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DFB-Sieg gegen Gibraltar Die Nagelprobe folgt im Herbst

Am Ende war es der erwartete Pflichtsieg der Nationalmannschaft gegen Gibraltar. Überzeugt hat das Team von Joachim Löw aber trotz des 7:0 nicht. Die echten Herausforderungen warten noch.

Mit einem solchen Sieg muss sich der Bundestrainer gar nicht mehr lange aufhalten. Großartige Analysen wollte sich Joachim Löw nach dem 7:0-Erfolg beim wackeren Gegner Gibraltar denn auch ersparen. Schließlich schauen sich die Viertelprofis vom Uefa-Neuling Gibraltar den Weltfußball eher aus der Froschperspektive an. "Das heutige Spiel war kein Maßstab für mich", sagte Löw. Dabei hatte selbst die Partie gegen den Fußballzwerg einiges Typisches für die derzeitige Situation der Nationalmannschaft.

Zum Beispiel die Chancenauswertung, besser: die schlechte Chancenauswertung. 7:0 klingt als Resultat erst einmal nicht danach, 1:0 zur Pause dagegen klingt sehr danach. "In der Halbzeitpause musste ich schon etwas deutlicher werden", sagte Löw - und machte klar, wie unzufrieden er mit den ersten 45 Minuten seines Teams gewesen war: "Was wir in der ersten Hälfte an Chancen ausgelassen haben, war schon an der Grenze zur Arroganz."

Egal ob Mesut Özil, Mario Götze, der ihn früh ersetzende Max Kruse, Leverkusens Karim Bellarabi oder der Gladbacher Patrick Herrmann - sie schlugen Luftlöcher, schossen den Torwart an oder verdaddelten in aussichtsreichster Position vor dem Tor. "Gemessen an unseren Möglichkeiten in der Offensive war das viel zu wenig", sagte Löw.

Im Herbst kommen die Schlüsselspiele

Ein Manko, das sich durch das gesamte Nach-WM-Jahr zieht. Die Qualifikationspartien gegen Polen und Irland hätte der Weltmeister bei einer konsequenten Chancenverwertung gewinnen müssen, stattdessen lauteten die Ergebnisse am Ende 0:2 und 1:1. Nur deswegen muss jetzt im Herbst noch um die EM-Teilnahme gezittert werden, wenn die Schlüsselpartien in Dublin und Glasgow gegen Irland und Schottland sowie in Frankfurt gegen Polen anstehen.

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Sieg gegen Gibraltar: Torflut in der zweiten Halbzeit

Foto: Francisco Seco/ AP/dpa

Auch die Schwächen im defensiven Mittelfeld offenbarten sich selbst gegen die Fußballwinzlinge von Gibraltar. Ilkay Gündogan und Sami Khedira laufen ihrer alten Form vor ihren Verletzungen hinterher, für Kapitän Bastian Schweinsteiger gilt im Grunde dasselbe. Unnötige Ballverluste, ungenaue Zuspiele, verlorene Laufduelle - in den Top-Spielen kann sich die DFB-Elf dies auf der Scharnierstelle der Sechs nicht erlauben. Dass der Kapitän zudem noch einen Elfmeter in einer Art und Weise verschoss, die man auch als blasiert bezeichnen kann, gehörte an diesem Abend von Faro zur Abrundung des Bildes.

Die drei Rekonvaleszenten auf der Sechser-Position haben jetzt über den Sommer die Zeit, wieder zu alter Verfassung zu kommen. Überhaupt der Sommer, der Urlaub: Löw setzt viel darauf. Auch am Samstag betonte er, wie anstrengend dieses Jahr für viele seiner Spieler gewesen sei. Jetzt sei im Grunde die erste längere Phase seit der WM, in der sich seine Nationalspieler erholen, auftanken können. "Wir kennen unsere Probleme, wir kennen aber auch unser Potenzial - und das werden wir ab Herbst wieder abrufen."

Nach der WM noch kein einziges Mal richtig überzeugt

Das wird allerdings auch Zeit. Zehn Spiele hat die Nationalmannschaft seit dem WM-Finale bestritten, überzeugend war davon im Grunde kein einziges. Und daher steht das Team in der EM-Qualifikation derzeit auch zu Recht nicht auf Platz eins der Gruppe, sondern ist lediglich Zweiter hinter Polen und hat die Iren und Schotten nach wie vor im Nacken.

All das ist dem Bundestrainer natürlich bewusst. Am Samstag benannte er drei Probleme. Neben der Chancenauswertung bemängelte er nicht zum ersten Mal Defizite im schnellen Umschalten von Abwehr auf Angriff, "das haben wir ein bisschen verlernt". Auch das Spiel gegen Gegner, die früh angreifen, wie es zuletzt in Köln die US-Amerikaner getan hatten, sei "noch sehr zu verbessern".

Zu viel Unzufriedenheit wollte Löw an diesem portugiesischen Frühsommerabend aber dann doch nicht aufkommen lassen. Immerhin hatte sich sein Team die Halbzeitrüge ganz offensichtlich zu Herzen genommen und nach der Pause gegen nachlassende Gibraltarer noch sechsmal getroffen. So gehörten die Schlagzeilen am Ende nicht einer möglichen Blamage von Faro, sondern der Nagelfeile des Bundestrainers, die er in der zweiten Halbzeit sichtbar für alle Fernsehzuschauer zum Einsatz brachte, da "mir ein Nagel abgerissen war und ich das gemerkt hatte".

Ein abgebrochener Fingernagel - wenn das am Ende des Abends der größte Aufreger war, dann kann der Bundestrainer dann doch beruhigt in den Sommerurlaub gehen.

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