Mittwoch einen eindringlichen Appell an seine Spieler: "Scheut euch nicht, jemandem zu helfen! Scheut euch nicht, Hilfe zu suchen! Achtet aufeinander!"

VDV regt die intensivere Einbindung von Psychologen an

Mehr psychologische Unterstützung für Spieler mahnte die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) an. VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky sagte am Mittwoch im Deutschlandradio Kultur, die Vereine als Arbeitgeber müssten den Spielern zur Seite stehen und Angebote schaffen. Er lobte Clubs wie Bayern München und den VfL Bochum, die bereits Psychologen beschäftigten. "Es gibt schon gute Beispiele von Clubs (...), die sich öffnen für so eine Thematik. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn weitere Maßnahmen folgen würden - wie auch immer dann geartet."

Eine Schweigeminute werden die U-21-Mannschaften des DFB und Nordirlands vor ihrem EM-Qualifikationsspiel in Belfast einlegen. Außerdem wird das DFB-Team am Freitag in Belfast mit Trauerflor auflaufen. "Unser ganzes Mitgefühl ist bei der Frau und der Familie von Robert Enke, seinen Freunden und Angehörigen und bei unseren Kollegen der Nationalmannschaft", sagte Rainer Adrion. Der DFB-Trainer hatte am Mittwoch eine Trainingseinheit abgesagt, um seinen Spielern Zeit zum Trauern zu geben.

fsc/dpa/AP

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