Geliebte Fußball-Clubs Eintracht - bis zum Tod

Eintracht Frankfurt, was für ein Club! Die Liste der miesen Trainer ist lang, die Umgangsformen der Hessen mitunter bizarr, jetzt spielt der Verein mal wieder gegen den Abstieg. Doch einen echten Fan schreckt das nicht.
Von Jan Wigger

Ich glaube nicht an viele Dinge auf dieser Welt, doch es gibt da etwas, an das glaube ich ganz bestimmt: Der Japaner Naohiro Takahara ist ein genialer Fußballer.

Wie er die Bälle magnetähnlich aus der Luft annimmt, um sie meist pfeilgerade im Eck zu versenken, wie er prekäre Spielsituationen antizipiert und als verlässlicher Vorbereiter agiert – das machen ihm nur ganz wenige nach. Ich glaube aber nicht nur an Naohiro Takahara, sondern auch an meinen Verein, der ebenfalls unverwechselbar ist.

Denn bei ihm passierten schon immer mehr lustige, traurige, halbseidene und sonderbare Dinge als in den langweiligen anderen Bundesliga-Clubs: Der schludrige Stratege Maurizio Gaudino wurde einmal direkt im Anschluss an Gottschalks Late Night Show verhaftet, Manager Wolfgang "Scheppe" Kraus wurde Ende der Achtziger verabschiedet, indem man die Kündigung einfach durch das offene Toilettenfenster seines Hauses warf. Sogar den Rekord an erbarmungswürdigen Übungsleitern dürfte die Eintracht halten: Jupp Heynckes, Reinhold Fanz, Pal Csernai oder den Schweizer Martin Andermatt, bei dessen geflüsterten Spielanalysen ich postwendend einschlief, konnte man sich in dieser Fülle nur am Riederwald leisten. An Autoschiebereien, Finanz-Chaos und drohenden Konkurs erinnert heute nur noch das ulkige Verbrechergesicht von Stürmer Marcel Heller.

Obskure Persönlichkeiten bietet das heutige Team trotzdem noch genügend: Torwart Markus Pröll, Elfmeterkiller mit rätselhaften Schulter- und Rippenverletzungen, die er sich scheinbar im Fitness-Studio beim Hanteln-Stemmen zuzieht. Oder Innenverteidiger Sotirios Kyrgiakos, Grobmotoriker, Kopfball-Ungeheuer und zwischenzeitlich einfacher Arbeiter auf dem Bauernhof seines Vaters in Griechenland, der von halbinformierten "Arena"-Kommentatoren fortwährend als Abwehrspieler "Internationaler Klasse" bezeichnet wird. Vermutlich, weil er Grieche ist.

Dann gibt es noch Linksverteidiger Christoph Spycher, der aussieht wie der junge Brian Wilson. Und Alex Meier, kopfhängerisches Phantom und Master of Phlegma: Von Kreisklasse bis Weltklasse ist alles bei ihm drin. Der großartige Albert Streit: absolut unverzichtbar, königlich bei Standards. Und auch wenn Trainer Friedhelm Funkel gebetsmühlenartig so lange verkündete, sein junges Team spiele "nur um den Klassenerhalt", bis es das als Teil einer self-fulfilling-prophecy wirklich tat, steht eines fest: Die glorreiche SG Eintracht Frankfurt darf nicht absteigen!

Denn kennen Sie eine Mannschaft, die wie auf Knopfdruck Last-Second-Auf- bzw. Nicht-Abstiege bewerkstelligt hätte? Und das am jeweils letzten Spieltag wie das 5:1 gegen den Bauernclub 1.FC Kaiserslautern 1999 oder das 6:3 gegen den SSV Reutlingen 2003 (Unvergessen: Der herrlich bitterlich weinende Jürgen Klopp auf dem Mainzer Rathausmarkt!).

Gab es sonstwo einen Trainingsleiter, der während der entscheidenden Spiele in einem Container residierte wie Willi Reimann oder einen dem Okkultismus verfallenen Coach wie Horst Ehrmantraut, der seinen Co-Trainer Bernhard Lippert aus der Kabine schickte, weil er angeblich "negative Energien" ausstrahlte? Einen größenwahnsinnigen, bereits in der Versenkung verschwundenen Klaus Toppmöller, der den Frankfurter Adler in Lebensform in die Kabine brachte und an seinem "Bye, Bye, Bayern!" letztlich erstickte? Den sympathischen Leichtathleten Cha Du-Ri, den man nur versehentlich auf einen Fußballplatz gestellt hatte? Den Bodybuilder Torsten Legat ("Unsere Chancen stehen 70:50"), der im wirklichen Leben Universitäts-Professor war?

Ich erinnere mich noch, wie ich, längst ein "Zeuge Yeboahs", Ende 1993 bei einem heute undenkbaren 0:3 gegen Borussia Mönchengladbach bei minus zwölf Grad Celsius im Waldstadion in der Gegengerade stand (meine Oma hatte mir heimlich das Geld für die Zugfahrt zugesteckt) und an den vereinzelten Verbrennungsritualen von Eintracht-Schals- oder Trikots nicht teilnehmen wollte: Die Mannschaft tat mir so leid. An diesem Tag im November gabelten sich auch die Wege zweier Schulfreunde: Ich besuchte weiter jedes Heimspiel und ließ mich demütigen, mein Weggefährte wurde selbständig und wohlhabend und las die Ergebnisse nur noch im Videotext nach. Die Eintracht wird die Liga halten, und ich werde Eintracht-Fan bleiben bis zu meinem Tod. Selbst dann, wenn Jupp "Osram" Heynckes noch einmal in der Nähe des Riederwalds gesichtet werden sollte.