Fifa Glaubwürdigkeit geht nicht erst kaputt, wenn Handschellen klicken

Fifa-Präsident Gianni Infantino wehrt sich gegen die Football-Leaks-Vorwürfe - und argumentiert dabei streng juristisch. Doch ein moralischer Neustart bei der Fifa ist mit ihm nicht möglich.

DPA/ Benedikt Rugar/ DER SPIEGEL

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Nun hat er also gesprochen. Und gesprochen und gesprochen. Gianni Infantino, der umstrittene Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa. Er gab dem Schweizer Boulevardblatt "Blick" ein so langes Interview, dass es in drei Teilen erschien.

Infantino wollte sich erklären, aber vor allem wollte er sich beschweren. Über Football Leaks, die neuen Vorwürfe gegen ihn. Und wie "unfair" das Enthüllungsteam rund um den SPIEGEL, das EIC und den NDR mit dem Verband und seiner Person umgesprungen sei. Schon die Fifa hatte in einer Pressemitteilung geklagt, man habe Hunderte Fragen bekommen. Aber was hätten die Journalisten mit den "ehrlichen und offenen Antworten" gemacht? Die meisten einfach "ignoriert".

Was die Fifa geflissentlich selbst "ignoriert": Der NDR, einer der Recherchepartner, hatte Infantino vor den Veröffentlichungen dreimal um ein Interview gebeten - vergeblich. Davon abgesehen: Viele der "offenen und ehrlichen" Antworten enthielten Dinge, nach denen keiner die Fifa und ihren Präsidenten gefragt hatte. Umgekehrt war die Fifa auf Dutzende Fragen nicht eingegangen.

Beispiele gefällig? Zu welchen Fußballspielen hatte Infantino seinen alten Duzkumpel, einen Schweizer Staatsanwalt, auf Fifa-Kosten eingeladen? Keine Antwort. Zu welchen Fifa-Treffen? Keine Antwort. Wie viel war das wert? Keine Antwort. Wer zahlte Flug und Hotel? Von der Fifa: keine Antwort. Zumindest nicht vor Erscheinen der Football Leaks.

Allein 89 Fragen bekam sie dazu, dass früher, in Infantinos Zeit als Uefa-Generalsekretär, reiche Klubs mit Samthandschuhen angefasst wurden, wenn sie gegen die Regeln des Financial Fairplay verstoßen hatten. Die Antwort: 26 Zeilen, gefüllt mit Allgemeinplätzen - was Financial Fairplay heißt, wie es überwacht wird. Nicht ein Satz zu den beiden größten Fällen, den Scheichklubs Manchester City und Paris Saint Germain.

Damit war Infantinos Verteidigungslinie auch in der Sache vorgezeichnet. Was Infantino an Fragen nicht passt, wird in den Antworten passend gemacht. Und wenn es darum geht, seine Macht zu verteidigen, argumentiert er, wie es ihm gefällt.

Zunächst mal streng legalistisch: In den Artikeln sei ihm nicht eine juristische Verfehlung nachgewiesen worden, kein einziger illegaler Geldfluss, keine einzige illegale Aktion, sagte Infantino im "Blick". Heißt wohl: Erst wenn ihm ein Rechtsbruch vorgeworfen wird, muss sich Infantino möglicherweise verantworten.

Das ist ein Armutszeugnis: Infantino war angetreten, die Fifa aus ihrer größten moralischen Krise zu retten. Der Weltverband stand kurz davor, von US-Ermittlern als Mafiaorganisation eingestuft zu werden, so korrupt und verkommen war er in den Jahren unter Langzeitpräsident Sepp Blatter gewesen. Als sein Nachfolger versprach Infantino bei der Wahl 2016 einen moralischen Neustart. Dass er "integer" sei, dass die Fifa mit ihm an der Spitze wieder glaubwürdig werde.

Glaubwürdigkeit geht aber nicht erst kaputt, wenn Handschellen klicken, sondern früher: Wenn ein Funktionär wie Infantino die Öffentlichkeit hintergeht, wenn er anders handelt als spricht, wenn er Regeln so auslegt, wie es vielleicht noch legal, aber nicht mehr legitim ist. Dass Infantino formal argumentiert, um sich reinzuwaschen, zeigt also nur, dass er die Mission saubere Fifa nicht verstanden hat. Oder nicht ernst nehmen will.

