Knasttrainer Mewes "Zuhälter, Betrüger, Mörder - Fußball führt alle zusammen"

Gerhard Mewes trainiert seit 36 Jahren das Fußballteam im Knast Hamburg-Fuhlsbüttel. Sein bekanntester Spieler: 9/11-Attentäter Motassadeq. Wie formt man aus Mördern eine Mannschaft?
Trainer Mewes, Spieler

Trainer Mewes, Spieler

Zur Person

Der Sozialpädagoge Gerhard Mewes, 72, trainiert seit 36 Jahren die Knastmannschaft der Hamburger Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, genannt Santa Fu. Das bundesweit einmalige Projekt wurde Ende der Siebzigerjahre gestartet. Über seine Erlebnisse mit den Männern von Eintracht Fuhlsbüttel, die Freiheitsstrafen zwischen drei Jahren und lebenslang verbüßen, hat Mewes jetzt ein Buch geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Herr Mewes, wie viele prominente Gefangene haben bei Ihnen Fußball gespielt?

Mewes: Das waren so viele traurige Berühmtheiten, Männer, die durch spektakuläre Straftaten Aufsehen erregt hatten. Mein derzeit bekanntester Aktiver ist Mounir al-Motassadeq, wegen Beihilfe zu den Attentaten am 11. September in New York zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. In meiner Mannschaft spielt auch Ahmad O., der seine Schwester Morsal mit 23 Messerstichen tötete, weil sie nach seiner Auffassung zu freizügig gelebt hatte. Früher waren auch Kiezgrößen dabei.

SPIEGEL ONLINE: Hat es Sie nie abgeschreckt, Sport mit Menschen zu treiben, die derart schwere Schuld auf sich geladen haben?

Mewes: Nein. Als ich anfing, wirkte alles beklemmend, die Mauern, die Vollzugsbeamten, die ewigen Kontrollen. Ich hatte noch nie so viele Tätowierte gesehen. Im Lauf der Zeit lernte ich etwa 700 Gefangene persönlich kennen, erfuhr von ihren Träumen und Hoffnungen, spürte ihre Verzweiflung. Und merkte, dass viele von ihnen auch eine andere Seite hatten, egal was sie getan hatten. Für manche war ich mehr Beichtvater als Trainer.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es Ihnen gelungen, die unterschiedlichen Typen zu einer Mannschaft zu formen?

Mewes: Der Fußball führt alle fast automatisch zusammen. Da spielt der Zuhälter von der Reeperbahn mit einem Bankbetrüger, einem Erpresser und einem Mörder in einer Mannschaft, und das funktioniert prima. Beim Training gibt es zwar manchmal die eine oder andere Klopperei, aber das passiert ja selbst bei den Profis.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Spannungen zwischen Spielern unterschiedlicher Religionen?

Mewes: Auf dem Platz ist es egal, ob einer Muslim, Christ, Jude oder Buddhist ist. Allerdings fehlte einmal beim Training eine Gruppe Muslime. Ich entdeckte sie in einer Ecke, wo sie unter Führung von Motassadeq auf einem Gebetsteppich knieten und beteten. Sie hörten dann aber gleich auf.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie sportlich erfolgreich?

Mewes: Wir sind 18-mal Meister in der Kreisklasse geworden, also praktisch jede zweite Saison. Und das, obwohl ich jedes Jahr mit einer anderen Truppe spielen muss, denn durch Freilassungen und Neuzugänge verändert sich die Mannschaft ständig. Oft fallen auch Stammspieler aus, weil sie aus Disziplinargründen von der Anstaltsleitung gesperrt werden.

Trainer Mewes, Spieler von Eintracht Fuhlsbüttel

Trainer Mewes, Spieler von Eintracht Fuhlsbüttel

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Mannschaft nie aufgestiegen?

Mewes: Aus Sicherheitsgründen dürfen wir immer nur hinter Gefängnismauern kicken und nicht zu Auswärtsspielen fahren. In einer höheren Klasse wäre das noch problematischer. Von der Leistung her könnten wir auch in der Bezirksliga mithalten. Andererseits hat die Mannschaft so viele Erfolgserlebnisse. Das ist für Gefangene, die sich oft als Verlierer fühlen, ganz wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Wer waren Ihre besten Spieler?

Mewes: Der genialste war sicher Vulpe. Der kam mit über 40 Jahren zu uns und konnte immer noch drei Mann auf einem Bierdeckel ausspielen. Er spielte früher für Steaua Bukarest im Europapokal. Weil er außer Fußball nichts gelernt hatte, schloss er sich später einer Autoschieberbande an. Profi war auch unser langjähriger Torwart, Stammtorwart von Lechia Gdansk. Die besten Zukunftsaussichten hätte zweifellos Berti gehabt, ein albanischer Migrant mit großem Talent. Aber weil er in Hamburg einen Mann auf offener Straße erschossen und lebenslang bekommen hatte, hat er nur bei uns im Knast gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Sind Spieler von Ihnen nach der Entlassung in Fußballvereinen untergekommen?

Mewes: Einige konnte ich tatsächlich vermitteln, allerdings nicht in Profivereine. Der Einzige, der das Zeug dazu hatte, war Abdourhamane M., ein baumlanger Vorstopper aus dem Niger. Der hätte auch in der dritten Liga spielen können. Aber er ist vor ein paar Monaten, kurz nach seiner Entlassung, in ein Haus in Hamburg-Jenfeld eingebrochen und vom Besitzer erschossen worden. Wir haben nach dem Training eine kleine Trauerfeier für ihn abgehalten, er war sehr beliebt.

SPIEGEL ONLINE: Warum spielen so wenige Deutsche in Ihrer Mannschaft?

Mewes: Wir haben einen hohen Migrantenanteil in Fuhlsbüttel, da fühlen sich manche Deutsche als Außenseiter. Andere wollen mit Fremden nichts zu tun haben. Zeitweise haben wir nur mit Ausländern gespielt, in der aktuellen Truppe kicken aber wieder zwei Deutsche mit.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange wollen Sie noch als Trainer arbeiten?

Mewes: Solange es meine Gesundheit erlaubt. Aber ich hoffe, dass dieses soziale Projekt auch weitergeführt wird, wenn ich mal aufhöre.

Anzeige

Gerhard Mewes:
Fair Play mit Mördern

Die Knastkicker von Santa Fu sind Diebe, Dealer, Mörder und Terroristen.

Verlag Gerhard Mewes;
160 Seiten; 11,90 Euro.

Shoplink Gerhard Mewes: "Fair Play mit Mördern" Amazon