Gewandelter Teamchef Riese Rudi, Vater Völler

Erst wurde er ins Amt geschubst, nun gilt er als Idealbesetzung. Rudi Völler ist seit dreieinhalb Jahren Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und endlich ein richtiger Trainer geworden. Bei der EM-Probe nächste Woche in Bukarest betreut er die DFB-Auswahl zum 47. Mal.


Teamchef Völler und Bundestrainer Skibbe (r.): Kaffeerunde mit Folgen
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Teamchef Völler und Bundestrainer Skibbe (r.): Kaffeerunde mit Folgen

Sicher, er hätte "Nein" sagen könen, als sie ihn fragten: "Hey Rudi, warum nicht du?" Schließlich hätte er ein paar sehr gute Gründe vorzutragen gehabt. Zum Beispiel, dass er bis dahin noch nie als Trainer gearbeitet und doch gerade erst bei Bayer Leverkusen als Sportdirektor Fuß gefasst hatte. Aber es verhielt sich so, an der Kaffeetafel in der Villa des Kölner Versicherungsagenten Erwin Himmelseher, dass die Gespräche an einem Punkt angelangt waren, an dem nichts mehr vor und zurück ging.

Die Honoratioren des deutschen Fußballs, Rummenigge, Hoeneß, Calmund, Mayer-Vorfelder und andere, hatten sich seit dem Mittag darüber unterhalten, wer denn nun die schwierige Nachfolge von Erich Ribbeck als Nationaltrainer antreten könnte, nach einer Europameisterschaft, die "desaströs" zu nennen noch geschmeichelt wäre. Es hatte sich bald herausgestellt, dass der designierte Nachfolgekandidat Christoph Daum wohl erst in zehn Monaten zur Verfügung stehen würde und irgendwann am Nachmittag stellt dann einer die befreiende Frage: "Warum nicht du?" Und weil Völler niemand ist, der sich verweigert, wenn er dringend gebraucht wird, verließ er das Anwesen im Frechener Stadtteil Königsdorf als Teamchef der deutschen Nationalelf.

Dreieinhalb Jahre sind seit dieser Kaffeerunde vergangen. Dreieinhalb Jahre, in denen sich vieles verändert hat. Die Nationalelf, die Erwartungen an sie, das Bild von Rudi Völler in der Öffentlichkeit, vor allem aber Rudi Völler selbst. Was auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu erkennen ist. Denn Völler zwinkert so verschmitzt wie damals, die Frisur von einst ähnelt der heutigen und wenn Rudi Völler Interviews gibt, findet sich darin sehr verlässlich die Feststellung von den Kleinen, die es nicht mehr gibt. Und doch.

"Als der Rudi Völler bei uns aufgehört hat, hat man ketzerisch gesagt: Das war ein toller Fußballer. Ein netter Kerl, der immer mit beiden Beinen auf der Erde stand. Aber im Bereich Management war er gar nicht drin", erinnert sich Leverkusens Manager Reiner Calmund: "Der ging als Spieler zur Rezeption, ließ sich den Hotelschlüssel, eine Tüte Erdnüsse und eine Dose Cola geben und verschwand in seinem Zimmer. Oben hat er den Fernseher angemacht und seine Erdnüsse gegessen. Dann hat er gut trainiert, gut Fußball gespielt, gut Karten gespielt, ein bisschen Schwätzchen gehalten. Aber wie gesagt: Das war ein anderes Leben."

Das neue Leben brach mit voller Wucht über Völler herein. Er wolle "seine Linie" durchziehen, hatte Völler gleich nach seinem Amtsantritt tapfer verkündet. Er hat Zeit gebraucht, um diese Linie zu finden. Zu überraschend war er wohl in das Amt berufen worden, als dass er sich bereits ausführlich Gedanken um die Nationalelf hŠtte machen kšnnen. Und so vertraute er in den ersten Wochen und Monaten vornehmlich den erprobten Standards. Dass es "wieder Spaß machen" solle, zur Nationalelf zu fahren und dass er die Spieler "kämpfen sehen" wolle.

Völler (r.) und Ersatzkeeper Lehmann: Emanzipierung vom Beckenbauer-Modell
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Völler (r.) und Ersatzkeeper Lehmann: Emanzipierung vom Beckenbauer-Modell

Solche Bekundungen kamen gut an, zumal von einem, der in seinen 90 Länderspielen immer als Liebling des Publikums daherkam. Parallel vergewisserte sich Völler seiner Position im DFB. Flugs emanzipierte er sich dabei vom so genannten Beckenbauer-Modell. Die angedachte Rollenverteilung, hier der Teamchef Völler als lächelndes Idol fürs Volk, dort der Taktiker Michael Skibbe für die fachliche Arbeit, legte Völler schnell zu den Akten. Hatte er anfangs seine Arbeit noch sehr leger beschrieben: "Ich habe ja keine Trainerlizenz, so wird es ähnlich wie 1984 beim Franz sein: Er war ja Teamchef und hat das Training selbst nicht geleitet", so wurde spätestens, als klar wurde, dass Christoph Daum nun wohl doch nicht Bundestrainer werden würde, die Hierarchie im Trainergespann zurechtgerückt: Völler Teamchef, Skibbe Assistent.

Auch der Teammanager Karlheinz Rummenigge, den Völler anfangs noch als Caddy zur Seite gestellt bekommen hatte, kümmerte sich alsbald wieder um den FC Bayern, Rudi Völler kam allein zurecht. Viel diffiziler als die interne Positionierung erwies sich jedoch die Korrektur der öffentlichen Erwartungshaltung. Erste Siege gegen Spanien und Griechenland hatten schnell eine neue Euphorie rund um die Nationalelf ausgelšst, doch Völler wusste die Spiele richtig einzuordnen, als befreiender Akt nach der überstandenen Ribbeck-Amtszeit. Und spätestens nach dem kläglichen Münchner 1:5-Debakel gegen England in der WM-Qualifikation wurde klar, dass für die deutsche Nationalelf kein kurzer Weg zurück in die Weltspitze führen würde.

Genervter Völler: Unterschwellige Kritik an dessen Amtsführung
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Genervter Völler: Unterschwellige Kritik an dessen Amtsführung

Völler entwarf den Weg der neuen Mitte, den er seither offensiv vertritt. Sein Credo in nur geringfügig abgewandelten Varianten: Nicht ganz so stark wie die ganz großen Nationen, aber immer noch konkurrenzfähig. Oder mit den Worten Völlers: "Nicht so schwach, wie immer behauptet wird, aber auch nicht so stark, wie über uns nach der WM 2002 geschrieben wurde." Die WM 2002. So erfolgreich sie war, so deutlich wird Völler nach dem Turnier gewesen sein, dass es so nicht weiter gehen konnte. Die überraschende Finalteilnahme hatte nämlich die unterschwellige Kritik an der Amtsführung Völlers, zumindest aber an seinen mitunter kruden Personalentscheidungen, nur mühsam verdeckt.

Dass er etwa den gänzlich erfolglosen Stürmer Carsten Jancker mit nach Asien nahm, den Torschützenkönig Martin Max von 1860 München hingegen nicht berücksichtigte, löste bundesweit Kopfschütteln aus. Und auch für seine Nibelungentreue zu altgedienten aber wenig dynamischen Kämpen wie Marko Rehmer, Jens Jeremies oder Christian Wšrns wurde er gescholten. Die Völlersche Mixtur aus taktischen Bedürfnissen und einer bauchgesteuerten Würdigung vergangener Verdienste war nur sehr wenigen Betrachtern ersichtlich.



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