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14. Oktober 2016, 20:03 Uhr

Mögliche WM-Ausweitung

32? 40? 48?

Aus Zürich berichtet

Ab 2026 soll es mehr Teilnehmer bei der Fußball-WM geben. Die Abstimmung erfolgt im Januar, am Ausgang gibt es wenig Zweifel. Auch bei der Wahl des Austragungslandes zeichnet sich schon ein Favorit ab.

Auch wenn es noch nicht offiziell ist, sie wird kommen, die Ausweitung des größten und wichtigsten Fußballturniers der Welt. Ab der WM-Endrunde 2016 wird wohl statt bisher mit 32 Mannschaften mit 40 oder gar 48 Teams gespielt. Diese Neuerung war ein Wahlversprechen des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino.

Die letztendliche Abstimmung erfolgt zu Beginn des kommenden Jahres. Der neu strukturierte Fifa Council, ein Rat mit derzeit 32 von 37 möglichen Mitgliedern, trifft sich das nächste Mal am 9. und 10. Januar. Am 10. Januar wird der Weltfußballer des Jahres 2016 ausgezeichnet. Da man diese Ehrung mit dem WM-Thema nicht torpedieren will, dürfte eine Abstimmung auch erst dann erfolgen.

Die Befürworter der Ausweitung sind klar in der Mehrheit, dezenter Widerstand regt sich nur außerhalb des Fifa-Vorstands. Infantino behauptete zum Abschluss der aktuellen Council-Sitzung in Zürich, die WM-Erweiterung sei weder eine politische, noch eine finanzielle Entscheidung. Vielmehr gehe es um den besten Weg, den Fußball weltweit zu fördern: "Nichts kann den Fußball besser entwickeln, als wenn sich mehr Nationen für eine WM qualifizieren können und dem Sport einen gewaltigen Schub geben", sagte Infantino.

Infantino über Löw-Kritik: "Für den Weltmeister ist es einfach"

Selbst skeptische Vertreter wie Vizepräsident David Gill aus England, langjähriger Präsident von Manchester United, äußerten sich im "Home of Fifa" in Zürich zurückhaltend. Gill verwies darauf, dass man jetzt in eine Beratungsphase mit Vertretern von Klubs, Ligen und Profis gehe, dass viel Arbeit aber bereits getan sei. Man müsse "realistisch bleiben und alle positiven wie negativen Argumente abwägen".

Gill verwies auf eine Aussage Joachim Löws, der die Ausweitung ablehnt: "Das ist immerhin der Trainer des Weltmeisters und er sollte gehört werden", sagte der englische Funktionär. Eine Verwässerung der WM durch eine Ausweitung, wie Löw es befürchtet, sehe Gill aber nicht. Er erinnerte an die guten Auftritte von Wales und Island bei der bereits erweiterten EM in Frankreich. Infantino konterte die Löw-Kritik direkt: "Für den Weltmeister ist es einfach, eine Meinung zu haben, wenn es um die WM geht", sagte der Präsident der Deutschen Presse-Agentur: "Was kann ich ihm sagen? Dass er offen sein muss für Erneuerung, für den Fußball, für die Fußballentwicklung. Dass nicht alle die Chance haben, sich wie Deutschland jedes Mal zu qualifizieren."

Mancher Sitzungsteilnehmer erwartet, dass Infantino zum nächsten Council-Meeting im Januar nicht nur ausgefeilte WM-Formate, sondern auch potenzielle neue Fifa-Geldgeber präsentiert, die die Einnahmen steigern. Mit einem höheren Anteil aus den WM-Erlösen dürften die verschiedenen Parteien befriedet werden - vor allem die Vereine, die beispielsweise in der von Karl-Heinz Rummenigge geleiteten europäischen Vereinigung ECA organisiert sind. So war es auch bei der Diskussion über die Verlegung der WM 2022 in Katar vom Sommer in die Vorweihnachtszeit.

Neuer Modus noch unklar

Zum konkreten Format einer erweiterten WM gab es in Zürich keine offiziellen Angaben. Hochkompliziert ist das allerdings nicht. Bei einer Variante mit 40 Nationen wären acht Gruppen mit je fünf Mannschaften möglich, aus denen sich jeweils zwei Teams für das Achtelfinale qualifizieren. Die Gesamtzahl der Spiele würde von derzeit 64 auf 96 steigen - um 50 Prozent. Das dürfte zu viel sein.

