Gladbachs Sieg über Bayern Süße Momente der Macht

Sie verteidigten offensiv und begegneten den Bayern mutig: Mit drei Toren und einer guten Taktik entzauberten die Gladbacher das Spiel des Rekordmeisters aus München. Geht es nach der "Schubert-Tabelle", ist Pep Guardiola von Rang eins verbannt.

Bongarts/Getty Images

Von , Mönchengladbach


Es gibt diese magischen Stadionmomente, in denen das Publikum innerhalb weniger Sekunden erkennt, dass ihrer Mannschaft etwas Großes glücken wird. Als Fabian Johnson in der 68. Minute nach einem langen Ball von Julian Korb auf das Münchner Tor zustürmte, erhob sich ein Jubel, in dem genau diese Gewissheit mitschwang. Alle spürten, dass der Mönchengladbacher Offensivspieler nun das krönende 3:0 erzielen und die erste Saisonniederlage des FC Bayern vollenden würde.

Als der Ball Augenblicke später über die Linie kullerte, tobte der Borussia-Park. "Ich bin sprachlos. Ich habe eine Gänsehaut", sagte Kapitän Granit Xhaka, als das 3:1 (0:0) gegen den Rekordmeister abgepfiffen war. "Was wir in der zweiten Halbzeit abgezogen haben, das ist schon was. Wir haben Mut gehabt - und sind belohnt worden."

Die Mönchengladbacher Spieler und ihre Fans erlebten süße Momente der Macht, nicht nur weil sie selbst eine "Sensationsleistung" hinbekommen hatten, wie Trainer André Schubert später sagen sollte. Sondern auch, weil sie die Verletzlichkeit der vielleicht besten Mannschaft der Welt entblößten.

Nach dem ersten Gegentor (Oscar Wendt, 54.) fiel die Übermacht aus Süddeutschland in sich zusammen. Durch ein Gegentor wurden die Bayern von unschlagbaren Wesen aus einer anderen Welt plötzlich "menschlich" (Sportdirektor Matthias Sammer). Fehlerhaft und unsicher ließen sie Lars Stindls 2:0 zu (66.), bevor Johnson zum dritten traf.

Gladbachs riskantes Aufbauspiel

Es war tatsächlich eine denkwürdige Entzauberung, die jenseits der Menschwerdung der Münchner Halbgötter viel mit den Gladbachern zu tun hatte. In der ersten Hälfte benötigten sie zwar auch Glück, als die Bayern vier, fünf Großchancen vergeudeten. Aber dann fruchteten Schuberts Ideen. Normalerweise ist es ja Münchens Trainer Pep Guardiola, der während so eines Fußballspiels ständig neue Lösungen entwickelt, dessen Team sich immer besser an die jeweilige Gegenstrategie anpasst. An diesem Nachmittag war es umgekehrt.

Der bemerkenswerte Erfolg war daher auch ein persönlicher Sieg Schuberts über die Kollegen. "Wir haben uns nicht wie viele andere Mannschaften hinten reingestellt", sagte Johnson, dessen Team offensiv verteidigte und sehr mutig versuchte, das Münchner Pressing mit einem riskanten Aufbauspiel zu umgehen. Das funktionierte, und so kursierten am Ende die Superlative.

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Es war nicht nur die erste Saisonniederlage der Bayern, Pep Guardiola hat überhaupt zum ersten Mal ein Hinrundenspiel in der Bundesliga verloren. Außerdem ist Gladbachs junger Trainer mittlerweile sogar erfolgreicher als der große Spanier von der Bayern-Bank. Statistiker erstellten umgehend die "Schubert-Tabelle", und in diesem Zahlenwerk, das alle Partien seit Schuberts erstem Bundesligaauftritt am 6. Spieltag enthält, steht Gladbach vor den Bayern. Der 44-jährige hat zwar erst neun Bundesligaspiele als Cheftrainer erlebt, aber er hat bereits ein erstes echtes Meisterstück geschaffen.

