Blatter-Reaktion zu Boateng "Das war dämlich"

Wieder hat Fifa-Boss Sepp Blatter mit seiner Haltung zu Rassismus für Irritationen gesorgt. Während die Fußballwelt Kevin-Prince Boateng für seine konsequentes Handeln gegen rassistischen Anfeindungen feierte, kritisierte ihn Blatter. Ein fataler Fehler, befindet Fußball-Soziologe Gerd Dembowski.
Fifa-Präsident Blatter: "Das ist nicht die Lösung"

Fifa-Präsident Blatter: "Das ist nicht die Lösung"

Foto: FABRICE COFFRINI/ AFP

Hamburg - Es war eine Aktion mit Tragweite: Anhänger des italienischen Viertligisten Pro Patria hatten den AC-Mailand-Spieler Kevin-Prince Boateng und weitere dunkelhäutige Spieler in einem Testspiel rassistisch beleidigt. Knapp 30 Minuten ließ sich Boateng das gefallen, dann machte er Schluss. Schoss den Ball in Richtung Fans, zog sein Trikot aus und stapfte vom Platz. Seine Mannschaft folgte ihm und erntete dafür international großes Lob. Einer aber kritisierte Boateng in aller Öffentlichkeit: Fifa-Chef Sepp Blatter. Der Fußball-Soziologe und frühere Vertreter der DFB-Task-Force gegen Diskriminierung, Gerd Dembowski, hält dieses Reaktion für wenig schlau.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dembowski, die Fußballwelt feiert Kevin-Prince Boateng für sein konsequentes Handeln. Einzig ihr höchster Würdenträger, Fifa-Boss Sepp Blatter, hat ihn für den Spielabbruch kritisiert. War das mutig oder dämlich?

Dembowski: Blatters Reaktion war völlig aus der Zeit, zurück in die Achtziger. Sogar Silvio Berlusconi hat Boateng gelobt, was eigentlich schon wie Slapstick klingt. Insofern: Es war dämlich. Und in meinen Augen auch falsch. Lange wurde auf so ein Signal gewartet, Boateng hat absolut richtig gehandelt. Man muss die Spieler zu solchen Aktionen ermutigen.

SPIEGEL ONLINE: Blatter sagte: 'Dass ein Spieler einfach vom Feld gehen kann, das ist nicht die Lösung.' Er hat offenbar Angst, dass Schiedsrichter durch derartiges Verhalten die Kontrolle verlieren und Profis nach Belieben Spielausgänge manipulieren könnten.

Dembowski: Wenn Blatter behauptet, Fußballer würden Spiele so nach Belieben beeinflussen, offenbart das doch die Hilflosigkeit der Fifa. Ihre Aufgabe ist es, im Vorfeld auch strukturell dafür zu sorgen, dass gar nicht erst jemand vom Platz gehen muss.

SPIEGEL ONLINE: Bei allen Spielen der Fifa wird der antirassistische Gedanke plakativ nach außen getragen. Es gibt entsprechende Bandenwerbung, Mannschaftskapitäne lesen vor den Spielen Botschaften gegen Diskriminierung vor. Alles nur Fassade?

Dembowski: Das zeigt, dass die Fifa stark in der Symbolpolitik hängengeblieben ist. Die Frage ist aber immer: Wie sieht die Haltung dahinter aus? Bei Blatter scheint das oft schöner Schein zu sein, vieles ist nicht wirklich durchdacht. Das zeigte auch seine Reaktion, als der englische Nationalspieler John Terry seinen Gegner Anton Ferdinand rassistisch beleidigte.

SPIEGEL ONLINE: Damals sagte Blatter, dass sowas in der Hitze des Gefechts schon mal passieren könne.

Dembowski: Und ruderte kurz darauf wieder zurück. Es hapert bei ihm manchmal, diese Sachen gründlich zu Ende zu denken. Das merkt man seinem Weltverband an, dem es in bestimmten Belangen an Kontinuität fehlt. Etwa in der antidiskriminierenden Entwicklungsarbeit.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die im Idealfall aus?

Demboswki: In Deutschland gibt es zahlreiche Anknüpfungspunkte wie die Handlungsempfehlungen des DFB für Verbände und Vereine. Am wichtigsten ist die Selbstregulierung der Zuschauer im Stadion, die durch Fanprojekte und intensive Auseinandersetzung gefördert werden muss. Wir sind im deutschen Fußball schon recht weit, weil der Diskurs bereits Ende der neunziger Jahren anfing sich zu verändern. Anders als in Italien, dort gibt es so ein kontinuierliches Netzwerk aus unterschiedlichen Maßnahmen nicht.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, in Italien müssen sich die Spieler weiterhin beleidigen lassen?

Dembowksi: Vielleicht war Boatengs Aktion ein neuer Anstoß, das Problembewusstsein schärft sich auch dort langsam. Auch deshalb war sein Handeln ein wichtiges Zeichen: Boateng hat sich nicht als Opfer stilisieren lassen, sondern ist nach der Beleidigung sofort in die Offensive gegangen...

SPIEGEL ONLINE: ... und hat sich damit eigentlich so verhalten, wie sonst Blatter, oder?

Dembowski: Wer Blatter beleidigt, hat ganz schnell eine Klage am Hals. Oder er wird mit Verachtung gestraft: Wenn der Fifa-Boss nicht auf seinem gewünschten Platz sitzen darf, kann es schon mal sein, dass er gar nicht erst im Stadion erscheint. Er sollte also nicht von anderen die Leidensfähigkeit einfordern, die er selbst nicht hat.

Das Interview führte Sara Peschke
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