Gipfelsturm Wie Bruce Willis auf dem Gotthard versagte

Die Nationalelf macht es vor, die Reporter ziehen nach: immer weiter nach oben. Doch während das Löw-Team zu ebener Erde arbeitet, müssen manche über echte Berge. Christian Gödecke befuhr nachts den Gotthardpass. Ausgerechnet Bruce Willis ließ ihn dabei im Stich.


Der Gotthard-Tunnel nervt. 17 Kilometer zieht sich jeweils eine Fahrspur, LKW drängeln, das Licht ist diffus. Eine Fahrt durch diesen Tunnel ist die Hölle für Klaustrophobiker, für den Rest ist sie eine Tour der Angst. Zahlen und Mythen schießen in den Kopf, mehr als 30 Tote seit 1980, angeblich soll selbst der Teufel hier am Werk gewesen sein.

Action-Star Willis: Probleme im Gebirge
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Action-Star Willis: Probleme im Gebirge

Wir haben den Gotthard-Tunnel gehasst, als der Kollege Kipp und ich auf dem Weg nach Basel zum Viertelfinale waren. Wir rollten mit den Augen und waren erleichtert, als das Licht am Ende auftauchte. Das letzte, was wir uns in diesem Moment vorstellen konnten, war, ihn zu vermissen.

Auf der Rückfahrt war er dann geschlossen.

Kipp hatte irgendein Hinweisschild 30 Kilometer vor der Tunneleinfahrt gesehen, aber wir wollten es nicht glauben. Es war ein Uhr nachts, ich starrte auf meinen Laptop und schrieb die Deutschen von der Hölle in den Himmel. Die Gipfelstürmer des DFB waren wieder auf dem Weg nach oben, ich wollte nur unter dem Berg durch und schnell nach Hause. Der Akku machte Probleme. "Passt schon, bestimmt nur für Lkw", sagte ich. Kipp sagte nichts.

Als die Absperrung vor dem Tunnel auftauchte, hatte ich noch 20 Minuten, bevor der Bildschirm schwarz werden würde. Der Gotthard war wirklich geschlossen.

Wir mussten über den Gotthard-Pass. 2100 Meter hoch, Serpentinen so eng wie ein abgeknickter Gartenschlauch, Temperaturen von 10 Grad und drunter. Zum Glück lag kein Schnee. Kipp sagte plötzlich, dass er steile Wände hasse, seitdem er als Kind mal mit einem Bus in die Berge gefahren sei. Ich murmelte "Hmm", dann wurde der Bildschirm schwarz.

Wir haben ein Navigationsgerät, das aussieht wie ein kleiner Schwarzweiß-Fernseher aus den Sechzigern. Kipp hatte sich extra Bruce Willis als Ansager aus dem Internet heruntergeladen, aber Bruce Willis hatte was gegen das Gerät. Willis funktionierte nicht. Stattdessen schickte uns eine Frauenstimme mal rechts einen schmalen Weg entlang, dann wieder nach links. Irgendwann merkten wir, dass das Navi keine Lust auf den Gotthard-Pass hatte und zurück zum Tunnel wollte.

Wir schafften es doch noch oben drüber. Dahinter begann die Autobahn, und wenn wir aus dem Fenster schauten, sahen wir lauter deutsche Autos mit deutschen Kennzeichen daran und deutschen Journalisten darin. Die Kollegen rasten an uns vorbei, wir lächelten. Fahrende Blitzerwarner, wir nannten sie "unsere Minenfrösche". Sollen sie doch schneller zu Hause sein. Wir hatten den Gotthard bezwungen. Mit Höhenangst und ohne Bruce Willis. Unser ganz persönlicher Gipfelsturm.



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