Fifa-Boss Infantino "Schlimmer als Blatter"

Er will mehr Geld - und Macht über unliebsame Kontrolleure: Der neue Fifa-Chef Infantino hat beim Kongress des Fußball-Weltverbands viel Misstrauen gesät. Mit der Aufbruchstimmung ist es vorbei.
Fifa-Präsident Gianni Infanitno

Fifa-Präsident Gianni Infanitno

Foto: Rebecca Blackwell/ AP

Dieser 66. Fifa-Kongress in Mexiko sollte ein Kongress der Erneuerung werden. "The crisis is over", erklärte Präsident Gianni Infantino wie einst sein Vorgänger Joseph Blatter. Während in Amerika und Europa Kriminalbehörden gegen langjährige Fifa-Größen und organisierte Fußballkriminalität ermitteln, verwandelte Infantino die Vollversammlung in Mexiko-Stadt in einen Kongress der Restauration.

Geradezu handstreichartig gelang es ihm, seinen Einfluss und die Macht des neuen Fifa-Councils auszubauen. Zu den Kernpunkten des erst im Februar auf dem Sonderkongress in Zürich verabschiedeten sogenannten Reformpakets zählten allerdings Regularien, die genau das Gegenteil bewirken sollten. Die Befugnisse des Fifa-Präsidenten und des Councils sollten beschnitten werden.

Infantino zauberte wenige Stunden vor dem Kongress in Mexiko die Uno-Mitarbeiterin Fatma Samoura aus dem Senegal als neue Generalsekretärin aus dem Hut, ohne dass diese Personalie einer eingehenden Prüfung mit einem Integritätscheck unterzogen worden wäre - dabei hatte der Weltverband noch wenige Tage zuvor verlauten lassen, mit einer Neubesetzung des Vorstandspostens wäre erst im Herbst 2016 zu rechnen. Über Samoura, die erst eingearbeitet werden muss, sichert sich Infantino auch für die nächsten wichtigen Monate entscheidenden Einfluss in der Fifa-Administration.

Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura

Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura

Foto: PIUS UTOMI EKPEI/ AFP

Zugleich peitschte Infantino am Freitag jenen dubiosen und höchst umstrittenen Passus durch, der tags darauf umgehend zum Rücktritt des verdienstvollen Domenico Scala als Chef der Audit und Compliance Kommission führte: Das Fifa-Council kann ab sofort Mitglieder der Rechtsorgane ernennen und absetzen. Dazu zählen die Compliance-Kommission, die beiden Kammern der Ethikkommission sowie das Berufungs- und Disziplinarkomitee.

Entscheidend ist hier die Entlassungsklausel, die selbst die letzten wohlmeinenden Fifa-Beobachter hilflos zurücklässt. Zu Infantinos Erfüllungsgehilfen gehörten einmal mehr die Deutschen: Councilmitglied Wolfgang Niersbach und der neue DFB-Präsident Reinhard Grindel, die Infantinos Vorgehen mittrugen. Dass ausgerechnet Grindel nun als Kandidat für die Governance-Kommission der Fifa gehandelt wird, passt ins Bild.

Infantinos Coup war ein Schritt in die Vergangenheit, dessen Folgen noch nicht abzusehen sind. Das Label "Reform" wurde erneut schwer beschädigt. Was bedeutet das in der Praxis? Es ist jenen Councilmitgliedern, die wie der ehemalige DFB-Präsident Niersbach im Fokus der Ethikkommission stehen, nun möglich, im Council darauf hinzuwirken, hartnäckige Ethik-Ermittler wie den Schweizer Cornel Borbély abzusetzen.

Zurückgetretener Fifa-Controller Domenico Scala

Zurückgetretener Fifa-Controller Domenico Scala

Foto: RUBEN SPRICH/ REUTERS

Infantino selbst geriet nach Veröffentlichung der Panama Papers in Erklärungsnot, weil er als ehemaliger Uefa-Manager dubiose Verträge unterzeichnet hatte. Nur wenige Stunden nach den Enthüllungen hatte die Staatsanwaltschaft Anfang April die Uefa-Zentrale in Nyon durchsucht und ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eröffnet. Borbély & Co. beobachten diese Entwicklungen sehr genau.

Scala sprach in seiner Rücktrittserklärung davon, Ermittlungen gegen einzelne Councilmitglieder könnten "jederzeit verhindert" werden. Personen der Rechtsorgane könnten durch "Drohung der Absetzung gefügsam gehalten werden", die Gremien würden "faktisch ihrer Unabhängigkeit beraubt" und zu Erfüllungsgehilfen derjenigen degradiert, "die sie eigentlich überwachen sollten".

Die Fifa wies derartig realistische Optionen in das Reich der Legenden. In einer Stellungnahme hieß es, Scala habe "fehlinterpretiert", "gegenstandslose Behauptungen" aufgestellt, die Gefahren seien "gänzlich unbegründet". Man muss den Wirtschaftsmanager Scala nicht verherrlichen, wenn man feststellt, dass er entscheidenden Anteil daran hat, dass die Fifa überhaupt noch existiert und im Februar wichtige Satzungsänderungen verabschiedet worden sind.

Strafrechtler und Fifa-Kenner Mark Pieth

Strafrechtler und Fifa-Kenner Mark Pieth

Foto: Walter Bieri/ picture alliance / dpa

Nun hat er sich sportpolitisch über den Tisch ziehen lassen und wurde von Infantinos Taschenspielertrick überrascht. Er trat zurück, die Ethikchefs Borbély (Ermittlungskammer) und Hans-Joachim Eckert (rechtsprechende Kammer) bleiben im Amt, sehen derzeit noch keinen Grund für eine Demission, sind allerdings gewarnt und verwundert.

Infantino scheint sich nicht um die Fifa-Statuten zu scheren. Diese These wird auch durch seinen Umgang in der Gehaltsfrage genährt. So erklärte der Präsident in Mexiko-Stadt öffentlich, er habe das Council darüber informiert, dass er nicht einverstanden sei mit dem ihm angebotenen jährlichen Salär von angeblich zwei Millionen Schweizer Franken.

Sein Vorgänger Blatter, der sechs Jahre gesperrt wurde, hatte allein im vergangenen Jahr 3,6 Millionen kassiert. Infantino, so heißt es, wolle wie Blatter Spitzenverdiener der Fifa werden. Dabei soll es gemäß Regelwerk so laufen, dass die Festsetzung der Gehälter durch die Vergütungskommission nicht verhandelbar ist. Topverdiener soll der Chef der Fifa-Administration sein, demnächst also Fatma Samoura. Infantino hat damit offensichtlich ein gewaltiges Problem.

"Geldgier" zerstöre die "Fifa-Reformen", erklärte deshalb der Strafrechtler und frühere Fifa-Kontrolleur Mark Pieth in der Schweizer Zeitung "Blick". Infantino sei "noch schlimmer und plumper als Blatter", zürnte Pieth, einer der Architekten der neuen Fifa-Statuten: "Ein Kontrollfreak, der wegräumt, was ihm nicht passt."

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Fifa-Kongress: Infantinos Kür zum Fifa-Präsidenten

Foto: Patrick B. Kraemer/ dpa