Infantino hat kürzlich über einen Modus mit 48 Teams geredet: Er sprach von 16 Teams, die bei der eigentlichen Endrunde gesetzt seien und 32 weiteren, die in 16 Playoff-Spielen 16 weitere Teilnehmer ermitteln. Die insgesamt 32 Mannschaften in der Endrunde könnten dann im bisherigen WM-Format weiterspielen. Das wären insgesamt 80 Partien. Dadurch, dass weniger Teams nach der WM-Qualifikation gesetzt sind, könnte dann aber auch für einige große Mannschaften bei einer Niederlage in den Playoffs schon vor der Endrunde Schluss sein. Es bleibt die Frage, ob die Fifa das Risiko eingehen will, bei der WM auf solche unter Marketingaspekten wichtige Nationen zu verzichten.

In Zürich wurde außerdem über mögliche Austragungsorte des Turniers im Jahr 2026 gesprochen. Zuletzt galt China hier als Kandidat. Dazu hätte die Fifa allerdings ihre Statuten ändern müssen. Eine WM darf nicht zweimal nacheinander an ein Mitglied derselben Konföderation vergeben werden. 2022 findet die höchst umstrittene WM in Katar statt, also in der asiatischen Konföderation AFC.

USA sind Topkandidat für 2026

Damit kommt China frühestens 2030 als WM-Gastgeber in Frage, wahrscheinlich sogar erst 2034. Denn der Council beschloss, am bislang ungeschrieben Prinzip festzuhalten, eine WM frühestens nach zwei Turnieren auf anderen Kontinenten wieder an dieselbe Konföderation zu vergeben. Eine Ausnahme würde nur gemacht, wenn Kontinentalverbände keinen Bewerber finden, der die Anforderungen erfüllt.

So bleiben die USA Top-Kandidat für die Austragung der WM 2026. Auch Co-Hosting, also die Veranstaltung in zwei Ländern, soll wieder erlaubt werden. Zusammen mit den USA würden sich dafür Kanada und Mexiko anbieten, die auch an einer eigenen Austragung interessiert sind. Nur wenn die Fifa und der nordamerikanische Verband Concacaf der Meinung wären, dass diese Nationen allesamt nicht geeignet seien, würden Bewerber aus Europa (WM 2018 in Russland) und Asien (WM 2022 in Katar) zugelassen.

Die Anforderungen für künftige WM-Ausrichter sollen wie die Abstimmung über die Erweiterung bei der Council-Sitzung im Januar finalisiert werden. Ein Bewerbungsverfahren soll im Mai 2017 beim nächsten Fifa-Kongress in Manama (Bahrain) eröffnet werden. Gibt es mehrere Bewerber, so entscheidet der Fifa-Kongress 2018 am Vorabend der WM in Russland über den Gastgeber des Turniers 2026.

Olympia-Vergabe verkompliziert das Prozedere

Ein Widersacher für die US-Bewerbung für 2026 gibt es auch bereits: Russlands Sportminister Witali Mutko soll kürzlich gesagt haben, die Amerikaner müssten noch 50 Jahre auf eine WM warten. In Zürich gab sich Mutko überaus selbstbewusst. Zum Auftakt der Council-Sitzung lästerte er in Richtung des US-Verbandschefs Sunil Gulati, der ihm gegenübersaß: Schau, das ist wie einst im Kalten Krieg. Mutko hat die USA in der Diskussion über Russlands staatlich organisiertes Dopingsystem als Drahtzieher einer angeblichen Verschwörung im Fokus.

Verkompliziert wird die Lage dadurch, dass sich derzeit Los Angeles gegen Paris und Budapest für die Olympischen Sommerspiele 2024 bewirbt. Das IOC entscheidet im September 2017 über den Olympia-Gastgeber, neun Monate vor der Entscheidung über den Veranstalter der WM 2026. Die Vergabe der beiden Mega-Events ist wieder einmal eine Rechnung mit vielen Unbekannten - dagegen ist die reine WM-Erweiterung auf 40 oder 48 Mannschaften eine vergleichsweise leichte Übung.

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