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01. September 2007, 12:43 Uhr

Geliebter OFC

Dieter, Suat und der Flutlichtausfall

Von Volker Goll

Als es dunkel wurde, ging für die Fans der Offenbacher Kickers die Sonne auf. Doch die Anhänger am Bieberer Berg leben trotzdem in ständiger Angst vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Vielleicht werden deshalb die Helden dort inniger verehrt als anderswo.

Einen meiner intensivsten Momente als OFC-Fan erlebte ich in völliger Dunkelheit und in Abwesenheit des rollenden Leders. Ich stand mitten auf dem Spielfeld des Rhein-Neckar-Stadions zu Mannheim, das Spiel war unterbrochen und ich telefonierte mit meiner Freundin, die am Gardasee bei einem Frauen-Workshop weilte. Unmöglich, ihr die Situation begreiflich zu machen: Seit einer halben Stunde war das Flutlicht im Spiel der Spiele ausgefallen und wir alle konnten es noch gar nicht begreifen, auch wenn uns die Gänsehaut an Armen und Beinen schon die richtigen Hinweise lieferte.

OFC-Stürmer Türker: Noch vier dümmere Teams
DPA

OFC-Stürmer Türker: Noch vier dümmere Teams

So geschehen im Juni 1997. In der alten Spielstätte des VfR Mannheim ächzten 10.000 geplagte Kickers-Seelen. Nach einem siegreichen Elferkrimi gegen Pforzheim vor gut einer Woche musste jetzt nur noch gegen den FC Memmingen gewonnen werden, dann hätte das Leiden in der hessischen Oberliga ein Ende. Doch die Allgäuer führten 3:2 und in wenigen Minuten würde das Spiel abgepfiffen. Stoßgebete erfüllen die Nacht, tätowierte Muskelpakete hielten sich verzagt am Metallzaun fest – da passiert das Unvorstellbare: Das Licht ging aus und nicht mehr an. Auch nicht nach zwei bis drei Schreckminuten, es blieb einfach dunkel.

Der OFC-Anhang gewann an Fassung, bengalische Lichter erhellten die Ränge, behelmte Polizei zog vor dem Block auf. Mich hielt es nicht mehr auf den Rängen, ich überwand den Zaun und gesellte mich zu den Diskussionsgrüppchen auf dem Rasen. Schiedsrichter, Spieler, Funktionäre und Polizei versuchen sich an einer Krisenbewältigung. Man befürchtete einen Platzsturm, der Offenbacher Anhang galt, nicht nur in Mannheim, "als total durchgeknallt". Doch sehr schnell macht die Einschätzung die Runde, dass der Flutlichtausfall nicht das Schlechteste in dieser Situation sein könnte. Wenn nicht zu Ende gespielt würde, kann auch nicht verloren werden. Auf den Rängen tönt es freudig: "Und morgen geht die Sonne auf – Spielabbruch!"

Nach über einer dreiviertel Stunde ohne Licht verkündete der OFC-Fanbeauftragte über Polizei-Megafon den beschlossenen Spielabbruch. Noch wusste keiner, was das genau bedeutet. Die Menge war trotzdem freudig erregt und ging nach Hause. Es gab keine Panik und keine Verletzten, trotz fehlender Notausgangbeleuchtung. Außerhalb Offenbachs munkelte man: "Sabotage". Wir aber wussten: Das war die Macht der 1000 Herzen. Die Wiederholung im Daimlerstadion zu Stuttgart gewann der OFC - endlich einmal wieder Glück gehabt!

Glück war nämlich nicht gerade das, was sich überschwappend im kollektiven Gemützustand von uns Kickersfans über die Jahre breit gemacht hat. 1959 durch einen zweifelhaften Elfer das Endspiel gegen die ungeliebten Nachbarstädter verloren. Nur vier Jahre später, 1963, nicht dabei in der neu gegründeten Bundesliga trotz sportlicher Qualifikation. Schließlich 1971 der Bundesligaskandal, aufgedeckt und angezeigt durch den damaligen OFC-Präsidenten Cannelas.