"Die Jungs wollten das so"

Denn hinter diesem Erfolg steckte eine Idee, die sich der Trainer und seine Assistenten ausgedacht hatten. Sie hatte sich für eine Grundformation mit Dreierkette entschieden, ein System, das die Borussia bis auf kurze Phasen in anderen Partien noch nie gespielt hatte. "Es gibt keine feste Struktur im Bayern-Spiel und das bedeutet, dass wir uns anpassen müssen, und dann läuft das genauso wie heute", sagte Schubert, der ja immer sehr bescheiden auftritt, dessen berechtigter Stolz auf seine Maßnahmen nun aber nicht zu übersehen war.

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Bisher hatten die Bayern gegen andere Spitzenteams ja auch deshalb klar gewonnen, weil die gegnerischen Trainer mit ihren Ansätzen gescheitert waren. Nun fand Schubert mit seinem 3-5-2-System eine Raumaufteilung, auf die Guardiola keine gute Antwort einfiel.

Nicht die Bayern wurden immer besser, weil sie die richtigen Gegenmaßnahmen entwickelten, sondern die Gladbacher, weil die Mannschaft das System immer besser umzusetzen vermochte. "Wir haben in der Vorbereitung viel an der Taktiktafel gearbeitet, und unser Plan ist sehr gut aufgegangen", berichtete Xhaka.

Schubert entwickelt solche Strategien nicht allein, sondern zusammen mit der Mannschaft, wie er später erzählte. In der Halbzeit, als es noch 0:0 stand und die Bayern viele Chancen gehabt hatten, habe er sich erkundigt, ob er etwas ändern solle, "aber die Jungs wollten das so, sie hatten ein gutes Vertrauen darein entwickelt", sagte Schubert.

Mit dieser Fähigkeit, Systeme und Strategien spontan anzupassen und zu verändern, hat Schubert einen Denkansatz in Mönchengladbach etabliert, der ein wichtiger Bestandteil von Guardiolas Erfolgsfundament in München ist und den auch Thomas Tuchel in Dortmund verfolgt. "Wir haben immer gesagt, dass wir ein bisschen flexibler spielen wollen", sagte er, "auch deshalb ist Gladbach wieder eine echte Spitzenmannschaft. Ein Team, das sich seit dem Vorjahr noch einmal weiterentwickelt hat.

Das ist nach dem schwachen Saisonstart sogar noch sensationeller als dieser Sieg gegen Bayern München.

insgesamt 45 Beiträge
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ExigeCup260 06.12.2015
1. Absparachen in der DFL
War von vornehrein klar (s. http://www.spiegel.de/forum/sport/kann-gladbach-bayern-schlagen-die-letzte-hoffnung-der-liga-thread-390370-1.html#postbit_38043433). Wer dem kommerziellen Fußball noch traut, dem ist auch nicht mehr zu helfen.
hulululu 06.12.2015
2. ExigeCup260
sicher, selten son Quatsch gelesen...
w-hintz 06.12.2015
3. super
danke gladbach wenn alle anderen mannschaften sich ein bisschen von den fohlen annehmen würden hätten die bayern nicht diese einsame position da oben.aber der rest der liga schickt die punkte lieber mit der post nach münchen als sich auf die hinterbeine zu stellen.
Msc 06.12.2015
4.
Hätte Bayern die Tore in der 1. Halbzeit gemacht, dann wäre das Spiel genauso ausgegangen wie gegen Dortmund. Bayern kann abwarten, Gegner muss aufmachen und riskanter werden, Bayern schießt noch mehr Tore. Dann hätte der Artikel ganz anders ausgesehen, auch wenn die objektiven Leistungen der Spieler gleich gewesen wären. Glücksspiel.
Orthoklas 06.12.2015
5. Sind wir doch ehrlich
Gladbach hatte in der ersten Halbzeit pures Glück, dass die Bayern nix aus ihren Chancen gemacht haben - sonst wäre das Ding mit 3:0 zur HZ gegessen gewesen. Der Rest ist Geschichte. Im Rückspiel wird den Niederrheinern dann vermutlich der geballte Frust der dann sicher konzentrierteren Bayern eine üble Klatsche bescheren.
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