Gewalt gegen Unparteiische Schiri, du Arschloch!

Es ist die hässliche Seite des Fußballs: Fast an jedem Wochenende werden Amateurschiedsrichter bespuckt, geschlagen und getreten. Der DFB redet das Problem klein, doch das Ausmaß der Gewalt ist erschütternd.

Schiedsrichter in der Kreisliga
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Schiedsrichter in der Kreisliga

Von , und Sebastian Heier (Video)


Es lief die Nachspielzeit, der FC Artland Quakenbrück I führte 1:0, als Klaus Kunze pfiff. Ein Foul im Strafraum, der Schiedsrichter war sich sicher, Elfmeter für den QSC 99 Quakenbrück III. Doch zur Ausführung sollte es nicht mehr kommen. Was an jenem Mai-Tag 2013 folgte, beschäftigt Kunze bis heute.

Drei Jahre später betritt der sonst besonnene Mann, kurze Haare, ergrauter Dreitagebart, den Fußballplatz in Quakenbrück. Sein Atem wird schneller, der Blick schweift umher. "Mulmiges Gefühl, jetzt kribbelt es ein bisschen in den Beinen, wenn man auf diesen Platz zurückkommt."

Nach dem Pfiff kam der Kapitän des FC Artland auf ihn zu, er wollte mit Kunze diskutieren, so erzählt es der Schiedsrichter heute. "Ich habe gesagt: 'Ist nicht.'" Der Spieler ging auf Kunze los, stieß ein paar Mal mit den Händen gegen seine Brust, Kunze brach das Spiel ab, das längst keins mehr war. Menschen stürmten auf ihn zu, Zuschauer, Spieler. Jemand trat ihn in die Beine, er ging zu Boden. "Ich bekam Tritte ab, auch am Kopf." Ein Mann schlug mit einem Regenschirm auf ihn ein, erzählt Kunze. Es war der Vater des FC-Kapitäns.

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Kunze erlitt Prellungen und eine Gehirnerschütterung, erstattete Anzeigen. Der Spielführer des FC Artland wurde zu einer Geldstrafe, sein Vater zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weitere Täter ließen sich nicht ausfindig machen. Juristisch ist der Fall abgeschlossen, immerhin.

Es dauerte ein halbes Jahr, bis Kunze sich traute, wieder ein Spiel zu leiten. Seine Frau war nicht begeistert. Bis heute hat er manchmal ein ungutes Gefühl, wenn er auf einem Fußballplatz steht.

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Seit mehr als drei Jahrzehnten Pöbeleien

Ein Garten im Osnabrücker Land. Hier sitzt Kunze, Jahrgang 1968, vor sich einen Ordner mit Unterlagen: Spielberichte, Krankenhausdokumente, Schriftwechsel mit Anwalt und Gericht. Es ist die Papierspur der Geschichte, die für eine Zeit sein Leben mitbestimmte. Er spricht bedächtig, nachdenklich über sein Hobby. Er sei ins Schiedsrichtern hineingerutscht. Als er früher selbst aktiv war, fehlten Schiedsrichter. "Im Fußballspielen war ich noch nie so gut, und dann habe ich den Schein gemacht." Das war vor 31 Jahren.

Das bedeutet: Seit mehr als drei Jahrzehnten lässt sich Klaus Kunze wie Tausende andere ehrenamtliche Amateurschiedsrichter viele Wochenenden im Jahr anpöbeln, beschimpfen - von Zuschauern, Funktionären oder den Spielern, die ohne Leute wie Kunze ihrem Hobby nicht in organisierten Vereinsteams nachgehen könnten.

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Der Dank sind häufig Beschimpfungen wie Arschloch, Vollidiot, blinde Sau, Penner, Schweinehund oder Hurensohn, das berichten mehrere Schiedsrichter. "Wenn man für jedes Wörtchen Karten verteilen würde, würden beide Mannschaften nur noch mit drei, vier Leuten auf dem Platz stehen", sagt Kunze.

Dass es meistens bei verbalen Angriffen bleibt, kann kaum trösten. Sie sind oft nur die erste Eskalationsstufe. Ein Blick auf Vorfälle in den vergangenen Jahren zeigt die Zustände auf deutschen Amateurplätzen.

