Dortmunds Giovanni Reyna Ein amerikanischer Traum

Der erst 17-jährige Giovanni Reyna ist in seiner zweiten Saison bereits auf gutem Weg, häufig in der Startelf des BVB zu stehen. Im Gegensatz zu Trainer Favre will er es auch mit den Bayern aufnehmen.
Von Marcus Bark, Dortmund
Dortmunds Giovanni Reyna bejubelt seinen Führungstreffer: "Wir gehen nicht in die Saison und erwarten, dass Bayern München Meister wird, wir erwarten, dass wir Meister werden"

Dortmunds Giovanni Reyna bejubelt seinen Führungstreffer: "Wir gehen nicht in die Saison und erwarten, dass Bayern München Meister wird, wir erwarten, dass wir Meister werden"

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Bernd Thissen / dpa

Die Frage wird kommen, wieder und wieder - zumindest solange Borussia Dortmund mit dem FC Bayern Schritt hält. Wird der BVB in dieser Saison in der Lage sein, besser zu sein als die Bayern? Kann er Meister werden? Da die Dortmunder mit dem 3:0-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach nach Punkten gleichzogen, ging es schon los. Lucien Favre wurde nach dem Spiel gefragt, ob dies nach dem 8:0 der Münchner gegen den FC Schalke 04 ein wichtiges Zeichen gewesen sei.

Es könnte die Ahnung auf jene zähen, bohrenden Fragen gewesen sein, die den Trainer des BVB dazu veranlasste, selbst ein Zeichen zu setzen. "Sorry, wir sprechen nicht über die Bayern. Sie sind die beste Mannschaft der Welt", sagte er. "Überall" habe der Meister "so viel Qualität" - und: "Wer das nicht sieht, hat ein Problem. Dann muss er seinen Job wechseln."

Die Einschätzung dürfte in Dortmund unter den aktuellen Gegebenheiten auf einige Zustimmung stoßen, auch unter manchen Spielern und Fans. Das dämpft die Erwartungen, die vor der Saison bereits ohnehin ein wenig heruntergeschraubt worden waren, um der lästigen Fragerei zu entgehen. Aber die Einschätzung sagt Spielern und Anhängern eben auch: Ihr könnt euch anstrengen, wie ihr wollt, die anderen werden besser sein.

Es ist ein ziemliches Kommunikations-Dilemma, in dem Trainer und Vereinsführung der Dortmunder stecken: Sie könnten angesichts der vielen jungen, überdurchschnittlich talentierten Fußballer darauf verweisen, dass die Mannschaft noch Zeit brauche, um sich zu entwickeln. Aber sie wissen auch, dass in Deutschland vor allem ein Verein die Möglichkeit hat, seine Spieler zu halten und sich dadurch Zeit zu erkaufen - der FC Bayern.

Dortmund ist weiterhin ein Ausbildungsverein, wenn auch auf äußerst hohem Niveau. In der westfälischen Fußballfirma halten sie mit großem Aufwand Ausschau nach den Spielern, die in den kommenden Jahren die Sanchos und Haalands ersetzen, die wiederum Ousmane Dembele und Pierre-Emerick Aubameyang ersetzten.

Jadon Sancho, 20 Jahre alt, legte am Samstag dem gleichaltrigen Erling Haaland dem Treffer zum 3:0 auf. Es war die gelungene Kombination der alten Jungen. Die jungen Jungen hatten bereits für das 1:0 gesorgt: Jude Bellingham, 17, passte. Giovanni Reyna, 17, traf. Der Konter zum 3:0 in der 77. Minute rauschte an Marco Reus und Julian Brandt vorbei, die an der Seitenlinie zur Einwechslung bereitstanden.

Irre Geschwindigkeit, schwer zu stoppen

"Sie sind in Form, sie haben das Momentum", begründete Favre die Aufstellung von Bellingham und Reyna, zu denen es erfahrene und konservative Alternativen auf der Bank gegeben hätte. "Gio Reyna zeigt seit Langem gute Leistungen, auch im Training", ergänzte der Trainer, der für seine jugendliche Offensivabteilung sogar sein System änderte. Sancho rückt deutlich mehr ins Zentrum als in der vergangenen Saison. Er pendelt auf einer Position als zweiter Spitze neben Haaland und einem zweiten "Zehner" neben Reyna, der auch entweder im Zentrum oder im Halbraum spielt.

Die flexible Ordnung, vor allem aber die irre Geschwindigkeit der einzelnen Spieler macht es dem Gegner schwer, die Dortmunder Offensive zu stoppen.

Giovanni Reyna kam in der vergangenen Saison auf durchschnittlich deutlich weniger als eine halbe Stunde Spielzeit bei seinen 15 Spielen in der Bundesliga. Aber schon diese Zahl an Einsätzen war erstaunlich, denn Reyna wurde erst im Sommer 2019 aus der Akademie des New York City FC verpflichtet.

Die Dortmunder erkannten in Reyna einen möglichen Nachfolger von Christian Pulisic, dem US-amerikanischen Landsmann, der inzwischen für mehr als 60 Millionen Euro an den FC Chelsea verkauft wurde. Reyna sollte sich zunächst in der U19 an das neue Land und den neuen Verein gewöhnen. Aber Favre holte ihn schnell zu den Profis und wechselte ihn dort dann meistens ein.

"Ich möchte mehr Tore schießen"

Der Status dürfte sich nun häufiger von "Joker" in Startspieler ändern.

"Ich möchte mehr Spiele machen, mehr Tore schießen, mehr Tore vorbereiten", hatte er vor dem Start gesagt. Die Ziele sind teilweise schon erfüllt, denn ihm gelang nun der erste Treffer in der Spielklasse, in der sein Vater Claudio einst für Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg spielte. "The American Dream" nannte Haaland seinen Kollegen, der im Frühjahr in der US-Nationalmannschaft, für die sein Vater an drei Weltmeisterschaften teilnahm, hätte debütieren sollen. Die Länderspiele fielen aber wegen der Corona-Pandemie aus.

Die Vorarbeit im Spiel gegen Gladbach, die nun auch schon für diese Saison in den Büchern steht, resultierte aus einem Elfmeter, bei dem Reyna ein wenig getroffen wurde und ein wenig aus freiem Willen fiel. "Klarer Penalty", urteilte Favre über eine Entscheidung, die sehr fragwürdig war. Dass Reyna zuvor ein Abspiel verpasste, das die bessere Option gewesen wäre als in den Zweikampf mit Rami Bensebaini zu gehen, wird ihm der Trainer vermutlich in der Analyse noch sagen.

Eventuell sprechen sie dann auch ab, wie künftig die Frage nach den Bayern beantwortet wird. Reyna jedenfalls sagte vor dem Start: "Wir gehen nicht in die Saison und erwarten, dass Bayern München Meister wird. Wir erwarten, dass wir Meister werden. Und ich glaube, dass unsere Chancen ganz gut sind."

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