Geliebter BVB Schuld ist nur der Hans Tilkowski

Der Ruhrpott der Fünfziger und Sechziger: Für einen Bergarbeitersohn kamen nur zwei Clubs in Frage: Dortmund oder Schalke. Am Ende entschied sich Edgar Klüsener für die Borussia. Den Ausschlag gab ein Autogramm vom Nationaltorwart.


Es sind zwei Farben, die das Leben prägen. Wenn einer aus dem Ruhrgebiet kommt und in den Fünfzigern und Sechzigern in Herne und Hagen aufgewachsen ist, hat er eigentlich nur zwei Möglichkeiten, seine Gunst zu verschenken: entweder an die Borussia aus Dortmund oder an die Schalker Knappen. Dass es bei mir am Ende die Borussia war, lag allerdings ganz allein an Hans Tilkowski.

BVB-Ikone Tilkowski: Durch dick und dünn
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BVB-Ikone Tilkowski: Durch dick und dünn

Gut, in Herne gab's natürlich noch die Westfalia und den SV Sodingen. Erstere war der Verein für die Bürgerlichen und kam für einen Bergarbeitersohn wie mich natürlich nicht in Frage. Dann schon eher Sodingen, eng verbunden mit der Zeche Mont Cenis, auf der auch mein Vater gearbeitet hatte. Nur sank der Stern des SV nach der spektakulären Saison 1954/1955, in der er tatsächlich um die westdeutsche Meisterschaft mitspielte, am Ende aber doch nur Dritter wurde, ziemlich schnell.

1961 zogen wir von Herne nach Hagen, mein Vater wurde vom Bergmann zum Stahlarbeiter und beobachtete den weiteren Abstieg des SV Sodingen nur noch mit mäßigem Interesse. Wohl auch, weil Dortmund nur drei Bahnstationen weit entfernt lag und stattdessen der BVB immer mehr in den Vordergrund rückte.

Mich selbst ließ die oberste Liga in den frühen Sechzigern ziemlich kalt. Viel interessanter war das Geschehen in der E-Jugendliga in Hagen, in der ich mittlerweile als linker Verteidiger der SG Vorhalle 09 spielte. Die meisten meiner Mitspieler waren Schalke-Fans, weswegen ich irgendwie notgedrungen auch ein bisschen auf die 04er stand. Zuhause verfolgten wir die Partien im Radio. Mein Vater fieberte bei Dortmund-Spielen mit, ich verfolgte beide, Schalke und den BVB, mit eher vagem Interesse.

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Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
Dann trat Hans Tilkowski in mein Leben. 1966 war das, ich spielte mittlerweile in der D-Jugend, und im fernen England stand die Weltmeisterschaft kurz bevor. Zum Geburtstag hatte ich ein Aral-WM-Sammelalbum bekommen, in das ich seitdem fleißig Bilder von Nationalspielern einklebte. Helmut Haller, Franz Beckenbauer und wie sie alle hießen. Dann kam eines Tages mein Vater nach Hause und brachte ein Foto von Hans Tilkowski mit, das dieser signiert hatte. Mein erstes Autogramm. Vom Nationaltorhüter. Für einen elfjährigen Stöpsel aus einem der Arbeitervororte Hagens.

Damit hatte Tilkowski bei mir gewonnen. Von da an verfolgte ich seinen fußballerischen Werdegang intensiv und wurde beinahe zwangsläufig Dortmund-Fan. Meinen Mannschaftskollegen in der Vorhaller D-Jugend hatte ich einiges zu erklären. Einige Balgereien später war die mannschaftsinterne Atmosphäre aber wieder rein und meine neue Liebe zur Borussia akzeptiert.

1966 erlebten wir einen Höhenflug - Vizemeister! Viel wichtiger aber war das 2:1 gegen Liverpool im Glasgower Hampden Park, das den BVB zum ersten deutschen Europapokalsieger überhaupt machte. Stan Libuda schoss mit seinem Siegtreffer in der 106. Minute Dortmund an die Spitze Europas. Die Borussen-Welt war rosig, aber leider nicht lange.

Auf den europäischen Höhenflug folgte ein langsamer und schmerzhafter Niedergang, der schon in dem Jahr einsetzte, in dem ich - Hans Tilkowski sei noch einmal Dank! - meine Liebe für die Borussia entdeckt hatte. 1966 schied sie bereits in der ersten Runde des Europapokals gegen die Glasgow Rangers aus. Die folgenden Jahre beschreibt am besten ein Hildegard-Knef-Zitat: "Von nun an ging's bergab".

