75. Geburtstag des Torjägers Ein Müller-Tor

Gerd Müller wird heute 75, er wird vermutlich auf immer der größte deutsche Torjäger bleiben. Er traf so häufig, dass für jeden Fußballfan sein persönliches Müller-Tor dabei ist.
Gerd Müller nach getaner Arbeit im Eurpapokalfinale 1974 von Brüssel

Gerd Müller nach getaner Arbeit im Eurpapokalfinale 1974 von Brüssel

Foto: imago sportfotodienst / Colorsport / imago images

Gerd Müller geht es nicht gut. Alzheimer, im fortgeschrittenen Stadium, heißt es. Viel ist rund um seinen heutigen 75. Geburtstag davon die Rede, von seiner schweren Krankheit. Denken wir lieber an seine besten Zeiten zurück. An den 17. Mai 1974 zum Beispiel.

Wahrscheinlich hat jeder, der die Siebzigerjahre als Fußballfreund bewusst miterlebt hat, sein eigenes Müller-Tor. Es gibt schließlich genug davon für jeden. Der Siegtreffer von 1974, der Deutschland zum Weltmeister machte, selbstverständlich; sein Tor im Liegen gegen Jugoslawien bei der WM; die Fußspitze im Jahrhundertspiel gegen Italien, ein Treffer, bei dem die italienischen Abwehrspieler vermutlich bis heute rätseln, wie Müller diesen Ball im Tor untergebracht hat; Müllers Kungfu-Sprung gegen Bukarest von 1972; sein Doppelpass mit Günter Netzer gegen die Schweiz aus demselben Jahr, der so genial war, dass ihm das Tor anschließend mit zugeschrieben wurde, obwohl Netzer den Ball ins Tor schoss. Man könnte ewig dranbleiben. Und wäre noch lange nicht fertig.

Das Spiel von Uli Hoeneß und Gerd Müller

Mein persönliches Müller-Tor ist aus dem Jahr 1974, es ist das Jahr, in dem Gerd Müller mal wieder Torschützenkönig in der Bundesliga wird, sieben Mal hat er das geschafft, sieben Mal! Es ist das Jahr, in dem er Weltmeister wird. Aber mein Müller-Tor stammt aus dem Europapokal. Es stammt aus jenem 17. Mai, an dem Bayern München erstmals den Europacup der Landesmeister gewinnen wird. 4:0 gegen Atletico Madrid, später wird man immer sagen, dass es das beste Fußballspiel des Uli Hoeneß war. Aber es war auch die Vollendung des Torjägers Gerd Müller.

Wer traut sich, aus einem solchen Winkel aufs Tor zu schießen? Nur Gerd Müller

Wer traut sich, aus einem solchen Winkel aufs Tor zu schießen? Nur Gerd Müller

Foto: Colorsport / imago images

Bayern München führt durch ein Hoeneß-Tor zur Pause 1:0 im Brüsseler Heyselstadion, dort, wo Müller zwei Jahre zuvor Europameister geworden ist, bei jenem Endturnier, bei dem die deutsche Nationalmannschaft so leichtfüßig spielte wie vielleicht nie wieder davor und danach. Von Leichtfüßigkeit ist bei den Bayern gegen Atletico zunächst allerdings nicht die Rede, in einem ersten Finalspiel zwei Tage zuvor haben sich die Münchner durch ein sehr spätes Ausgleichstor von Katsche Schwarzenbeck so eben ins Wiederholungsspiel gerettet. Dieses Wiederholungsspiel jedoch wird zu einem Schaulaufen.

Wie später van Basten

In der 58. Minute stürmt Jupp Kapellmann über den linken Flügel nach vorn, er zieht die Flanke hoch und weit in den Strafraum, wo Hoeneß und Angreifer Conny Torstensson lauern, aber der Ball gerät für beide viel zu lang. Aber ARD-Livereporter Oskar Klose bemerkt: "Da kommt jetzt auch noch Müller, von ganz hinten!" Wie aus dem Nichts steht der Mittelstürmer plötzlich da, wo der Ball hinkommt, weil er immer da steht, wo der Ball hinkommt. Er nimmt die Flanke auf, stoppt sie mit dem rechten Fuß, lässt den Ball einmal auf dem Boden aufprallen, dann holt er aus. Der Winkel wäre für andere viel zu spitz, um aufs Tor zu schießen, aber was für andere gilt, gilt für Müller nicht. Er hält trotzdem direkt drauf, der Ball kracht ins lange Eck. Atletico-Torwart Reina ist konsterniert. Es steht 2:0, Klose staunt: "Schauen Sie sich das mal an!"

Gerd Müller selig nach dem 4:0

Gerd Müller selig nach dem 4:0

Foto: imago sportfotodienst / Colorsport / imago images

Es ist ein Tor, von dem sich Madrid nicht mehr erholt. Müller legt elf Minuten später nach, sein 3:0 ist ein Kunstschuss, eine Bogenlampe von der Strafraumbegrenzung über den Torwart, ein Gemälde von einem Treffer, aber kein typisches Müller-Tor. Kunst hat ihn nie interessiert, ihn interessierte nur, dass der Ball am Ende im Tor liegt. Uli Hoeneß setzt nach einem Sturmlauf mit dem 4:0 den Schlusspunkt. Der FC Bayern München ist in Europa auf dem Gipfel seines Schaffens angekommen. Dieser Verein hat viele große Spiele gemacht, das war vielleicht sein größtes.

14 Jahre später traf Marco van Basten für die Niederlande im Finale der Europameisterschaft 1988 zum 1:0 gegen die Sowjetunion aus ähnlicher Position, der Winkel war ähnlich spitz, die Chuzpe, von dieser Stelle aus nicht nur aufs Tor zu schießen, sondern auch noch ins Tor zu treffen, auch.

Van Basten wird sich nichts dabei gedacht haben, aber es war eine einzige Hommage an das Müller-Tor von 1974. Und vielleicht war es ja auch gar kein Zufall, dass er es im Münchner Olympiastadion erzielte. Der Heimstatt des größten Torjägers, den Bayern München je hatte. Den Deutschland je hatte.