Angriffe auf Amateurschiedsrichter
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Quelle: Eigene Recherchen

Die Reaktionen nach jedem Gewaltakt sind so vorhersehbar wie wirkungslos. Entsetzen, Brandreden, Boykotte, Sperren, Geldstrafen.

Es ändert sich: nichts. Derlei Aggressionen landen - Kunzes Fall ist eine Ausnahme - nur selten vor Gericht. Auch deshalb ist es schwer, sich einen Überblick zu verschaffen. Der DFB bemüht sich, das Problem kleinzureden. Nur in 0,27 Prozent der Spiele der vergangenen Saison sei es zu Gewalt gekommen, teilt der Verband mit. Er beruft sich auf ein Online-Meldesystem, in dem alle Schiedsrichter ihre Spielberichte hochladen können. 2015/2016 seien 1.581.197 Partien gemeldet worden, davon habe es in 3717 Fällen Gewalthandlungen gegeben, 589 Spiele wurden abgebrochen.

Jede Gewalttat sei "eine zu viel", sagt DFB-Vizepräsident Rainer Koch. Er ist beim Verband für den Amateurfußball zuständig. Die Zahlen zeigten, dass es "kein flächendeckendes Gewaltproblem im Fußball" gebe.

Die Schiedsrichter verzichten jedoch oft darauf, die Übergriffe gegen sie zu melden. Studien zeigen, dass es nicht um Einzelfälle geht. Adrian Sigel, Psychologe aus Frankfurt, befragte für seine Masterarbeit 915 Schiedsrichter. 62 Prozent gaben an, dass ihnen schon mal Gewalt angedroht wurde: Aussagen wie "Schiri, wir sehen uns nach dem Spiel" oder "Wir warten auf dich auf dem Parkplatz" gehören demnach zu ihrem Alltag.

Schlimmer noch: Mehr als ein Viertel der Befragten in Sigels Studie gaben an, selbst Gewalt erlebt zu haben: Sie wurden angespuckt, über den Platz gejagt, unter Polizeischutz vom Platz geführt oder von Betrunkenen in ihrer Kabine bedrängt.

Marvin Begemann kennt solche Fälle. Der 21-jährige Schiedsrichter aus Bad Orb pfeift seit fünf Jahren Spiele in Hessens Amateur- und Jugendfußball. Vor allem Letzteres mache ihm immer weniger Spaß, erzählt Begemann. In der vergangenen Saison habe er einen 13-Jährigen vom Platz gestellt. Der Junge habe ihn als "Hurensohn" bezeichnet.

Körperlich wurde er selbst noch nicht angegriffen, sagt Begemann. "Aber ein Freund von mir." Die beiden Jugendlichen waren 2012 gemeinsam in den Herrenbereich aufgestiegen, hatten Spaß am Pfeifen. Doch bereits nach wenigen Partien war für Begemanns Kumpel Schluss. "Nach einem Spiel bekam er von einem Spieler eine Kopfnuss", berichtet Begemann. "Einfach so, weil der Mann sich über ihn geärgert hatte."

Wie Kunze zog Begemanns Freund vor Gericht und bekam Schmerzensgeld. Doch die Strafe des Sportgerichts fiel mit sechs Wochen Sperre relativ mild aus. Begemann spricht von einer "lächerlichen Entscheidung". "Mein Kumpel hat dann aufgehört mit dem Pfeifen, das müsse er sich nicht mehr antun, hat er gesagt. Und ich kann ihn gut verstehen."

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Studie: "Die Angst pfeift immer mit"

Wie hält man das aus? Immer wieder versuchen Schiedsrichter, Zeichen zu setzen, indem sie an Spieltagen streiken oder an die Öffentlichkeit gehen. Im vergangenen September schrieben Hamburger Schiedsrichter einen Brandbrief, in dem sie Beleidigungen, Drohungen und körperliche Attacken anprangerten.

