Geliebter SC Freiburg Volker Finke, meine Tochter und ich

Er hatte sich vorgenommen, nie zu einem sentimentalen Nostalgiker zu werden. Lange ging das auch gut, aber dann gab es Probleme mit dem SC Freiburg. Seitdem hängt auch Daniel Theweleit den guten, alten Zeiten der Breisgauer nach. Stets mit dabei: Volker Finke.


Es gab eine Zeit, da habe ich Gleichgültigkeit oder Mitleid empfunden, wenn mir jemand von seiner Liebe zu einem längst verblassten Fußballclub erzählte. Diese Leute wollen für ihre Treue bewundert werden, dachte ich. Doch leider enden ihre Schilderungen schnell in dieser süßlichen Vergangenheitsverklärung: Ja, ja, früher war alles besser, und was bin ich leidensfähig. So redet auch der verbitterte Trinker drüben in der Eckkneipe, wie langweilig. Neuerdings jedoch beobachte ich die Neigung, mich in Erinnerungen zu flüchten, bei mir selbst. Ich liebe den SC Freiburg, einen Fußballclub, dessen einstmals so großer Zauber verflogen ist. Es gab diese Zeit, da wurde mir respektvoll zugenickt, wenn ich von meiner Leidenschaft für den badischen Club erzählte. Ein Hauch von Exotik, Revolutionärem, frischem Fußballdenken, ja Utopie umwehte mich dann, ich fand das ziemlich cool. Zwar bin ich schon als Zehnjähriger Anfang der Achtziger immer beim SC gewesen, fieberte mit, sammelte Autogramme, holte beim Training Bälle für die Profis aus dem Gebüsch, und wagte auch den einen oder anderen Traum vom Aufstieg. Aber die totale Leidenschaft packte mich, als Volker Finke kam.

Zur Person
Daniel Theweleit, vor 31 Jahren in Freiburg im Breisgau geboren und auf den Fußballplätzen groß geworden, kam nicht umhin, Fan des SC Freiburg zu werden. Seit zehn Jahren lebt er in Köln und schreibt über Fußball.
Denn nicht einfach nur auf Erfolge der eigenen Mannschaft zu hoffen, sondern auch intellektuell von einer neuartigen Clubphilosophie fasziniert zu sein, sich von der Ästhetik eines wunderschönen Spielstils beglücken zu lassen, damit auch noch rauschhafte Siege zu feiern und die eigentlich als unerreichbar geltende Bundesliga aufzumischen, das war eine unwiderstehliche Kombination. Wahrscheinlich war nur den Gladbach-Fans der Siebziger eine ähnlich reizvolle Mixtur vergönnt.

Welch ein exquisites Geschenk diese Zeit ist, wurde mir aber erst viel später bewusst. Als sich bittere Niederlagen häuften und das Spiel immer öfter leidenschaftslos wirkte. Es kam schleichend, aber irgendwann nahm ich plötzlich selber diese mitleidsvollen Gesten wahr, die ich einst für arme Dresdner oder Düsseldorfer parat hielt. Und nach dem letzten Bundesliga-Abstieg 2005 hat einmal jemand zu mir gesagt: "Der SC Freiburg ist eine typische graue Maus geworden." Ich widersprach heftig, doch später - in einem ehrlichen Moment - gestattete ich mir die Erkenntnis, dass der Mann nicht ganz falsch lag.

Glaubensbekenntnis
AP
Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
In ganz bitteren Momenten habe ich dann überlegt, ob es nicht möglich wäre, Fan des 1. FC Köln zu werden, schließlich liebe ich diese Stadt, in der ich lebe. Ich ging mit meiner Tochter ins Kölner Stadion, versuchte mitzufiebern und ihr zu zeigen, wie faszinierend Fußball sein kann. Tief im Inneren fand ich aber die Zwischenstände von den anderen Partien spannender als den FC – Freiburg spielte in Augsburg. Meine Tochter, sie ist sechs, sagte danach: "Papa, ich glaube, ich bin kein Fußballfan."

Ein paar Tage später sah ich in einem Regionalexpress diesen einsamen Anhänger von Rot-Weiss Essen sitzen, sein Gesicht war grau, der Blick leer, er hatte wie fast jede Woche verloren. Deprimiert stieg er in Bonn aus, hatte seinen Sonntag mit einer der größten Verlierertruppen verbracht. So könnte auch deine Zukunft aussehen, dachte ich, und seltsamerweise fand ich diesen Gedanken sogar ein bisschen aufregend. Die Figur des einsamen, melancholischen Verlierers voller verschrobener Liebe, übt nicht erst seit Aki Kaurismäki eine seltsame Faszination aus.

