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Gewalt im Fußball Frenetische Fanatiker

Die Vorfälle rund um das Hertha-Spiel haben gezeigt, wie gewaltbereit die hiesige Fußballszene geworden ist. Als Konsequenz drohen der Liga italienische Verhältnisse - auch Partien ohne Auswärtsfans sind möglich. Doch im internationalen Vergleich nehmen sich die Vorkommnisse harmlos aus.
Von Jan Reschke

Die Szenen ähneln sich. Es ist der 24. Spieltag in der ersten türkischen Liga, in der Partie zwischen Diyarbakirspor und Bursaspor fliegen laufend Gegenstände auf das Spielfeld. Polizisten müssen Spieler, die eine Ecke oder einen Einwurf ausführen wollen, mit Schilden beschützen. In der 17. Minute stürmt ein tobender Mob das Spielfeld auf der Jagd nach Spielern und Offiziellen. Die Partie muss abgebrochen werden. Bilanz: Zehn Verletzte, darunter auch ein Schiedsrichterassistent, der von einem Stein am Kopf getroffen wurde.

Auch am 25. Spieltag, eine Woche später, Diyarbakirspor spielt auswärts gegen Belediyespor, kommt es zum Gewaltausbruch. Als Belediyespor in der 87. Minute das Führungstor erzielt, stürmen etwa 60 aufgebrachte Diyarbakirspor-Anhänger erneut das Spielfeld, wieder wird die Partie nicht zu Ende gespielt.

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Gewaltbereite Fans: Krawalle in ganz Europa

Foto: KAI UWE KNOTH/ APN

Da sieht der Vorfall in Berlin vom Wochenende, als Hertha-Anhänger nach dem Spiel gegen Nürnberg im Stadioninnenraum zahlreiche Gegenstände zertrümmert hatten, im Vergleich sogar noch harmlos aus. In Europa und Südamerika häufen sich derzeit Gewaltexzesse im Zusammenhang mit Fußballspielen. Am Freitag vergangener Woche wurden bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Fußballfans in Argentinien zwei Menschen getötet. In der Stadt Rosario wurde ein Mitglied einer Fangruppe des lokalen Clubs Rosario Central von Unbekannten vor seinem Haus erschossen. Nach ersten Erkenntnissen sollen Mitglieder einer rivalisierenden Fangruppe desselben Clubs dem 34-Jährigen fünfmal in den Kopf geschossen haben. In Buenos Aires wurde ein 21-Jähriger bei einem Straßenkampf zwischen verfeindeten Fußballfans des Zweitligaclubs Defensa y Justicia erstochen.

Auch in Europa gab es bereits Todesfälle. Im Oktober vergangenen Jahres wurde in Bosnien vor dem geplanten Erstligaspiel zwischen Siroki Brijeg und dem FC Sarajevo ein FC-Anhänger erschossen. Mehrere hundert Gästefans hatten zuvor Steine in Geschäfte und Bars geworfen und zahlreiche Fahrzeuge demoliert.

Nur eine Woche zuvor war ein Anhänger des FC Toulouse so heftig mit Eisenstangen attackiert worden, dass er schließlich seinen Verletzungen erlag. 30 serbische Hooligans hatten eine Gaststätte gestürmt, in der sich einige Franzosen auf die Europa-League-Begegnung mit Partizan Belgrad eingestimmt hatten. Insgesamt 200 Partizan-Fans hatten sich eine Straßenschlacht mit der Polizei geliefert.

Bei Auseinandersetzungen im englischen Derby zwischen West Ham United und dem FC Millwall wurde im vergangenen Sommer ein 44-jähriger Mann niedergestochen, er hatte Glück und überlebte die Attacke. Schon während des Spiels und nach dem Schlusspfiff waren Fans auf das Spielfeld im Stadion Upton Park gestümt.

Die Liste könnte fortgesetzt werden.

Allen Vorfällen war gemein, dass harte Sanktionen durch die jeweiligen Fußballverbände folgten. Beispielsweise verhängte der Kontroll- und Disziplinarausschuss der Uefa drastische Strafen, nachdem es im Zuge der Europapokal-Partie zwischen dem rumänischen Club Timisoara und Dinamo Zagreb zu schweren Krawallen gekommen war. Zagreb musste zwei Heimspiele vor leeren Rängen austragen, zudem wurden dem Club drei Punkte in der Gruppenphase abgezogen. Damals sagte Dinamos Chef Damir Vrbanovic: "Wir sind schockiert. Nicht im Traum hätten wir gedacht, dass man uns drei Punkte abziehen würde."

Doch es wird künftig nicht bei Strafen bleiben. Auch Präventionsmaßnahmen werden verschärft. So dürfen Fans des 1. FC Nürnberg, seitdem sich beim Abbrennen von Pyrotechnik acht Personen in Bochum teils schwer verletzt hatten, Eintrittskarten für Auswärtsspiele nur noch personalisiert erwerben und nicht übertragen. Personen mit Stadionverbot dürfen sich bei Heimspielen dem Stadion in Nürnberg in einem Umkreis von etwa einem Kilometer nicht mehr nähern, außerdem gibt es Meldeauflagen. Zudem könnte es bei weiteren Vorkommnissen dazu kommen, dass Nürnberg auf den Verkauf von Tickets für Auswärtsspiele verzichtet.

In Italien gibt es schon länger personalisierte Tickets. Die müssen lange im Voraus im Internet oder einer Vorverkaufsstelle gekauft werden. Name, Adresse, Ausweis- und die Steuernummer müssen dabei angegeben werden - der AS Rom hat als Folge die überflüssigen Kassenhäuschen am eigenen Stadion abgebaut.

Bayer-Fans im Stadion De Grolsch Veste unerwünscht

Welche Szenarien Fans bei andauernden Krawallen zudem drohen könnten, verdeutlicht das Testspiel zwischen Bayer Leverkusen und Twente Enschede im Januar. Dort war den Bayer-Fans von der niederländischen Polizei zuvor mitgeteilt worden, dass sie im Stadion De Grolsch Veste unerwünscht seien. "Die Polizei möchte mit dieser Maßnahme verhindern, dass es Auseinandersetzungen ausgehend von niederländischen Fans geben könnte", erklärte Bayer-Kommunikationsdirektor Meinolf Sprink seinerzeit. In Kolumbien brachte der Abgeordnete Juan Carlos Granados einen Gesetzentwurf ein, demzufolge Hooligans mit Haftstrafen von bis zu 15 Jahren Gefängnis bestraft und sie vor der Justiz mit Terroristen gleichgestellt werden sollen.

So weit wird es in Deutschland nicht kommen - doch wenn es so weitergeht, werden irgendwann auch hier die Kassenhäuschen abgebaut.

Mit Material von sid und dpa