So streng juristisch er sich einerseits verteidigt, so locker nimmt es Infantino mit den Regeln dann andererseits. Er hat als Generalsekretär in Geheimverhandlungen die beiden Scheichklubs Paris und Manchester City mit Alibi-Strafen für ihre Verstöße davonkommen lassen. Der Ausschluss aus der Champions League, die härteste - und angesichts der Verstöße angemessene Strafe - ersparte er ihnen. Dabei wäre es Infantinos Aufgabe als Uefa-Generalsekretär gewesen, die Regeln der Uefa transparent und für alle gleich anzuwenden.

"Unser Ziel bei der Uefa war es immer, die Klubs bei uns zu behalten"

Nun überrascht er im Interview mit einer Aussage, wonach die Leitidee von Financial Fairplay gar nicht Gerechtigkeit im europäischen Fußball gewesen sein soll, Chancengleichheit für alle, die Wettbewerbsfähigkeit von Klubs, die sich nicht für die Milliardengeschenke eines Scheichs prostituieren wollen. Sondern: "Unser Ziel bei der Uefa war es immer, die Klubs bei uns zu behalten. Nicht, sie rauszukicken. Also verhandelt man und sucht Lösungen, das war mein Job als Generalsekretär."

Mit Paris und Manchester verhandelte er, frei nach den Regeln, so biegsam, dass sie, egal was sie gemacht hatten, nicht gesperrt wurden. Und mit kleineren, ärmeren Klubs verhandelte die Uefa eben anders. An denen vollzog sie ein Exempel - wer würde einen Verein wie den FC Sion aus der Schweiz in einem Europawettbewerb schon groß vermissen?

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Zu einer Kritik sagte Infantino jetzt auch im "Blick" nichts: dass die Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura nur eine Marionette sei, die er nach seinem Willen steuern könne. Laut Satzung soll aber Samoura die Fifa-Geschäfte führen, während er, Infantino, nur eine Art Bundespräsident ist, der oberste Repräsentant, der sich aus dem Alltagsgeschäft heraushalten muss.

Immerhin, beim Interview mit dem "Blick" saß seine Generalsekretärin neben ihm, manchmal forderte er sie sogar auf, etwas zu sagen. Jüngst beim Fifa-Treffen in Kigali war das noch anders. Da erklärte Infantino der Weltpresse, was die Fifa alles beschlossen hatte; von Samoura keine Spur. Etwas Wirkung haben die Enthüllungen also doch gehabt. Und wenn es nur die ist, dass Infantino die Fifa im Schaufenster der Öffentlichkeit jetzt anders in Szene setzt.

insgesamt 9 Beiträge
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palerider78 12.11.2018
1. Könnte so einfach sein:
Boykott der Veranstaltungen, weder vor Ort noch in den Medien.Plus Boykott der Sponsoren. Erst wenn der Konsument den Geldhahn zudreht und das System nicht mehr speist, ändert sich was. Alles Enthüllen und Empören bringt NICHTS, solange keine Konsequenzen gezogen werden.
unpolit 12.11.2018
2. Moral oder Geld,
das ist hier die Frage. Es geht nur noch um Geld. Gern auch gemeinnützig verbrämt. Damit die Kosten auf die Allgemeinheit abgewälzt werden können und Steuerbehörden nicht so genau hinschauen. Da ist für Moral kein Raum mehr.
urbanism 12.11.2018
3. das Märchen vom ehrlichen Profi Sport
warum wollen wir nicht wahrhaben das Geldsummen in Milliardenhöhe und Korruption immer einhergehen. Die FIFA genauso wie die UEFA oder das Olympische Komitee vereinen die größten Geldgeschäfte im Rahmen sportlicher Großereignisse. Wer Milliarden in sportliche Veranstaltungen steckt will nicht dass das Glück entscheidet, sondern er will sicher sein, dass seine Investitionen Ertrag bringen. Wann lösen wir uns von dem Märchen des ehrlichen Profi Sports.
2cv 12.11.2018
4. Ich bin raus...
...und habe sowohl der Champions League als auch allen aanderen ausser BuLi den Rücken gekehrt, werde keine Tickets mehr kaufen. Auch die TV-Abos habe ich in der letzten Woche zum nächstmöglichen Termin gekündigt. Es geht auch ohne. Wer macht sonst noch mit?
busbernd 12.11.2018
5. Mehr als uninteressant!
Sollte es wirklich Leute geben, die glauben,dass sich in der ?Nach-Blatter-Zeit? etwas geändert hat. Auch ?Kindchen? ist durch und durch korrupt und wird den Ruf der FIFA als Fussball-Mafia festigen.Penuncia non olet.
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