1972 landete die Borussia in der Regionalliga West (damals die zweithöchste Spielklasse). Die meisten der alten Helden waren längst nicht mehr dabei. Lothar Emmerich war verkauft worden, und Tilkowksi war bereits 1967 gen Frankfurt gezogen. Da hatte ich aber mein Herz schon an Dortmund verloren. Zwar verfolgte ich dann die Spiele der Eintracht, aber nur Tilkowskis wegen, und daher auch nur bis 1969 (da beendete der Keeper seine Karriere).

Ansonsten litt ich weiter mit dem BVB. Dortmund schien auf dem besten Wege, das Schicksal anderer Traditionsvereine wie Westfalia Herne oder SV Sodingen zu teilen. Ich hielt weiter zu meinem Club. Manche meiner Mannschaftskollegen in der A-Jugend der SG Vorhalle 09 hielten mich deswegen wohl auch für ein bisschen merkwürdig.

Immerhin, ich stand nicht allein. Als die Borussia 1974, immer noch zweitklassig, ins nagelneue Westfalenstadion umzog, kamen tatsächlich im Schnitt rund 25.000 Zuschauer zu den Spielen. Der Wiederaufstieg gelang 1976. In der Saison 1985/1986 wäre Dortmund freilich beinahe wieder abgestiegen: In der Relegation gegen den Zweitliga-Dritten Fortuna Köln konnte sich der BVB retten (0:2, 3:1 und 8:0).

In den Neunzigern folgte eine neue Glanzzeit, der BVB wurde zweimal Meister (1995/1996) und gewann 1997 die Champions League (im gleichen Jahr holte ein anderer Club aus dem Ruhrpott den Uefa-Cup). Dann kam wieder die Knef ins Spiel - es ging bergab und die Borussia fast pleite. Dennoch: Für mich gibt es bis heute keine Alternative zum BVB.

Schuld daran ist nur einer: Hans Tilkowski. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, hätte er nicht diese Bildkarte signiert. Womöglich gar ein Schalke-Fan.



insgesamt 1787 Beiträge
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Seite 1
chefstratege, 20.06.2007
1. Schalke ist meine Weltanschauung
Schalke 04, und zwar völlig unabhängig vom momentanen sportlichen Erfolg. Schalkes Ex-Präsident Günter "Oskar" Siebert sagte einmal zutreffend: "Das Herz von Schalke schlägt in der Brust seiner Anhänger". Ich darf mich dazu zählen, ich habe auf Schalke zeitweise mein Herz und gelegentlich auch Teile meines Verstandes verloren. Mit dem Verstand ist Schalke ohnehin nicht zu fassen. Nirgendwo sonst in Deutschland herrscht soch eine unbändige Fußballbegeisterung, solche eine fanatische Hingabe und solch besessene Vereinstreue. Es gibt keinen Verein, der auch über die lokalen Grenzen hinaus (ich selbst komme auch nicht auch Gelsenkirchen) so viel Gefühl vermittelt und so viele Emotionen hervorruft. Schalke, das ist eben mehr als "nur" ein Fußballverein, eine Art (Fußball-)Weltanschauung, auch für mich!
Klo, 20.06.2007
2.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
SG Calvörde
king.woita 20.06.2007
3.
Einmal Löwe - Immer Löwe München ist Blau
Umberto, 20.06.2007
4.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Stade Français, weil dort das beste Rugby in meiner "Nähe" gespielt wird.
Carsten31 20.06.2007
5.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Falsche Fragestellung. Ein Fan entscheidet sich nicht bewusst für einen Verein. Das ist dem Verlieben sehr ähnlich. Wer sagt schon "Ach, heute verliebe ich mich mal"? :o) Ausserdem kommt der Aspekt der frühkindlichen Prägung noch dazu. Vati/Onkel/Opa etc. schleppt den Kurzen mit ins Stadion und schon ist es geschehen! Momentan arbeite ich mich persönlich an dem Sohn eines Kumpels ab. Trikot hat er schon, jetzt wird ungeduldig gewartet, ihn das erstemal ins Stadion mitnehmne zu können. Der muss früh geimpft werden, damit er sich nicht in die falsche Mannschaft verliebt. Mit einer italienischen Mutter besteht zudem die Gefahr, sich für eine komplett falsche Liga zu erwärmen!!! :o)
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