Aber zum Glück ist Fußball eines ganz gewiss nicht: eine Welt ohne Hoffnung. Also glaube ich daran, dass der SC Freiburg wie Bielefeld, Bochum oder 1860 München in diese für graue Mäuse typischen Zyklen mit Auf- und Abstiegen hineingerät. Besser als die Achtziger wäre das allemal, und Wunder gibt es ja auch. Doch die wilde Zeit, diese einmalige Faszination, diese Gefühle einer ersten Liebe, sind wohl für immer vorbei.

Zum Trost greife ich nun manchmal zu diesem von Reinhold Beckmann moderierten Sat.1-Video, in dem die Freiburger Saison 1994/1995 zusammengefasst wird. Finke raucht da selbst gedrehte Zigaretten, sagt unglaublich schlaue Sachen über Fußball und ist am Ende mit seiner Mannschaft Dritter in der Tabelle. Damals war ich gerade aus Freiburg nach Köln gezogen, um zu studieren. Frustriert über Berti Vogts' Tölpelei im Vorfeld der Fußball-WM in den USA schrieb ich im Sommer 1994 mit Edding an eine Klotür der Sporthochschule "Volker Finke for Bundestrainer".

Natürlich war das nicht mein Ernst, aber etwas Schlaueres fiel mir nicht ein, um meiner Unzufriedenheit mit den deutschen WM-Kickern Ausdruck zu verleihen. Der Effekt war erstaunlich. Wochenlang wurde meine Forderung mit immer neuen Kommentaren der Art "Ein wunderbarer Traum", oder "Finke ist doch viel zu schade für den DFB" ergänzt. Schön war die Zeit.

Auch ich gebe also längst willenlos der Verführung nach und schwelge in Erinnerungen, denn mein Blick in die Zukunft führt immer wieder zur selben, für einen Freiburg-Fan immer noch etwas befremdlichen Erkenntnis: "Mein Herz gehört einer grauen Maus."



insgesamt 1787 Beiträge
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chefstratege, 20.06.2007
1. Schalke ist meine Weltanschauung
Schalke 04, und zwar völlig unabhängig vom momentanen sportlichen Erfolg. Schalkes Ex-Präsident Günter "Oskar" Siebert sagte einmal zutreffend: "Das Herz von Schalke schlägt in der Brust seiner Anhänger". Ich darf mich dazu zählen, ich habe auf Schalke zeitweise mein Herz und gelegentlich auch Teile meines Verstandes verloren. Mit dem Verstand ist Schalke ohnehin nicht zu fassen. Nirgendwo sonst in Deutschland herrscht soch eine unbändige Fußballbegeisterung, solche eine fanatische Hingabe und solch besessene Vereinstreue. Es gibt keinen Verein, der auch über die lokalen Grenzen hinaus (ich selbst komme auch nicht auch Gelsenkirchen) so viel Gefühl vermittelt und so viele Emotionen hervorruft. Schalke, das ist eben mehr als "nur" ein Fußballverein, eine Art (Fußball-)Weltanschauung, auch für mich!
Klo, 20.06.2007
2.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
SG Calvörde
king.woita 20.06.2007
3.
Einmal Löwe - Immer Löwe München ist Blau
Umberto, 20.06.2007
4.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Stade Français, weil dort das beste Rugby in meiner "Nähe" gespielt wird.
Carsten31 20.06.2007
5.
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Falsche Fragestellung. Ein Fan entscheidet sich nicht bewusst für einen Verein. Das ist dem Verlieben sehr ähnlich. Wer sagt schon "Ach, heute verliebe ich mich mal"? :o) Ausserdem kommt der Aspekt der frühkindlichen Prägung noch dazu. Vati/Onkel/Opa etc. schleppt den Kurzen mit ins Stadion und schon ist es geschehen! Momentan arbeite ich mich persönlich an dem Sohn eines Kumpels ab. Trikot hat er schon, jetzt wird ungeduldig gewartet, ihn das erstemal ins Stadion mitnehmne zu können. Der muss früh geimpft werden, damit er sich nicht in die falsche Mannschaft verliebt. Mit einer italienischen Mutter besteht zudem die Gefahr, sich für eine komplett falsche Liga zu erwärmen!!! :o)
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