Kurzfristig sei die Resonanz gut gewesen, sagt Wilfred Diekert. Er ist seit 17 Jahren Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses im Hamburger Fußball Verband. Manchen Übeltäter habe der Brief vielleicht sogar zum Nachdenken gebracht. Zumindest bis zum nächsten Spiel: "Aber als es wieder losging, war so etwas auch schnell vergessen."

Diekert ist selbst im Telefonat anzumerken, wie unfassbar er die traurige Normalität auf vielen Fußballplätzen findet. "Wir wollen nur, dass man sich auf dem Fußballplatz mit Respekt behandelt, das kann doch nicht so schwer sein." In Hamburg gehöre es dagegen quasi schon zum guten Ton, dass Spieler mit ausländischen Wurzeln Schiedsrichter bei unliebsamen Entscheidungen als "Nazi" bezeichneten. Und es sei doch "pervers", dass im Jugendfußball die Eltern 15 Meter Abstand vom Spielfeld zu halten hätten - weil sie sich auch Schiedsrichtern gegenüber nicht zu benehmen wüssten. Dass in Hamburg mehr als die Hälfte aller neu ausgebildeten Schiedsrichter nicht einmal zwei Jahre pfeift, wundert da nicht. "Wer lässt sich für ein paar Euro beschimpfen, wenn er seinem Hobby nachgeht?", fragt Diekert. "Die Alten sind abgehärtet, die hören das gar nicht mehr."

Tatsächlich spielt Erfahrung eine große Rolle, wie Sigels Studie zeigt. Dort nannten die befragten Schiedsrichter eine Reihe von Strategien, mit Pöblern und Gewalt umzugehen.

  • Mit den Jahren werden sie dickfelliger. Schotten sich ab, hören bewusst weg, ignorieren Beleidigungen oder verbuchen sie als normalen Teil des Spiels. Ein von Sigel befragter Schiedsrichter sagte: "Mittlerweile muss ich sagen, man hört es irgendwann gar nicht mehr. Also man nimmt es auch nicht mehr wahr." Und ein anderer: "Ich sage immer, die haben bezahlt, die können da draußen machen, was die wollen. Das prallt bei mir tatsächlich völlig ab."
  • Sie unterhielten sich mit Schiedsrichterkollegen, die Rat und Trost spenden, Halt verleihen - und gut nachvollziehen können, was der Angegriffene durchlebt hat.
  • Sie versuchen, eigene Fehler zu analysieren. Das mag helfen, künftige Konfrontationen zu vermeiden. Aber es verzerrt auch den Blick - ganz so, als ob eine falsche Abseitsentscheidung Beschimpfungen oder Schlimmeres erklären oder gar rechtfertigen könnte.
  • Sie stellen sich auf die Beteiligten Vereine ein: Sind Spieler als aggressiv bekannt, ist es ein Derby? Und gegebenenfalls pfeifen sie kleinlicher, um Grobheiten von Vornherein aus dem Spiel herauszuhalten.
  • Manche von Sigels Interviewpartnern gaben auch zu, in Einzelfällen Fouls bewusst nicht gepfiffen zu haben - als Retourkutsche für aggressive Teams.

Selbsthilfe und Selbstschutz funktionieren nur bis zu einem gewissen Punkt. Doch viele Schiedsrichter scheuen sich, Strafanzeige zu erstatten. Betroffene in Sigels Studie schildern, dass sie eine Strafe durch das Sportgericht als ausreichend erachten. Oder sie scheuen sich vor den Folgen eines Prozesses: Wer in einem Fußballbezirk über Jahre pfeift, sieht Vereine und Spieler öfter. Und hat möglicherweise Angst, dass ein Prozess beim nächsten Spiel dann neue Repressalien bringt.

Und dennoch: Schiedsrichter Marvin Begemann sagt, es bestehe nur Aussicht auf Besserung, wenn jeder Fall sportgerichtlich härter bestraft und angezeigt werde. Klaus Kunze stimmt zu: Angegriffene Schiedsrichter müssten sich strafrechtlich wehren. Wer vor Gericht gehe, sende die Botschaft: "Ihr kommt nicht damit davon, wenn ihr uns so behandelt."

