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26. Mai 2019, 20:20 Uhr

ARD-Abschied von Gerhard Delling

Leute, nehmt das alles nicht so ernst

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Der Sportmoderator Gerhard Delling ist in 30 Jahren zur Marke geworden. Gemeinsam mit Günter Netzer hat er die Fußballberichterstattung verändert - und der Branche neue Leichtigkeit geschenkt.

Jetzt ist es also weg, das vielleicht letzte wirklich prägende ARD-Gesicht in der Fußballberichterstattung. Nach 30 Jahren hat sich Gerhard Delling mit der Moderation des DFB-Pokalendspiels aus dem Sport verabschiedet. Dass am Ende des Fernsehabends Günter Netzer, sein Quasi-Ehepartner, noch mal auftauchen würde, eingespielt von der ARD in einem Abschiedsvideo, war klar.

Delling und Netzer, das war lange schon Geschichte, ihr letzter gemeinsamer Auftritt ist neun Jahre her, aber man sah den demonstrativ nicht gut gelaunten TV-Experten vor dem geistigen Auge bei jeder Delling-Moderation weiterhin neben ihm stehen - wie das schlechte Gewissen in der Lenor-Werbung der Siebzigerjahre.

Der "Tagesspiegel" hat Delling und Netzer mal mit Wum und Wendelin verglichen, mit den "Muppets"-Meckerern Waldorf und Statler sowieso. Mit den Paaren der Fernsehgeschichte, die irgendwann untrennbar verbunden sind. Zwölf Jahre, von 1998 bis 2010, kommentierten, moderierten, witzelten sie gemeinsam über Fußball. Wie bei vielen Ehepaaren wurden sie am Ende vor allem durch Gewohnheit zusammengehalten, im Alltag reicht das zum Weitermachen, im Fernsehen ist es dann irgendwann Zeit zu gehen.

Ritterschlag durch den Bundestrainer

Aber bis dahin hatten beide einige Kerben in ihre Colts ritzen können. Grimme-Preis im Jahr 2000, Medienpreis für Sprachkultur - das sind für Sportjournalisten im Fernsehen eher ungewöhnliche Auszeichnungen.

Dazu der Ritterschlag durch den damaligen Bundestrainer Rudi Völler bei dessen legendärer "Scheißdreck"-"Käse"-Manöverkritik nach dem Länderspiel gegen Island 2003: "Dann soll er doch Unterhaltung machen, der Delling, dann soll er doch 'Wetten, dass..?' moderieren." Völler, Waldemar Hartmann, Delling und Netzer schufen an jenem Tag ein seltenes Kabinettstück der Unverstelltheit in einem Medium, in dem ansonsten so vieles künstlich ausgeleuchtet ist.

Völlers Rundumschlag hatte durchaus einen wahren Kern. Delling gehörte zu denen, für die Sportberichterstattung nichts Schweres hat. Statt sich über die Miniaturskandale in der Bundesliga zu erregen, platzierte er lieber ein Wortspiel - manchmal gelungen, manchmal weniger. Seinen Humor hatte er zuweilen exklusiv, aber das nahm ihm irgendwann keiner mehr so richtig übel. Der 60-Jährige ließ bei jeder Moderation die Botschaft durchblicken: Leute, nehmt das doch alles nicht so ernst. Es gibt Wichtigeres als Fußball. Viel Wichtigeres.

Die Erben der Methode Delling

Das war auf der einen Seite eine sehr angenehme Alternative zu den Aufgeregtheiten der Branche, zu den atemlosen Feldinterviews von Jürgen Bergener und Co., zur Aufgeblasenheit der Fußballbranche. Auf der anderen Seite ebnete seine Art, Sport zu moderieren, auch den Unterhaltern den Weg, für die ein Livekommentar nur gut ist, wenn er möglichst viele Sprüche, abwegige Metaphern und Showelemente enthält. Die Spaßfraktion des Fernsehfußballs. Wolff Fuss und die Sky-Riege sind auch Erben der Methode Delling. Nur mit dem Unterschied, dass sie so tun, als gäbe es tatsächlich nichts Wichtigeres als Fußball.

Dem ARD-Sportmoderator wird es vermutlich nicht gefallen, wenn man ihn in diese Reihe stellt. Delling wollte nie Quizsendungen im Vorabendprogramm oder Tiershows in der Primetime moderieren. Er sah und sieht sich eher im seriösen Fach, half bei den "Tagesthemen" aus, moderierte den "Weltspiegel" und das Medienmagazin "Zapp". Seinen Ausritt ins Unterhaltungsmetier mit der NDR-Talkshow beendete er rasch wieder. Im Lauf der Jahre war ihm zuweilen anzumerken, dass die Anmoderation von Hoffenheim gegen Freiburg ihn nicht mehr vollständig auszufüllen vermochte.

Er wolle sich jetzt neuen Aufgaben widmen, hat er in mehreren Interviews im Vorfeld angekündigt, er sitzt an einem Buch, eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, er arbeitet an der Entwicklung einer App, da geht es allerdings dann doch wieder um Fußball. Die privaten TV-Sportsender könnten um ihn buhlen. Aber ob man sich Delling bei RTL, Sky oder Eurosport vorstellen kann? Eher nicht.

Die Frotzelei, das war irgendwann das Erfolgsrezept von Delling und Netzer, das Piesacken als Prinzip: Was sich liebt, das neckt sich. Netzer hat seinem Partner gern vor der Kamera attestiert, er habe keine Ahnung vom Fußball. Delling hat das milde lächelnd geschehen lassen. Und nach einem passenden Wortwitz gesucht. Manchmal gelungen, manchmal weniger.

Anmerkung der Redaktion: Ursprünglich war in diesem Artikel von einer Perwoll-Werbung die Rede. Gemeint war aber ein Lenor-Werbespot. Wir haben den Fehler korrigiert.

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