Mit der Folge, dass man in Offenbach stets gegen die einseitige und zu harte Bestrafung durch den DFB wetterte. 1989 wurde dann noch einer drauf gesetzt, durch einen Lizenzentzug wegen einer zu spät eingereichten Bürgschaft! Alles keine Geschichten, die dazu beitrugen, die ohnehin losen Bande zwischen DFB und OFC zu festigen. Wenn die Kickers gekonnt hätten, sie wären aus dem Deutschen Fußball-Bund ausgetreten und wir hätten es sicher auch mitgetragen, wenn man sich stattdessen in der ersten Liga Luxemburgs angemeldet hätte.

Bekanntlich sind wir geblieben und stecken derzeit in der zweiten Liga fest beziehungsweise sind erleichtert, dass es nicht noch eine Abteilung tiefer ging.

Sollte man doch einmal ermatten ob der Gratwanderung zwischen sportlichem Dilettantismus und hysterischem Wahnsinn, und sich gar wünschen, am nächsten Morgen, als Fan eines ganz normalen halbwegs erfolgreichen Vereins wieder aufzuwachen, dann setzen einen die vielen "Offenbach-Fresser" schon wieder in die Spur. Kommt beispielsweise die Rede in den Fluren nahe meines Arbeitsplatzes irgendwie auf "Offenbach" oder die "Kickers", dann gehen die Augenbrauen hoch, man schaudert ob der Bronx, dem Grau in Grau der Straßen und dem angenommenen "Frankfurter Vorstadtghetto". Offenbach könnte von seinem Ruf her tief in Ostdeutschland liegen. Doch solche Stigmatisierungen befeuern meinen persönlichen Fanatismus und den vieler Mitverrückter nur noch mehr.

Nationalspieler Dieter Müller – der mit dem Sechs-Tore-Rekord –ließ seine Karriere beim OFC aus alter Verbundenheit ausklingen und hatte neben dem einigermaßen pünktlichen Gehaltseingang (eher unwahrscheinlich) nur den einen Wunsch: "Dass der Trainer mir mein Glas Rotwein am Abend lässt." Ende der achtziger Jahre wedelte man auf dem "Bersch" Richtung Idol Müller mit D-Mark-Noten hinter dem Tor: "Dieter, mach ihn rein!" Dieter winkte fröhlich zurück und traf. Heute ist er Kickers-Präsident.

Der "Dieter Müller 2007" heißt Suat Türker, ein Vollblutstürmer, der dem OFC sein Comeback nach langem Irrweg durch Europa verdankte und es ihm nun mit vielen Toren und einem langfristigen Vertrag zurückzahlte. Oder René Keffel, Torwarttrainer und gute Seele im Trainerstab, Held des Zweitligaaufstiegs in Osnabrück 1999. Wenige Jahre zuvor – die Kickers mal wieder vollends blank – sanierte er zusammen mit Mittelfeldspieler Eddy Walz die Sanitäreinrichtungen im Stadion. Aktuell wird der Stadionrasen von Günter Horster gemäht, wohl der einzige Platzwart Deutschlands, der regelmäßig die Welle mit Block 2 macht. Und wenn wir schon in Block 2 sind – das ist immer noch der Vip-Platz Nummer eins in Deutschlands Stadien. Oder wo sonst noch stehen die Heimfans auf dem Stehplatz in Höhe der Mittellinie und überdacht?!

Übrigens hatten wir dann doch noch mal Glück, und zwar ganz unverschämtes, gegen Ende der zurückliegenden Zweitliga-Saison. Unsere Jungs spielten einen Stiefel zusammen, der schon nicht mehr feierlich war. Erst am letzten Spieltag rettete uns ein 1:1 gegen die schon lange als Drittligist feststehenden Braunschweiger – und auch das nur, weil es vier Mannschaften gab, die sich noch dümmer anstellten. Doch dieses Jahr wird – wie immer – alles anders!

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