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Er sei auch vor Gericht gezogen, um anderen Mut zu machen. "Mir geht es nicht um das Geld als Wiedergutmachung. Das geht mir ehrlich gesagt am Arsch vorbei." Es gehe darum, anderen Schiedsrichtern zu zeigen: "Leute, habt keine Angst. Wenn euch so etwas passiert, geht ruhig vor Gericht, zeigt die Leute an."

"Am schlechtesten kann man A-Jugend und Alte Herren pfeifen"

Laut Kunze fehlt es Aktiven und Zuschauern zudem an drei Dingen: Respekt, Regelkunde und Vorbildern. "Wenn ich einen 15-Jährigen Schiedsrichter habe, der vom Lehrgang kommt und sein erstes Jugendspiel pfeift: Da stacheln Eltern die eigenen Kinder an, 'Nun tret doch mal da rein, hau den weg'. Dann sieht der Schiedsrichter das Foul nicht, das die Eltern mit provoziert haben. Und dann machen die Eltern den Schiedsrichter an."

Oftmals wissen Spieler gar nicht, dass sie daneben liegen. "Am schlechtesten", sagt Kunze, "kann man A-Jugend und Alte Herren pfeifen." A-Jugendliche seien oft Schlaumeier, Hitzköpfe, die sich nichts sagen ließen. Auch bei den Alten Herren seien " viele Klugscheißer dabei".

Einen Grund für die Verrohung der Sitten sieht Kunze bei den Vorbildern: den Profis. Wenn Spieler in der Bundesliga nach Schiedsrichterentscheidungen lange diskutieren, wenn sie sich gestenreich aufregen ist das für Amateure immer auch ein Signal: Wer gut sein will, lässt sich nichts gefallen. Auch nicht vom Schiedsrichter.

Sportpsychologe Sigel sieht den Profisport, sprich die Bundesligavereine, den DFB und die Spieler, in der Pflicht: "Die Vorbildfunktion der Profis ist weitgehend verloren gegangen. Dabei müssten gerade sie Werte wie Fairness, Ehrlichkeit und soziales Miteinander vorleben."



insgesamt 318 Beiträge
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jkbremen 28.08.2016
1. Da hilft nur
Da hilft nur Aufhören. Einfach nicht mehr tätig sein als Schiri. Sollen die Fußballproleten doch sehen wo sie bleiben. Unsere Gesellschaft redet sich ja auch ein, dass es Fan"kultur" sei wenn grölende Massen zu den Stadien ziehen, besoffen in Vorgärten pinkeln und ganze Stadtteile terrorisieren. Die Kosten für allwöchentliche Polizeieinsätze trägt ja die Allgemeinheit statt dass die Vereine damit belastet werden.
Leser heute 28.08.2016
2. Rote Karte ist eine gute Lösung
Wer widerspricht, diskutiert, gar beleidigt oder auch einfach nur zu ungläubig schaut, bekommt Rot. Wenn ein paar Schiedsrichter das nur ein Wochenende durchziehen, ist das besser, als ständige Artikel zum selben Thema. Wird das Spiel halt etwas übersichtlicher.
sachse78 28.08.2016
3. Stimmt
Die Profis sind schlechte Vorbilder. Die sinnlosen Schauspielereien kopiert schon die F Jugend. Respekt vor Anderen ist ein generelles Problem unserer Gesellschaft. Ist scheinbar politisch nicht gewollt. Sei Dir selbst der nächste ist das Motto der Moderne. Das lernen Kids schon im Kindergarten.
keinspiegel 28.08.2016
4.
Die Gewalt gegen Schiedsrichter zeigt hier "nur" eine Facette der hässlichen sozialen Entwicklungen die in Deutschland.
cm1 28.08.2016
5. Schlaffe Kultur
In einer entfernt verwandten Sportart sind diese Probleme so gut wie unbekannt: Beim American Football. Woran könnte das liegen? Liegt es tatsächlich an unseren kurzbehosten "Idolen"? In der NFL spielen zwar harte Männer, aber ein Pfiff des Referees wird respektiert. Auch beim Handball sehe ich selten bis nie diese albernen Auftritte von Spielern wie im Fußball.
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