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25. Juni 2007, 13:10 Uhr

Geliebter Club

Wolfsburg braucht kein Mensch - aber ich

Es gibt Fußballclubs, auf die können sich fast alle einigen. Zum Beispiel Real Madrid oder Mainz 05. Peter Unfried aber muss leiden. Mitmenschen verspotten ihn, sie lachen ihn aus und wenden sich von ihm ab. Und das alles nur, weil er zum VfL Wolfsburg hält.

I. Das ist die Stelle, die ich bei Gesprächen so liebe. Wenn sie fragen: "Und? Für welche Mannschaft bist du denn so?" Ich antworte dann so beiläufig wie möglich: "Mein Interesse gilt dem VfL Wolfsburg." Dann tritt eine kurze Pause ein. Besser gesagt: Absolute Stille. Wenn sie sich wieder gefasst haben, sagen sie: "Ach, du kommst aus Wolfsburg?" Ich: "Nein." Und sie – ich merke, das ist jetzt das letzte Angebot, das sie mir machen: "Aber du hast mal in Wolfsburg gelebt?" Und ich: "Nein, auch nicht." Dann schauen sie mich seltsam an, gehen ans Buffet oder aufs Klo. Wenn ich Glück habe. Meistens drehen sie sich einfach nur weg.

Wolfsburger Klimowicz: Künftig Konzentration auf Borussia Dortmund
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II. Mein Sohn ist sechs und hat ein Wolfsburg-Trikot. Ich weiß, manche halten das für Kinderquälerei. Immerhin hat noch keiner die Polizei gerufen. So richtig für Wolfsburg ist er aber nicht mehr, seit er sprechen kann und daher logischerweise mitbekommen hat, dass einen das zum gesellschaftlichen Außenseiter macht. Sein Großvater ist VfB-Fan und versucht seit langem, ihn auch zu einem VfB-Fan zu machen. Er sagt ihm, Wolfsburg sei doch nichts. Der Papa sei als Kind auch VfB-Fan gewesen und sei es in Wahrheit immer noch. Mensch: Ich habe die Geschichte tausendmal erzählt. Wie meine Liebe zum VfB in der Sekunde erlosch, als Winfried Schäfer für Joachim Löw Trainer wurde. Wie ich in Berlin verloren war (dass Hertha BSC nicht in Frage kommt, muss ich jetzt aber nicht noch mal extra sagen, oder?). Wie ich zu Wolfgang Wolfs Zeiten mal aus nicht erklärbaren Gründen nach Wolfsburg fuhr und dann plötzlich dachte: Oh, das ist ja interessant hier. Wenn man mit dem ICE von Berlin nach Westen fährt, kommt man an der VW-Arena vorbei. Da erlebe ich oft, wie Mitreisende hektisch nach ihren Koffern greifen. "Was ist denn das für ein Stadion", rufen sie, "sind wir etwa schon in Hamburg?" Unglaublich. Man möchte schreien: Ja, wisst ihr Kulturbanausen denn nicht, was für große Spiele sich hier vollzogen haben? Mindestens mal dieses legendäre 4:3 des VfL gegen Mainz 05 im goldenen Herbst 2004. Oder dieses Frühjahr, als der VfL mit dem Einzug ins DFB-Pokalfinale drohte. Man merkte richtig, wie überall die Kinnladen runtergingen.

III. Allein wie sie das Wort Wolfsburg aussprechen. Wie: Scheiße. Und wenn man darüber spricht, wer denn dieses Jahr absteigen könnte, sagen alle wie aus der Pistole geschossen: "Wolfsburg". Wenn man fragt, warum, sagen sie mit ethisch-ehrlichem Ekel: "Die braucht kein Mensch!" Nach einer neuen Untersuchung ist der VfL Wolfsburg jetzt aber nur noch der zweit-unbeliebteste Bundesligist (Bielefeld hat noch weniger Fans). Und er ist einer von nur vier Superclubs, die nie aus der Bundesliga abgestiegen sind (die anderen sind Hamburger SV, Bayern München und Leverkusen). Als ich das neulich mal wieder zur Verteidigung anführte, lachte mein Gesprächspartner. Ja, sagte er, dieses VW-Tochterunternehmen sei der "solitäre Gegenentwurf zum turbokapitalisierten Fußball des 21. Jahrhunderts, in dem das Geld den Erfolg determiniert". Das klang gut. Ich fragte interessiert: "Wie meinst du das?" Er: "Wolfsburg schafft es, trotz des vielen Geldes unten mitzuspielen."

IV. Bevor ich mit meinem Sohn im Flur spielen darf, muss ich ihm erst sagen, wer ich bin. Ich bin fast immer Diego Fernando Klimowicz. Ich weiß überhaupt nicht, wer ich in Zukunft sein könnte (Klimowicz ist ja nach Dortmund gewechselt). Er ist Kaká. Oder Thierry Henry. Nur manchmal, wenn er ins Tor geht, lässt er sich herab und ist Simon Jentzsch. Aber das ist inzwischen das Äußerste. Diesmal sagte ich – keine Ahnung, warum: "Ich bin Uwe Möhrle." Er lachte sich kaputt.

V. Wenn man mich fragen würde, für welche Kultur der VfL eigentlich steht, für welches Unternehmensprinzip und für welche Werte (Nachhaltigkeit, Effizienz, Humanität, Vernunft, Innovation, so'n Zeug), ich könnte es nicht sagen. Deshalb nutzte ich bei der Vorstellung des derzeitigen Trainers Felix Magath die Gelegenheit und fragte Hans Dieter Pötsch, VW-Vorstandsmitglied und neuer Aufsichtsratschef der VfL Fußball GmbH. Er sagte mir, im Club wie im Unternehmen wolle man jungen Leuten eine Chance geben. Das sei die Philosophie. Ich bin aufgrund professioneller Schulung misstrauisch und merke deshalb manchmal, wenn mir jemand einen Bären aufbinden will. Aber, seltsam, hier denke ich: Jungen Leuten Chancen geben? Das ist aber schön! Vorbildlich finde ich auch, dass beim VfL praktisch nicht mit der "Bild"-Zeitung gekungelt wird. Zyniker werden sagen: Wie auch, wenn "Bild" sich nicht für den VfL interessiert? Aber was zählt, ist das Ergebnis. Das habe ich als Zuschauer bei Klaus Augenthaler gelernt. Es war eine harte Schule.

VI. Unlängst schaute mich ein Freund seltsam an. Ich dachte: Was hat er denn? Dann sagte er: "Hm. Bist du wirklich für Wolfsburg?" Ich schwieg. Was soll man da sagen? Und er grüblerisch: "Vielleicht tust du auch nur so. Ich würde es dir zutrauen." Es klang, als hoffe er es.

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