Gerald Asamoah Der Kicker, der seine Schuhe verschenkte

Er war der einzige mit Fußballschuhen - alle seine Freunde in Ghana spielten barfuß. Gerald Asamoah, damals zehn Jahre alt, verschenkte seine Treter. Jetzt, zwei Jahrzehnte später, ist er deutscher Nationalspieler. Und wieder will er Kindern helfen.

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Vielleicht kann Gerald Asamoah nicht anders als helfen, vielleicht ist das einfach seine Natur. Vor ein paar Tagen war es wieder soweit. Diesmal ging es nicht um das Leben eines Kindes, sondern um den Job eines Herrn namens Andreas Müller. Der Manager von Schalke 04 wäre bei einer Niederlage gegen Hertha BSC womöglich entlassen worden, aber Asamoah köpfte kurz nach der Halbzeit das einzige Tor, den Siegtreffer. Auch gegen Hoffenheim sicherte er mit einem Tor das 1:1-Unentschieden. Müller darf weitermachen. Erstmal.

Jetzt steht Asamoah, 30, schwarzer Pullover, Jeans, vor Hannahs Zimmer in der Kinderklinik und erzählt die Geschichte der verschenkten Fußballschuhe.

"Mein Vater wusste, wie gern ich Fußball spiele, da hat er mir die Schuhe mitgebracht", sagt Asamoah. Die Eltern lebten damals schon in Deutschland, ihr Kind ging in Ghana auf ein Internat. Es ging ihm nicht schlecht, aber auch nicht so gut, um nicht mehr zwischen gut und schlecht unterscheiden zu können.

"Alle meine Freunde spielten barfuß, ich konnte doch nicht als einziger mit Fußballschuhen spielen", sagt er und hebt die Arme. Also gab er die Schuhe an jemand, der sie besser gebrauchen konnte. Er wollte niemandem auf die Füße treten.

Aus dem Barfußkicker aus Ghana wurde ein deutscher Nationalspieler. Der erste aus Afrika. Ein bulliger Offensivmann, "kein Techniker, aber ein Kämpfer", so charakterisiert er sich selbst, der auf dem Platz Tore lieber vorbereitet als selbst zu schießen, der in seinen Teams Spaß verbreitet und es jedem Recht machen will.

Er leidet unter rassistischen Schmähungen von Tribünen wie in Rostock oder Cottbus, aber Asamoah hat nie ein paar Wirrköpfe mit Deutschland gleichgesetzt. "Deutschland war immer gut zu mir", sagt er. Dieses Land hat ihm ein besseres Leben ermöglicht. Heute träumt er deutsch, lebt deutsch.

Was ist das eigentlich, Deutsch sein? "Pünktlichkeit, Ordnung, all das", sagt er. "Und der Ghanaer in mir denkt immer positiv, auch in traurigen Zeiten."

Gerald Asamoah beschloss, der Gesellschaft etwas zurückzugeben für das, was sie ihm gab.

Als er 19 war, wurde bei ihm ein Herzfehler diagnostiziert. Seine Karriere schien beendet, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Aber er kickte weiter, trotz Risiko, weil er den Fußball liebte und wahrscheinlich auch, um nicht aus seinem Traum von einem besseren Leben aufzuwachen. Das Risiko gaben die Ärzte mit einem Prozent an, und deswegen steht seither ein Defibrillator bei Schalke-Spielen an der Seitenlinie. Er könnte Asamoah im Fall der Fälle das Leben retten.

2007 wurde Asamoah Vater, frühgeborene Zwillinge, die beatmet werden mussten. Er fiel bis März aus, er hatte sich Schien- und Wadenbein gebrochen, er war plötzlich ein Profi, der nicht reisen musste. Ein Dauerläufer, der plötzlich Zeit hatte. 2007 war ein gutes Jahr, um etwas zurückzugeben. Er gründete eine Stiftung für herzkranke Kinder.

Asamoah war 29, ein junger Stifter, aber in dieser Herzensangelegenheit lief ihm die Zeit davon. "Ich konnte nicht warten, bis ich alt bin und mich keiner mehr kennt", sagt Asamoah. Stiftungen stehen in einem ständigen Wettbewerb um Öffentlichkeit und Geld, weil es zu viel Leid auf dieser Welt gibt und viele, die es lindern wollen. Ein aktiver, bekannter Fußballprofi hat da bessere Chancen als ein ehemaliger.

Hannah Mensah ist das erste Kind, das operiert wurde. Mit seinem Geld und der Hilfe derer, die für die Stiftung arbeiten - oder in ihrem Sinne.



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